Protagonist und Antagonist kennen wir alle. Aber welche Funktion haben all diese anderen Figuren? Und wie können die verschiedenen Typen einander beeinflussen? Die wichtigsten Figuren-Archetypen erkläre ich hier nach klassischem Vorbild mit einigen persönlichen Änderungen.

Hey, you created me. I didn’t create some loser alter-ego to make myself feel better

(Tyler Durden, Fight Club)

 

Protagonist

Der Protagonist  (aus dem Griechischen „Protos“ = der Erste, „Agere“ = Handeln) ist der oder diejenige, aus dessen Sicht die Handlung erzählt wird bzw. dem wir uns (durch Erzählweise oder Verhalten) am nächsten fühlen. Dinge wie das Happy End beziehen sich meistens auf das Glück des Protagonisten. Protagonisten können eindimensional sein, wie Frodo Beutlin (Der Herr der Ringe) oder sehr vielschichtig wie Tom Cruise in Last Samurai.

 

Antagonist

Der Antagonist („Anti“ + „Agere“ = dagegen handeln) ist derjenige, der dem Protagonist gegenüber steht und durch direkte oder indirekte Handlungen versucht, ihm das Leben schwer zu machen. Oftmals verstehen wir Antagonisten grundsätzlich als Böse. Aber nicht jeder Antagonist ist gleich Der dunkle Herrscher Sauron und will die Welt vernichten. Bei vielen Geschichten ist es bloß die Sichtweise; drehen wir Harry Potter um und wollen eine Welt reinblütiger Zauberer erschaffen, ist auf einmal der junge Harry der Antagonist und Tom „Voldemort“ Riddle der Protagonist.

(Sehr schön arbeitet hier der Film The Prestige: Man kann sich selbst entscheiden, ob Christian Bale oder Hugh Jackman Protagonist ist – entsprechend wird der andere zum Antagonisten.)

 

Love Interest

Das Love Interest (dt.: Schwarm) ist das Paar-Gegenstück zum Protagonisten, in der Regel vom anderen Geschlecht. Die Beziehung kann von Anfang an bestehen (Sean Archer’s (John Travolta) Frau in Face Off: Im Körper des Feindes) oder sich erst langsam entwickeln (Jack Dawson und Rose Dewitt Bukator in Titanic). Meistens sind Happy Ends daran gekoppelt, dass sich Protagonist und Love Interest bekommen.

 

Side Kick

Der Side Kick (dt.: Kumpan, Depp) ist jemand, der die Atmosphäre auflockert, entweder durch coole Sprüche, Witz oder Doofheit. Er kann universell eingesetzt werden, zum Beispiel als Freund des Progatonisten (Riley in Das Vermächtnis der Tempelritter), als Anhängsel des Antagonisten (Le Fou in Die Schöne und das Biest) oder als alleinstehender Charakter (Jack Sparrow in Fluch der Karibik).

In modernen Filmen wird der Sidekick oft als „Freak“  überspitzt, der besonders fundierte Computer- oder andere spezifische Kenntnisse hat, zum Beispiel der Junge neben Bruce Willis in Stirb Langsam 4.0 oder Gerichtsmediziner Ducky in der Serie N:CIS (der ist allerdings auch gleichzeitig Mentor).

 

Mentor

Der Mentor (dt.: Lehrer) ist immer auf der Seite des Protagonisten und wiegt dessen (anfängliche) Unerfahrenheit mit seiner Weisheit und seiner Erfahrung auf. Der Protagonist kann sich zumeist blind auf ihn verlassen, wenngleich der Mentor häufig unnahbar scheint, weil er das Große Ganze, für den Protagonisten oftmals Unverständliche, sieht. Typischer Vertreter ist hier Gandalf aus Der Herr der Ringe, aber auch beispielsweise Bruce Wayne’s (Batman) Butler Alfred.

 

Wächter

Der Wächter zählt zu den Archetypen der Dramaturgie und wichtiger Bestandteil der Heldenreise, kommt aber heute nicht mehr in jeder Geschichte vor. Er ist in den allermeisten Fällen neutral und stellt ein Hindernis dar, für Protagonist, Antagonist oder beide. In Fabeln oft durch eine Sphinx dargestellt, kann es sich dabei auch um einen Umstand handeln, wie etwa den Kuss, den Arielle von Prinz Erik erhalten muss, um ein Mensch zu bleiben. Ein personifiziertes Beispiel ist der alte Tempelritter in Indiana Jones 3: Jäger des verlorenen Schatzes.

 

Katalysator

Der Katalysator (dt.: Antreiber) ist keine eigenständige Figur nach klassischer Lehre, für mich aber ein sehr wichtiger Teil einer (dramatischen) Geschichte, die den Protagonisten aus seiner natürlichen Umgebung auf die Heldenreise bringt und somit den Plot vorantreiben. Der Katalysator kann ein Ereignis sein, zum Beispiel die missglückte Hinrichtung von Maximus Decimus in Gladiator; er kann auch kleinen, dem Protagonisten nahestehenden Figuren eine wichtigere Bedeutung geben, zum Beispiel Belle’s Vater in Die Schöne und das Biest (auf der Suche nach ihm betritt sie das Schloss des Biests).

 

So weit, so gut. Es gibt noch eine Menge anderer Charaktere. Wichtig für eine Geschichte sind allerdings nicht die einzelnen Charaktere, sondern deren Konstellation und die dadurch entstehenden Spannungen und Gruppendynamiken.

Ein cooler Held à la Ethan Hunt kann beispielsweise nur seine One-Liner reißen, wenn ihm ein anderer Charakter (in der Regel der Sidekick) die Vorlage dazu liefert.
Und ein Antagonist ist auch immer nur so böse, wie die charakterliche Differenz zwischen ihm und dem Protagonisten gegeben ist.

Ich bin leidenschaftliche Verfechterin der Devise „Charakter vor Handlung“. Denn mit interessanten Charakterkonstellationen kann sich jede Handlung entwickeln und ein guter Charakter rettet sogar über so manches Tief im Plot hinweg.