Wow, ich habe gerade einen 916 Seiten starken Historischen Roman beendet. Und ich bin dankbar, dass es vorbei ist. Bevor ich das Werk als Buch des Monats rezensiere, hier meine Gedanken darüber, dass in der Kürze tatsächlich die Würze liegen kann. Fünf Handlungsempfehlungen, sinnloses Gebrabbel und überflüssige Seiten zu vermeiden:

Man muss einfach reden und kompliziert denken. Nicht umgekehrt.

Franz-Josef Strauß

 

1. Show, Don’t Tell

Dieser wunderschön einprägsame Halbsatz erklärt sich von selbst: Zeige, was du meinst, und sag es nicht. Ausführlich erkläre ich das in meinem Artikel über direkte und indirekte Charakterisierung.

Statt also seitenweise eine Szenerie zu beschreiben, lasst eure Figuren darin agieren. Das ist sehr viel spannender und sehr viel atmosphärischer als die reine Narration.

Ersetzt so oft es geht beschreibende Passagen durch wörtliche Rede, denn die hat drei entscheidende Vorteile:
– Sie beschreibt nicht bloß die Szenerie, sondern definiert auch durch Wortwahl, Satzbau, etc. die Figur und ihre Beziehung zu ihrem Gesprächspartner.
– Sie lockert sowohl das Schriftbild auf (Jede wörtliche Rede beginnt in einer neuen Zeile) als auch die monotone Narration.
– Sie bevormundet den Leser nicht und diktiert ihm eine Meinung auf. (Nicht jeder Leser muss die vom Erzähler als „wunderschön“ bezeichnete Frau mit Size Zero und elfenblasser Haut auch „wunderschön“ finden. Ist das die Meinung einer Figur, kann der Leser auch für sich entscheiden, sich davon zu distanzieren.)

 

2. Rechtfertige deine Charaktere nicht

Eines der Elemente, das mir in besagtem Buch am Häufigsten übel aufgestoßen ist, war, wenn eine Figur nach ein paar Seiten noch einmal über eine bestimmte Situation nachdenkt und im inneren Monolog mit sich selbst klärt, warum sie dieses und jenes getan (oder nicht getan) hat.
Zurück zu Punkt 1: Hätte der Erzähler ge-show-t und nicht bloß ge-tell-t (ja, es heißt ‘told’), wäre die Motivation der Figur vielleicht ein wenig klarer geworden. Schade. So verschwendet man jetzt wertvolle Zeichen und Wörter (mit das Wichtigste, was einen Verlag interessiert), um im Nachhinein noch einmal aufzurollen, was warum passiert ist.

Ich finde, wenn der Leser nicht versteht, warum eine Figur etwas getan oder nicht getan hat, dann hat die Figur ein Problem. Bitte macht es nicht zum Problem des Lesers, überarbeitet lieber eure Figur, gebt ihr Ziele und Motivationen und eine Entwicklung.

Natürlich (keine Regel ohne Ausnahme) gibt es einzelne Situationen, in denen ihr die Entscheidung einer Figur erklären müsst, etwa, weil sie für den Protagonisten (aus dessen Sicht ihr vielleicht hauptsächlich personal erzählt) bisher unbekannt war, oder weil sie plötzlich vollkommen entgegen ihres ursprünglichen Habits gearbeitet hat.

Aber bitte lasst vor allem euren Protagonisten nicht andauernd rechtfertigen, schon gar nicht im inneren Monolog(!), warum er gehandelt hat.
Wie gesagt: Show (im Augenblick), don’t tell (im Nachhinein!).

 

3. Resümmiere nicht jedes einzelne Ereignis

Das hängt eng mit Punkt 2 zusammen, denn meist geht einer inneren Rechtfertigung ein inneres Resümee des betreffendes Ereignisses voran.
Das ist völlig okay, wenn es der Anfang von Buch 3 ist und ihr euch auf ein Ereignis aus Buch 1 bezieht. Das ist auch halbwegs okay, wenn ihr nach 350 Seiten noch einmal (die Betonung liegt auf ein Mal) in Erinnerung rufen wollt, was denn damals passiert ist.

Aber um die Ecke biegen und nochmal darüber nachdenken, was denn gerade so alles passiert ist, damit die Figur danach erklären kann, warum sie was gemacht hat, verschwendet Zeichen im Manuskript, Nerven des Lesers und Lebenszeit!
Ich meine, ich war dabei, erinnerst du dich? Ich hab alles mitgelesen und das ist noch nicht einmal 50 Seiten her! Würdest du also bitte einfach weiter machen mit der Geschichte?!

Wenn ihr euren Lesern also nicht gerade Demenz vorwerft, schont bitte ihre Nerven. Besonders schlimm ist so etwas übrigens, wenn gleich mehrere Charaktere die Ereignisse resümieren, um nochmal ganz deutlich zu machen, was sie davon halten.

Show, don’t tell! Und mach einfach weiter!

 

4. Beschränke dich auf EINE Haupthandlung

Für dieses Beispiel möchte ich einen Ausflug in die Filmwelt machen. Während Bücher von der Norm (300-500 Seiten) zuweilen sehr, sehr massiv abweichen, müssen sich die allermeisten Filme (Blockbuster wie Herr der Ringe und Titanic ausgenommen) an eine Länge von etwa 130 Filmminuten halten. Wie Autoren und Verlage Wörter zählen, zählen Filmemacher und Verleihe Filmminuten. Daher: Fasst euch so kurz wie möglich, nehmt euch so viel Zeit (und Zeichen) wie nötig. Und fokussiert euch auf den Kern eurer Geschichte.

Das folgende Beispiel nehme ich aus dem neuen StudioCanal Film Cold Blood mit Eric Bana und Olivia Wilde. Wer sich den Film noch anschauen möchte, sollte direkt zu Punkt 5 springen.

Wenn man also in einem 130 Minuten langen Film erzählen will, wie sich
1. Ein Paar kennen lernt, 2. Die Geschichte der Frau aufgerollt wird, 3. Das Familien-Drama zwischen dem Mann und seinen Eltern erzählt wird, 4. Polizisten einen Selbstjustiz übenden Killer quer durch die Prärie jagen und 4. Im Elternhaus des Mannes jener Killer ein “The Strangers”-Thriller-Szenario veranstaltet,
dann leiden die einzelnen Story-Elemente wahnsinnig darunter.

Ich meine, rechnet mal durch, wie viele Filmminuten jeder dieser Handlungsstränge bekommt. Ist das eurer Geschichte würdig?

Allein die Geschichte, dass sich ein Paar kennen lernt (wir kennen Tausende davon und nennen sie “Frauenfilme”) kann auf 130 Minuten ausgestreckt werden. Die Geschichte der Frau und das Elterndrama des Mannes sind ein weiterer 130 Minuten Film (vielleicht nach dem ersten “Happy End”, wenn ihnen auffällt, dass doch nicht alles perfekt ist). Und das Thriller-Szenario im eigenen Haus, nun, wir kennen genug Horror-Filme, die das meisterlich auf 130 Minuten strecken können.

Wechseln wir wieder zum Buch. Wozu gibt es (immer mehr!) Trilogien, Quadrologien und Mehrteiler?
Gerade beim Buch habe ich zwar die Möglichkeit, die durchschnittlichen 400 Seiten (aka 130 Filmminuten) massiv zu überschreiten, aber muss ich das wirklich? Kann ich obige Story nicht auch in drei Bücher à 400 Seiten packen anstatt in eines mit 1200 Seiten?
Übrigens ist das Verlagsrisiko bei weniger Seiten nicht so hoch und die Veröffentlichung daher wahrscheinlicher. Bei Misserfolg hat man eine stimmige, dichte Geschichte über einen Mann und eine Frau erzählt. Bei mittelmäßigem Erfolg schiebt man den Rest der Story als Fortsetzung hinterher.

 

5. Zücke den Rotstift

Zum Korrigieren von Skripten gibt es unzählige Anleitungen (auch von schon verlegten und erfolgreichen Autoren), sodass ich hier nicht im Detail darauf eingehen werde. Vielleicht gibt es dazu irgendwann einen gesonderten Artikel.

Fürs erste, um den Artikel sinnvoll abzuschließen:
Achtet darauf, dass jede Szene einen Sinn hat. Idealerweise bringt sie den Plot weiter oder charakterisiert die Figuren. Manchmal darf auch bloß ein wenig Atmosphäre oder Spaß dabei sein, aber nicht zu häufig.
Ihr habt nicht unendlich viele Zeichen (und Filmminuten) zur Verfügung, macht das Beste draus!