Eine der wichtigsten Grundlagen für eine gute Charakterentwicklung deiner Figuren ist das klassische Modell der Heldenreise. Von König Artus über Harry Potter bis zu Frodo (und Bilbo) Beutlin – sie alle kommen an denselben Hürden vorbei auf ihrem Weg zum Held.

Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus deiner Tür hinauszugehen. Wenn du nicht aufpasst, kann man nicht wissen, wohin dich deine Füße tragen.

(Bilbo Beutlin, Der Herr der Ringe)

 

Neben meiner Exkursion zu Figuren im Drama und der Figurentiefe durch Ziel und Need möchte ich das kurze Kapitel „Theorie“ hier mit der HELDENREISE fortführen. Als roter Faden im klassischen Drama verwendet, findet es auch heute noch Anwendung und unterscheidet gute Handlungen (und Charaktere) von mittelmäßigen.

Die Heldenreise lässt sich nicht nur auf Fantasy- und Märchenhelden wie Frodo Beutlin und König Artus anwenden, sondern auch auf moderne Figuren wie Will Turner (Fluch der Karibik), Luke Skywalker (Krieg der Sterne) oder auch „Kiddo“ (Kill Bill).

 

Ausgangssituation

Der Held befindet sich in seiner natürlichen Umgebung (Will Turner fertigt Degen und schmachtet die Gouverneurs-Tochter an, Maximus Decimus ist Centurio der römischen Armee und Favorit des Cäsars).

Der Ist-Zustand ist zumeist idyllisch und/oder wünschenswert, der Zuschauer erkennt sich leicht wieder oder kann sich in die Situation schnell einfinden.

 

Ruf zum Abenteuer

Manch ein Held wünscht sich bereits zu diesem Zeitpunkt Veränderung (wie Belle in Die Schöne und das Biest), die meisten werden zu ihrem Abenteuer mehr oder weniger gezwungen.
Auf sanfte Weise geschieht das durch einen Mentor (Gandalf), auf unschönere Weise durch einen Katalysator, der sowohl personifiziert (Belle’s Vater) als auch ein Ereignis (Das Blutbad auf „Kiddo’s“ Hochzeit in Kill Bill) sein kann.

 

Weigerung und Überredung

Sofern der Held nicht ohnehin schon nach Veränderung lechzt (s.o.), wird er sich erst einmal weigern, so wie Will Turner, als Jack Sparrow ihm anbietet, ihm zu helfen Elisabeth Swan zu retten.
In der Regel fällt es dem Mentor zu, den Helden zu überreden. Außer natürlich, ein Ereignis-Katalysator treibt ihn dazu.

 

Die erste Schwelle

Der Held wird mit den ersten Gefahren konfrontiert, die er überwinden muss, um seine natürliche Umgebung endgültig zu verlassen. In Der Herr der Ringe sehr schön durch Sam Gamdschies Satz gelöst:

Wenn ich noch einen Schritt mache, bin ich weiter von zu Hause fort als jemals zuvor.

Mit diesem ersten kleinen Sieg endet meistens der Erste Akt (bzw. der Zweite im Fünf-Akt-Drama).

 

Bewährungsproben

Die Bewährungsproben machen den Löwenanteil des Hauptteils aus.

Es folgen mehrere Proben und Gefahren, die der Story Dynamik und Spannung verleihen. Das können nach und nach Indizien im Krimi oder Thriller sein oder tatsächliche Gefahren wie bei Der Herr der Ringe.

Jede bestandene Prüfung wird als PLOT POINT bezeichnet, an dem eine Wendung eintreten sollte (ein Charakter entwickelt oder verändert sich, ein Nebenhandlungsstrang wird initiiert oder abgeschlossen oder eine Figur kommt hinzu oder verlässt die Gruppe).

 

Transformation

Ein guter Charakter macht während der Geschichte eine Entwicklung durch, an deren Ende er stark genug ist, um sich der großen Bedrohung (zum Beispiel dem Antagonisten) zu stellen. Hier spielen seine Motive eine sehr große Rolle.

Die Transformation kann schon auf der Reise erfolgen (Tom Cruise in Last Samurai), während der Prüfung (Luke Skywalker) oder erst danach (Frodo Beutlin (unter Vorbehalt!)).

Wenn es keine Transformation gibt, der Charakter am Ende also derselbe ist wie am Anfang (so wie Jack Sparrow), dann handelt es sich auch nicht um den Helden der Geschichte – oder der Autor hat die Figur einfach schlecht angelegt.

 

Entscheidende Prüfung

Unser entweder schon gereifter oder noch relativ unerfahrener Held stellt sich der ultimativen Prüfung. Hier kommt häufig auch der Wächter ins Spiel.

Im Videospiel wäre dies der Endboss, in Filmen ist es zumeist ein aufwändiger Show-Down. Die entscheidende Prüfung sollte immer so ausgelegt sein, dass selbst der stärkste Charakter (wie Ezio Auditore Da Firenze am Ende von Assassin’s Creed 2) verlieren KANN. Wenn der Zuschauer um ihn bangt, und sei es auch nur eine Sekunde, ist die dramaturgische Wirkung der Prüfung gelungen.

Die Prüfung ist in der Regel gleichzeitig KLIMAX (Höhepunkt) der Handlung und markiert das Ende des Hauptteils, an den sich das Ende (auch Auflösung oder Epilog) anschließt.

 

Belohnung

In den allermeisten Fällen wird unser Held den Kampf überleben, sonst wären wir Zuschauer relativ frustriert. Das heißt nicht, dass er mit links durchmarschieren soll oder nicht auch Opfer bringen muss:

Frodo Beutlin verliert bloß einen Finger, Ben Affleck’s Rolle in Pearl Harbor sogar seinen besten Freund Danny (Josh Hartnett). Luke Skywalker opfert aktiv seinen Vater, aber das ist eine andere Geschichte).

Abgesehen von seinem Leben und niemals endendem Ruhm erhält der Held dadurch auch seine Belohnung: Das Mädchen, den Schatz, Weltfrieden; mit Glück auch alles davon.

Nach einer spannenden Heldenreise mit logischer Charakterentwicklung und einem herausfordernden Bosskampf sollten wir uns für den Helden freuen. Tun wir das aus irgendeinem Grund nicht, ist entweder mit uns oder mit der Story etwas kaputt.

 

Heimkehr

Ein siegreicher Held kehrt natürlich auch zurück in seine zu Beginn eingeführte, vertraute Umgebung.

Hier gibt es die meisten Variablen, denn ein stark entwickelter Charakter wie Will Turner wird seine alte Umgebung vielleicht gar nicht mehr als so idyllisch ansehen, während sich ein Frodo Beutlin freuen wird, endlich wieder im ruhigen Beutelsend zu sein. Für den, der alles verloren hat („Kiddo“), findet die „Heimkehr“ an einen völlig neuen, besseren Ort statt und manch einen wie Orlando Blooms Charakter Balian aus Kingdom of Heaven zieht es bald wieder zu neuen Abenteuern.

In jedem Fall sollte sich die Grundstimmung der Umgebung nach der Heimkehr deutlich von der zu Beginn unterscheiden.

 

Fazit: Das Leben beginnt da, wo deine Komfortszene endet.

Hast du eine Lieblings-Heldenreise und willst sie mit mir teilen? Bis dahin:

DANKE FÜR’S LESEN und bis zum nächsten Mal!