„Ein ganzes halbes Jahr“ kommt ins Kino – wohl der romantischste Film des Jahres! Aber ist Jojo Moyes‘ Bestseller wirklich romantisch? Hier mein Dramaturgia-Check zum wohl meistgeliebten Liebesroman des Jahres.

Sie haben nur ein einziges Leben. Es ist ihre Pflicht, so viel wie möglich daraus zu machen.

Will Traynor

„Ein ganzes halbes Jahr“ erzählt die (Liebes- (?)) Geschichte zwischen einem querschnittsgelähmten Draufgänger und einem grauen Mäuschen. Riesenpotenzial für eine tolle Story. Und das Buch ist auch romantisch. Irgendwie. Aber irgendwie auch nicht. Es ist eine andere Art von Romantik. Eine, die mir nicht so sehr gefällt. Aber von Beginn an:

 

Guter Stil, authentisches Szenario

Manch einer spricht im Zusammenhang mit Jojo Moyes‘ „Ein ganzes halbes Jahr“ von Klischees. Das fand ich gar nicht so sehr bzw. es hat mich nicht wirklich gestört. Das Buch liest sich wahnsinnig flüssig und kurzweilig aus der Ich-Perspektive (bis auf die Einschübe im hinteren Teil, deren Sinn und Mehrwert ich nicht wirklich verstanden habe), einige von Louisas Gedanken und Sätzen ließen mich sogar schmunzeln. Das Setting ist authentisch und nachvollziehbar aufgebaut, die Geschichte entwickelt sich gut und sinnvoll.

Ich muss auch zugeben, mich hat das Ende berührt. Ich habe zwar nicht geweint und ich habe es mir auch ein bisschen gedacht (alles andere wäre inkonsequent gegenüber der Figur des Will Traynor gewesen). Aber ich fand es schön. Eigentlich doch gute Voraussetzungen. Aber dann kam Lou.

 

Das Problem mit Louis a(nd) Clark

Es tut mir leid, das sagen zu müssen. Aber Louisa ist für mich eine der schlimmsten Protagonistinnen seit Langem, ungefähr so, wie ich mir Anastasia Steele aus „Shades of Grey“ vorgestellt habe und deswegen das Buch nie gelesen habe (und meine Vermutung wurde im Film bestätigt).
Ich wollte Louisa mögen, ich WILL sie mögen. Aber ich kann nicht anders, als sie einfältig und naiv zu finden – einfach, weil ich mich permanent über sie geärgert habe.

Ich könnte einen ganzen Blogartikel darüber füllen, wie sehr ich eine Figur verachte, die nichts kann außer Tee kochen. Wörtlich. Abgesehen davon, dass sie mit 26 Jahren noch zu Hause bei ihren Eltern wohnt und sich Wortgefechte und Verhaltensweisen mit ihrer Familie liefert, über die andere bereits mit 16 hinausgewachsen sind, dass sie im Jahr 2009 nicht das Internet bedienen kann, nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll und absolut kein Selbstwertgefühl hat, obwohl sie den verbrieft grässlichsten Kleidergeschmack der Kleinstadt scheinbar doch recht stolz und ohne Komplexe durch die denkmalgeschützten Touristenstraßen trägt.

 

Ich hatte zwischendrin übrigens die Hoffnung, dass der Name irgendeine versteckte Bedeutung hat – du weißt schon, à la Superman. Lois Lane und Clark Kent. Und ich habe darauf geachtet, wann Will sie Louisa nennt und wann Clark. Dass sie vielleicht sein persönlicher Superheld ist. Aber leider hat Jojo Moyes diese geniale Chance nicht genutzt. Louisa ist nicht Superman. Louisa ist nicht einmal Lois Lane. Schade.

 

Diese Geschichte ist (nicht) romantisch

Doch. Das Buch ist romantisch. Siehst du:

  • Eine Frau muss die harte Schale des unnahbaren Mannes aufbrechen
  • Der Cinderella-Effekt: Sie blüht durch ihn auf (na ja, sie versucht es zumindest)
  • Er braucht sie genauso sehr wie sie ihn

Es gibt auch einige wirklich sehr schöne Szenen. Einige. Wenige. Zu wenige für einen Liebesroman, für meinen Geschmack.

Eigentlich sagt dieser Roman „Liebe ist nicht nur ‚Schmetterlinge im Bauch‘. Wach mal auf aus deinem rosaroten Glitzer-Einhornland!

Der Roman zeigt uns: Liebe ist Selbstaufopferung. Liebe ist bedingungslos. Liebe ist Loslassen. Liebe ist Hoffnung. Liebe ist den Moment genießen.

 

Aber ich will das nicht!

Ich will ein Buch lesen, um mich entführen zu lassen. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, wie traurig das Leben ist. Ich will mich nicht schlecht fühlen müssen, weil andere Leute im Rollstuhl sitzen. Ich will Will nicht aus Mitleid toll finden und über seine (hier wieder ein Pluspunkt: – durchaus nachvollziehbare störrische Unnahbarkeit – ) hinwegsehen müssen, ich will mich nicht mit Lous kleingeistiger Unzulänglichkeit identifizieren müssen. Das ist für mich nicht romantisch. Wie manche Leute das sogar „kitschig“ nennen können, ist mir völlig schleierhaft.

Ein ganzes halbes Jahr“ ist für mich kein Liebesroman, es ist eher therapeutische Depressionsbehandlung. Ich bin kein Depressionspatient, aber dieses Buch will mich dauernd dazu machen. Ich will das nicht!

Ich will Gefühle, ich will Herzklopfen. Ich will mich freuen können, ich will ein Happy End. Deswegen ist das romantischste Buch des Jahres für mich leider überhaupt nicht romantisch. Es ist ein Buch über die Liebe. Aber es ist nicht romantisch.

 

Fazit

Tut mir leid, Jojo Moyes und ich werden keine Freundinnen.
Obwohl ich ihren Schreibstil nicht so „plump und trivial“ finde wie manch kritische Stimme, sondern im Gegenteil sehr gut zu Lou passend (über die Ausgestaltung dieser Figur kann man streiten, aber sie erfüllt ihre Rolle in der Geschichte immerhin gut). Und, obwohl ich durch dieses Buch endlich eine weibliche Sprecherin gefunden habe, die mich tatsächlich begeistern kann: Luise Helm.

Leider, leider, leider kann ich den Bestseller-Listen und unglaublichen 3.800 (von 4.000) 4* und 5*-Rezensionen auf Amazon nicht zustimmen.
Dieser Roman löst in mir nichts aus als Wut auf die Unzulänglichkeit der Protagonistin, Unzufriedenheit mit den grausamen Schicksalsschlägen im Leben und Unlust auf den Alltag.

Ich weiß nicht, ob ich eher zwei oder drei Sterne geben würde. Es hat mich doch sehr zum Nachdenken angeregt, aber das war eher der Tatsache geschuldet, dass ich mir das Hirn darüber zermartert habe, warum so viele, so viele Leute es so gut finden. Aber eigentlich war es nur eine endlose Aneinanderreihung von Fremdschämen, Peinlichkeiten und tristem Alltag mit einigen, wenigen (wirklich schönen!) tollen Momenten, die fast so etwas wie das Prädikat „romantisch“ von mir bekommen könnten.

Vielleicht ist es mein Trotz gegen diesen Hype, vielleicht meine große Enttäuschung über das nicht erfüllte Versprechen nach Romantik. Aber ich gebe eher die zwei Sterne.

 

Trotzdem freue ich mich total auf den Film, dessen Trailer mich trotz meiner negativen Grundeinstellung echt überzeugen konnte! Vielleicht können Emilia Clarke und Sam Claflin der Geschichte ja die Romantik einhauchen, die die Buchseiten nicht konnten.

 

Das Buch

Der Roman Ein ganzes halbes Jahr von Jojo Moyes erschien 2016 in der 9. Auflage bei Rohwolt Verlag.

Taschenbuch Ausgabe (544 Seiten)
ISBN-10: 3499266725
ISBN-13:
978-3499266720

Das Hörbuch (ungekürzt 14 Std. 44 Min.), gelesen von Luise Helm, erschien 2013 im Argon Hörbuchverlag.