Bei den Oscars 2015 herrschte eher wenig Unterhaltung und relativ viel Political Correctness. Aber wie viel Film? Wo ist die Grenze von Unterhaltung und moralischer Botschaft? Gibt es eine? Ich stelle die Frage: „Ist das Politik oder kann das weg?“

„Ich muss Ihnen gestehen, die Liebe zum Kino ist mir wichtiger als jede Moral.“

Alfred Hitchcock

 

Geht es nur mir so, oder ist die Preisverleihung der Preisverleihungen dieses Jahr eher unspektakulär über die Bühne gegangen? Die 87. Verleihung der Oscars ist nicht einmal eine Woche her und man hört und liest kaum noch etwas von den ausgezeichneten Filmen oder Darstellern, geschweige denn von der Veranstaltung selbst. Das Einzige, was man noch liest,  ist die ungestellte Frage der Redaktionen zwischen den Zeilen: „Ist das Politik oder kann das weg?“

 

Die Sache mit dem Timing

Schon seit Montagmorgen denke ich darüber nach, wie ich meinen Oscar-Post am besten angehe, vor allem, weil ich mir die Verleihung dieses Jahr gar nicht live angesehen habe. Warum? Weil leider dieses Jahr überdurchschnittlich viele Filme noch gar nicht bei uns in Deutschland liefen.

Früher war es so, da ging man das Jahr über ins Kino, und man sah einige wirklich gute Filme. Und man dachte bei sich „Klasse, der wird bestimmt für einen Oscar nominiert, ich freue mich jetzt schon drauf!“
Und wenn die Nominierungen dann raus waren, war man immer engaged. Zum Teil überrascht, zum Teil auch frustriert, aber man war immer glücklich und man fühlte sich als ein Teil davon.

Dieses Jahr habe ich mich eher wie ein Hinterwäldler gefühlt, als die Nominierungen raus waren. Ging es nur mir so, hatte ich den Großteil dieser Filme einfach verschlafen? Ein schneller Blick in die Kinostarts des Jahres verschaffte mir Erleichterung. Nein! Ein Großteil der Filme waren schlicht und einfach bei uns noch nicht gelaufen, von den Meisten hatte man hier noch nicht einmal einen Trailer gesehen.

Der Film-Marketing-Teil meines Gehirns glaubt hier geschickte internationale Vermarktung zu erkennen:

„Ich warte die Oscar-Nominierung(en) ab, um internationales Marketing zu betreiben, denn eine Nominierung oder eine Auszeichnung ist ein Verkaufsargument, dann gehen bestimmt mehr Leute in meinen Film!“

Ich fürchte sogar, dass diese Strategie aufgeht. Aber der Film-Liebhaber-Teil meines Gehirns fühlt sich wie ein Außenseiter, der auf dem Spielplatz wie ein Unbeteiligter daneben steht und zugucken muss. Schade!

 

Schwache Witze und starke Reden

Aber so wie es laut Presseberichterstattung und YouTube-Ausschnitten aussieht, habe ich ja  gar nicht so viel verpasst!

Liest man sich so durch die verschiedensten seriösen und unseriösen Blätter, so bleiben eigentlich nur zwei Dinge hängen: Wie schlecht „Barney“ moderiert hat. Und wie politisch nicht nur die Reden sondern auch die Nominierungen und Auszeichnungen selbst waren.

Und da komme ich als bekennender Film-Fan ins Grübeln: Wie politisch darf, kann und muss die Unterhaltungsbranche sein?

Einst galt ein Oscar als Indikator für gute, große, beliebte Filme. Da waren es großartige Filme wie Vom Winde verweht (der erste Rekordhalter mit 10 Auszeichnungen), Titanic (11 Auszeichnungen) oder Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (11 Auszeichnungen), die besonders viel Beachtung bekamen. Weil sie Spaß machten. Weil sie Fans vereinten, die Filmwelt nachhaltig prägten, Einzug in viele, viele DVD-Regale gehalten haben und große Zuschauermassen verzauberten – und bis heute verzaubern!

 

Dann, man schrieb das Jahr 2009, wurde erneut die begehrteste Auszeichnung „Bester Film“ vergeben. Und es waren diese Filme im Rennen, viele von ihnen großartig:

  • Der seltsame Fall des Benjamin Button
  • Slumdog Millionär
  • Milk
  • The Dark Knight
  • WALL-E
  • Der Vorleser
  • Frost/Nixon
  • Glaubensfrage
  • Der fremde Sohn
  • Zeiten des Aufruhrs
  • Die Herzogin
  • Frozen River
  • Iron Man
  • The Wrestler
  • Wanted

Die Auszeichnung ging an Slumdog Millionär. Versteht mich nicht falsch, das britische, in Indien gedrehte Märchen von Danny Boyle ist ein guter, herzerwärmender, mutiger Film. Aber diese Auszeichnung wurde nicht vergeben, weil der Film der Beste der oben Aufgelisteten war. Sondern, weil Hollywood der indischen Konkurrenz Bollywood zeigen wollte:

„Macht nicht euer eigenes Ding neben uns. Seht her, wir sehen euch und honorieren eure Leistungen. Kommt doch mehr in unser System und teilt euer Geld und eure Zuschauer mit uns.“

Das haben sie natürlich nicht gesagt, aber wären wir bei House of Cards und wäre die Academy Frank Underwood, würde sich Kevin Spacey im Moment der Preisvergabe zu uns umdrehen und uns darüber in Kenntnis setzen. Es ist halt alles Politik, auch bei den Oscars. Wie viel die Vergabe übrigens mit Pressearbeit und Umwerben der Jury zu tun hat, schrieb ich hier.

 

And the Political Correctness goes to …

Jetzt schreiben wir das Jahr 2015. Und die politische Motivation der Oscar-Verleihung ist mittlerweile so deutlich, dass wir keinen Kevin Spacey mehr brauchen, der uns an seinem Wissen teilhaben lässt.

Während der Backstage-Führung zur diesjährigen Berlinale (hier mein Artikel dazu (Achtung: Kitsch! ^^)) wurde uns erläutert, dass die Auswahl der Filme, die zum Wettbewerb zugelassen werden, immer auch darauf geprüft werden, ob sie in das inoffizielle „Thema“ dieses Jahres passen – bei der Berlinale war es: Völkerverständigung. Keiner hat es richtig ausgesprochen, aber irgendwie waren sich alle Jurymitglieder einig. Und da verwundert es dann plötzlich gar nicht mehr, dass Cinderella nicht am Wettbewerb teilgenommen hat, und dass die iranische Produktion Taxi gewonnen hat – als Zeichen gegen die Unterdrückung der Kunst.

 

Noch einmal: Ich ehre und achte Artikel 5 unseres Grundgesetzes, sehr sogar. Und ich finde es richtig und wichtig, mit einem so reichweitenstarken Medium wie Film und internationalen Plattformen wie Filmfestspielen auf die Missstände in unserer Welt aufmerksam zu machen.

Steinigt mich bitte nicht, aber ich wage es, die Frage zu stellen: Macht der Mut des Regisseurs aus Taxi einen besseren Film? Entscheidet das Maß der „Political Correctness“ über einen guten oder schlechten Film? Müssen in Zukunft alle Filme, die als „Bester Film“ ausgezeichnet werden wollen, von unheilbaren Krankheiten, Emanzipation von Frauen oder Schwarzen, Freiheit, Aufarbeitung der Vergangenheit oder dem Mut der Filmemacher abhängen? Bleibt dann nicht die Fantasie, die Liebe zum Film, das Herz der Geschichte auf der Strecke?

Ist Guardians of the Galaxy ein schlechterer Film als Birdman, bloß weil er keine gebrochene Hauptfigur hat? Und bekommt American Sniper bloß eine Trost-Auszeichnung, um Clint Eastwood nicht zu verärgern? (Diese Frage stammt ursprünglich aus diesem Artikel der FAZ: „Die Angst der Academy vor Eastwood“)

Ich habe keine Antwort auf diese Fragen. Aber sie beschäftigen mich, und darum teile ich sie hier.

 

Ehre, wem Ehre gebührt

Nichtsdestotrotz freue ich mich über die Auszeichnungen dieses Jahres, denn, egal aus welcher Motivation heraus, ein Oscar ist eine großartige, nein, die größte Auszeichnung für einen Filmemacher. Und diese vom Handelsblatt zusammengetragenen Zitate der Preisträger zeugen wirklich von Herz und Leidenschaft. Deswegen:

  • Ich finde es großartig, dass Eddie Redmayne als BESTER HAUPTDARSTELLER für seine Rolle als Stephen Hawking in Die Entdeckung der Unendlichkeit ausgezeichnet wurde. Dadurch wird dem Leben und Lebenswerk eines der bedeutendsten Physikers unserer – wenn nicht aller – Zeit und seiner Krankheit noch einmal die Aufmerksamkeit gezollt, die er verdient.
  • Ich freue mich, dass mit Ida der BESTE AUSLÄNDISCHE FILM an unseren Nachbarn Polen geht.
  • Ich finde es verdient, dass BESTES SZENENBILD, BESTES MAKE-UP und BESTES KOSTÜMDESIGN an Grand Budapest Hotel ging. (Na gut, diese Kostümfilme haben da auch immer einen fiesen Vorteil ;-))
  • Und ich freue mich ganz besonders, dass BESTER DOKUMENTARFILM mit Citizenfour an den größten Helden unserer Zeit, Edward Snowden, erinnert, der die Freiheit und Sicherheit der gesamten Menschheit vor sein eigenes Wohl gestellt hat.

Ich freue mich für alle ausgezeichneten Filme und Personen – und auch für die Nominierten, denn, wie George Clooney sagte:

Ihr seid alle Gewinner!