Möglichst viel Zeit mit guten Büchern zu verbringen heißt auch, möglichst wenig Zeit mit weniger guten Büchern zu verbringen. Letztens habe ich notgedrungen „The Voice of Germany“ mit Hörbüchern gespielt (ohne Sprecher, Inhalt oder Klappentext zu kennen, reinhören und abwarten.) Nach dem dritten  Buch habe ich es aufgegeben, hier meine Erfahrungen.

Keine Zeit ist vergebens, solange man sie nur richtig nutzt.

Ylana

 

Zeit sparen!

Nach den Weihnachtsfeiertagen war wie jedes Jahr erst einmal Großputz angesagt. Der dauert bei mir zwischen vier und sechs Stunden und, weil ich zu dieser Zeit sowieso nichts besseres zu tun habe, höre ich dabei Hörbücher. Spart Zeit! Ich spare gerne Zeit: Ich sehe einen Film während ich male, bügele oder mir die Fingernägel lackiere, ich lese ein Buch, während ich im Bad bin, ich höre Hörbücher, während ich putze oder koche.

Leider hat mein aktuelles Hörbuch (immer noch die Immortals-Reihe auf englisch) mitsamt mp3-Player den Geist aufgegeben, sodass ich mir den meiner Mutter leihen musste – randvoll mit Hörbüchern, sehr cool. Leider habe ich von allen Titeln und den meisten Autoren noch nie etwas gehört, aber es müssen wohl Thriller sein, denn meine Mutter steht auf Thriller. Aus Ermangelung eines aufschlussreichen Klappentextes bin ich ausschließlich auf Autorennamen und Buchtitel angewiesen (die ungefähr so auf dem Philips GoGear meiner Mutter angezeigt werden: „Cody McFadyenBlu … t … l … i … n … i … e … .mp3″ – ein Hoch auf Displays, die in mehreren Zeilen anzeigen können -.-)

Aber gut. „The Voice of Germany“, Rock’n’Roll!
Ich überspringe „Cody McFadyen – Blu…“ und beginne mit „Barbara Wood – Der Fl…“ (Der Fluch der Schriftrollen). Barbara Wood ist immerhin eine mehrfache Bestseller-Autorin, bei der die Chancen gar nicht schlecht stehen, keinen Thriller zu treffen.

 

Round 1: Fight!

Barbara Wood: Der Fluch der Schriftrollen (Hörbuch). (c)2005 Lübbe Audio.

Barbara Wood: Der Fluch der Schriftrollen (Hörbuch). (c)2005 Lübbe Audio.

Der Fluch der Schriftrollen macht den Anfang. Der Erzähler ist männlich, der Einstieg ist unvermittelt. Irgendein Mann macht sich Gedanken über seine Nacht und sich selbst. Der Erzähler ist unsympathisch. Ich habe keine Lust mehr.

Es dauert ganze 4 Minuten, dann drücke ich imaginär die „Eject“-Taste. Entschuldigung, Barbara.

 

Round 2: Fight!

Cody McFadyen: Die Blutlinie (Hörbuch). (c)2012 Lübbe Audio.

Cody McFadyen: Die Blutlinie (Hörbuch). (c)2012 Lübbe Audio.

Auf Empfehlung meiner Mutter geht es jetzt also zu Cody McFadyenDie Blutlinie wird von einer Frau gesprochen, die entweder uralt ist, Kehlkopfkrebs hat oder Kettenraucherin ist. Ich finde ihre Stimme unsympathisch, leider verkörpert sie die Hauptfigur Smoky Barrett auch noch in der Ich-Perspektive, sodass ich auch gleich schon Smoky (was ein Name!) nicht so pralle finde.
Aber gut. Smoky wacht auf, sie hat von ihrem Mann geträumt. Ihr Mann ist nicht nur tot, sondern ermordet worden. Vor ihren Augen. Und sie selbst hat furchtbare Narben davon getragen, wie ihr ein Blick in den Spiegel zeigt. Sie geht joggen, kauft Zigaretten (daher also die Stimme! ^^) und trifft sich mit ihrem Psychologen, den sie ungemein sexy findet, aber leider zu nett um sich in ihn zu verlieben. Sie ist FBI-Agentin, zumindest war sie das, bevor ihr Mann und ihre Tochter ermordet wurden.
Hmmm, nicht schlecht. Nicht das, was ich sonst lese, aber gut genug um beim Putzen ein wenig Zeit zu sparen und meinen (Hör)Buch-Horizont zu erweitern.

Dann kommt die Unterhaltung mit dem Psychologen. Und als ich zum zwanzigsten Mal höre, was für eine Überfrau Smoky doch ist und wie stark ihr Wille ist und wie gut sie mit allem umgeht und wie KRASS doch ihre Akte war und was sie alles für das FBI geleistet hat, bla bla, habe ich keine Lust mehr.
Die Erszählstimme von Franziska Pigulla gepaart mit dem schrägen, inkonsistenten Bild von Smoky, gibt mir den Rest.

Cody McFadyen schafft es leider auch nicht zum Putzen-Zeitvertreiber. Oder besser gesagt, Franziska Pigulla nicht.

 

Round 3: Have Mercy!

Thomas Grifford: Assassini (Hörbuch). (c)2012 Lübbe Audio.

Thomas Gifford: Assassini (Hörbuch). (c)2012 Lübbe Audio.

Schwer seufzend durchstöbere ich also wieder die Titel-Schnipsel des geliehenen mp3-Players, bis mein Auge auf „Assass…“ hängen bleibt. Uuuh!
Thomas GiffordAssassini.mp3″ bekommt den Zuschlag. Ich erinnere mich vage daran, das Buch im Regal meiner Eltern gesehen zu haben, ein gefühlt 10 cm dicker Buchrücken.

Es geht um die Kirche an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Und um Mörder, die offensichtlich im Auftrag der Kirche töten.
Das Buch ist zunächst aus verwirrend vielen verschiedenen Figurensichten geschrieben, stets in der „Er/Sie“-Form. Weil viele dieser Figuren relativ schnell ‚assassiniert‘ werden, stellt sich die Frage nach dem Protagonisten, und wird erst beantwortet, als irgendwann die „Ich“-Form auftritt. Der ehemalige Jesuit Ben wird unfreiwillig durch die Ermordung seiner Schwester (einer Ordensschwester und nebenbei Hobby-Enthüllungs-Journalistin) in die Sache hineingezogen und folgt den Hinweisen auf den Mörder bis in den Vatikan hinein.

Das Buch ist ganz okay, aber ich musste dauernd denken „Das hat Dan Brown aber besser gemacht“.
Gut, Dan Browns Illuminati (Angels and Demons) kam 13 Jahre später auf den Markt, aber dennoch – die Charaktere sind vielschichtiger und lebendiger, die Atmosphäre dichter, die Erzählweise packender. Und das Buch bedeutend kürzer!

Leider hat meine Putz-Zeit nicht ausgereicht, das gesamte Buch zu hören (wie gesagt, gefühlte 10 cm Buchrücken), aber ich bin weder besonders traurig darüber noch reizt es mich groß zu erfahren … Ja, was eigentlich zu erfahren? Eigentlich ist schon alles geklärt.

Aber Hut ab vor dem Sprecher, endlich einmal ein gutes deutsches Beispiel: Ulrich Pleitgen, hauptsächlich deutscher Schauspieler.
Und ohne Wikipedia-Hilfe hätte ich meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass er der Synchronsprecher von Alan Rickman ist (Severus Snape (Harry Potter), Judge Turpin (Sweeney Todd), Opium-Raupe (Alice im Wunderland)). Unglaublich!!! (Hörproben gibt es auf Audible.de).
Aber laut Wikipedia wird Alan Rickman von Bernd Rumpf gesprochen … Fail.

 

Fazit

Es gibt zwei Fazit(e?) an dieser Stelle.

Erstens: Ein fremdsprachiges Buch ist nur so gut wie sein Übersetzer und ein Hörbuch nur so gut wie sein Sprecher (vgl. auch mein Artikel über The Immortals).

Zweitens: Es gibt so viele Bücher auf der Welt, so viele gute und so viele schlechte. Man sollte sich auch einmal trauen ein Buch, das einem nicht so gut gefällt, zur Seite zu legen, um mehr Zeit für die Werke zu haben, die einem mehr zusagen.

Mut zur (Buch-)Lücke!