Neben der Heldenreise ist die Grundmotivation von Figuren ein essenzielles Element für alle Plotter und Storyteller. Lies hier am Beispiel von Will Turner und Luke Skywalker, wie konträre „Ziele vs. Needs“ spannende Charaktere erschaffen können.

Don’t tell me what I can’t do

(John Locke, LOST)

 

Wir kennen die Heldenreise, wir kennen die verschiedenen Typen von Charakteren. Alles, was uns jetzt noch fehlt, um uns „Masters of Character Analysis“ zu nennen, ist die Grundmotivation von Figuren. Denn sie ist das A und O für deren Authentizität. Los geht’s:

 

Grundeinstellung

In diversen Rollenspielen würde man hier von „Gesinnung“ sprechen, mitunter spielt auch die Herkunft eine Rolle. Das Computerspiel Dungeons & Dragons gibt hier die neunstellige Matrix über Moralität (gut, neutral und böse) und Rechtsempfinden (rechtschaffen, neutral und chaotisch), die ich besonders gerne nutze, um Charaktere einzuordnen:

Dungeons & Dragons: Gesinnungen

Dungeons & Dragons: Gesinnungen

  • Ein GUTER Charakter achtet immer zuerst auf andere und dann auf sich; ein BÖSER genau umgekehrt. Der NEUTRALE befindet sich irgendwo dazwischen.
  • RECHTSCHAFFEN ist, wer sich an Regeln und Gesetze hält; CHAOTISCH, wer überhaupt keine Regeln kennt.

Dadurch, dass einem Charakter zwei Werte zugeordnet werden, wird man zu einer gewissen Tiefe gezwungen, somit vermeidet man strahlende Paladine wie Prinz Charming oder das abgrundtief Böse wie Sauron.

Über die Anwendung auf moderne Charaktere kann man streiten, hier einige meiner Beispiele:

  • Der Joker (Batman) ist ganz klar bei „chaotisch“ einzuordnen. Gut ist er eher nicht, aber ist er wirklich böse? „Der will doch bloß spielen!“ :D
  • Ein strukturiert vorgehender Antagonist wie der klassische Nazi-Offizier (z.B. Ken Duken in Max Manus: Man of War – sehr guter skandinavischer Independent Film) ist zwar böse (vermutlich aus der Erzählperspektive heraus, unter Vorbehalt), hält sich aber rechtschaffen an gewisse Regeln.
    Ich persönlich würde den rechtschaffenen Bösewicht immer dem chaotischen vorziehen, denn bei letzterem „weiß man nie, wann sie etwas wirklich Dummes tun“ (Jack Sparrow).
  • Dieser (Jack Sparrow) ist übrigens auch chaotisch, weil er keine Gesetze anerkennt bzw. befolgt; ich würde ihn zudem als neutral bezeichnen.
  • Robin Hood als Vogelfreier und Vagabund kann sowohl als chaotisch (ignoriert die geltenden Regeln) als auch als rechtschaffen (hält sich an seine eigenen Grundsätze) angesehen werden, ist jedoch eindeutig gut, weil selbstlos. Ebenso verhält es sich mit der Selbstjustiz übenden Figur Batman.

Betrachtet man unterschiedliche Charaktere unter diesem Aspekt, so verschiebt sich vielleicht das makellose Bild, das man von seinem Helden hatte, oder auf einmal erscheint der Antagonist gar nicht mehr so böse. Toll, diese Tiefe, oder? :-)

 

Ziel und Need

Aber ein guter Charakter hat weitaus mehr zu bieten als Gesinnungen. Egal, ob Protagonist oder Antagonist, ein wirklich guter Charakter macht eine Entwicklung durch (sofern der Autor ihm den Platz dazu gibt. Jemand, der bloß als Katalysator eingesetzt wird, wird es schwer haben, sich selbst zu entfalten).

Und, wie wir in der Heldenreise lernen, macht erst die Entwicklung den Helden aus. Somit lösen wir mitunter das klassische Bild von Protagonist und Antagonist auf, wenn sich der Protagonist nicht entwickelt, der Antagonist aber schon.

Was braucht es dazu? Ganz simpel ausgedrückt: Ein ZIEL. Und ein NEED (Herzenswunsch/ Grundsatz).
Wie schaffen wir Drama und Spannung? Indem wir Ziel und Need einander entgegen setzen! Beispiel gefällig? Gerne!

  • Will Turner’s Ziel ist es, Elizabeth zu befreien. Sein erklärtes Need ist es aber, nichts mit Piraten zu tun zu haben – ever!
    Wo ist das Problem? Genau, er muss sich mit Piraten (i.e. Jack Sparrow) zusammen tun, also sein Need überwinden (oder aufgeben), um sein Ziel zu erreichen.

Okay, das geht ja noch, war ja ganz witzig mit dem alten Jack. Anderes Beispiel:

  • Luke Skywalker (Krieg der Sterne) (ist übrigens offiziell ein modernes Märchen nach dramaturgischen Strukturen) hat das Ziel, Darth Vader zu töten. Sein Need seit seiner Kindheit ist es allerdings, eine intakte Familie und einen Vater zu haben.
    Er muss sein Need überwinden und seinen eigenen Vater töten, um sein Ziel zu erreichen. Das ist der Stoff, aus dem Tragödien sind!

Nur, wenn Ziel und Need nicht miteinander vereinbar sind, entsteht ein innerer Konflikt. Ein Teil des Charakters muss zurückstecken um voran zu kommen – oder aber der Charakter scheitert (oder er ist eindimensional).

  • Jack Sparrow übrigens, den Disney’s PR-Abteilung als Protagonisten der mittlerweile Quadrologie kommuniziert, ist ein solcher eindimensionaler Charakter: Sein Ziel ist die Black Pearl, sein Need ist die Freiheit. [Congratulations, Mr. Sparrow. Hol dir dein Ziel und du kriegst dein Need gratis mit dazu!]
    Er muss sich nicht entwickeln und keinen inneren Kampf austragen, deswegen kann er nicht der Held sein. Der ist nämlich Will Turner, der brav sein Need überwindet und eine Entwicklung durchmacht.

 

What else?

In der Regel stellt dieser Ziel-Need Konflikt den Höhepunkt der inneren Entwicklung dar, nach der sich der Held bestärkt seinen Aufgaben und dem Endgegner stellen kann.
Im Laufe der Handlung können sich Unterziele und Unter-Needs aber auch verschieben und verändern:

  • In Romeo und Julia ist das offensichtliche Ziel der Liebenden, beieinander zu sein. Als artige Sprösslinge hochrangiger Familien ist es aber natürlich zu Beginn ihr Need, den Familienfrieden zu wahren. Gegen Ende der Handlung tut sich Romeo und Julia aber ein ganz anderes Need auf: Leben.
    Beide bringen das ultimative Opfer, indem sie ihr ultimatives Need aufgeben und sich umbringen, um für immer ihr Ziel, die Nähe zum anderen, zu erreichen.

 

Fazit: If it’s worth having, it’s worth fighting for.

Wenn dir noch weitere Beispiele einfallen oder du dir nicht ganz sicher bist, lass uns doch in den Kommentaren darüber diskutieren! Bis dahin:

DANKE FÜR’S LESEN und bis zum nächsten Mal!