In seinem neuesten Roman Passagier 23 spielt Meister-Plotter Sebastian Fitzek Kopfkino mit den statistischen 23 Personen, die pro Jahr auf Kreuzfahrtschiffen verschwinden. Kann der Roman mit seinem Vorgänger Noah mithalten?

Ein Kreuzfahrtschiff ist wie eine kleine Stadt. Aber (…) keiner geht in einer Stadt über Bord, ohne dass man jemals wieder von ihm hört.

Christopher Says

 

Es ist beim LovelyBooks Leserpreis 2014 auf Platz 1 der Thriller gevotet worden, noch vor Fitzeks Noah (hier im Dramaturgia-Check). Und ja, ich habe mitgevotet – für einen Fitzek. Und ja, mir fiel die Wahl zwischen den beiden Thrillern schwer. Ich entschied mich für Noah. Heißt das, dass ich Passagier 23 nicht mochte? Lies selbst!

 

Klappentext

Sebastian Fitzek: Passagier 23 (c)2014 Droemer Knaur (dramaturgia)

Sebastian Fitzek: Passagier 23 (c)2014 Droemer Knaur (dramaturgia)

Jedes Jahr verschwinden auf hoher See rund 20 Menschen spurlos von Kreuzfahrtschiffen. Noch nie kam jemand zurück. Bis jetzt …

Martin Schwartz, Polizeipsychologe, hat vor fünf Jahren Frau und Sohn verloren. Es geschah während eines Urlaubs auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“ – niemand konnte ihm sagen, was genau geschah. Martin ist seither ein psychisches Wrack und betäubt sich mit Himmelfahrtskommandos als verdeckter Ermittler.

Mitten in einem Einsatz bekommt er den Anruf einer seltsamen alten Dame, die sich als Thrillerautorin bezeichnet: Er müsse unbedingt an Bord der „Sultan“ kommen, es gebe Beweise dafür, was seiner Familie zugestoßen ist. Nie wieder wollte Martin den Fuß auf ein Schiff setzen – und doch folgt er dem Hinweis und erfährt, dass ein vor Wochen auf der „Sultan“ verschwundenes Mädchen wieder aufgetaucht ist. Mit dem Teddy seines Sohnes im Arm …

 

Kopf aus, Kopfkino an!

In einem Interview von Sebastian Fitzek habe ich einmal gelesen, dass bei ihm sofort Kopfkino losgeht, wenn etwas eigentlich ganz Alltägliches eine kleine Abweichung erfährt. Wenn er zum Beispiel das Paket eines Nachbarn annimmt, der sonst immer da ist (was da wohl drin ist, was der Nachbar wohl damit macht, warum er gerade nicht da ist?). Oder eben, wenn er die Statistik über Vermisste auf Kreuzfahrtschiffen liest.

In Passagier 23 spielt er also Kopfkino mit der Frage, was mit den rund 23 Menschen geschieht, die pro Jahr auf Kreuzfahrtschiffen verschwinden – das scheint eine tatsächlich existierende Statistik zu belegen, wobei der Roman den Gedanken aufwirft, dass die Dunkelziffer noch viel höher sein könnte und nur von der Luxus-Kreuzfahrt-Industrie verschleiert wird.

Das Kopfkino beginnt tatsächlich. Und Fitzek manövriert uns hervorragend durch Turbulenzen, hohen Seegang und Klippen zu einer Auflösung, die selbst mich überrascht hat.

 

Eigentlich dachte ich, dass ich Geschichten ganz gut durchschauen kann (nachdem ich, ich habe mal nachgerechnet, grob 600 Filme, 150 Bücher und 50 Videospiele auf dem Buckel habe).
Zum Teil sind es häufig wiederkehrende dramaturgische Elemente, teilweise auch nur ein Gefühl. Und manchmal lässt die logische Kombination à la Sherlock nur eine, maximal zwei Alternativen zu.

Aber Sebastian Fitzek hat es in Passagier 23 einmal mehr geschafft, mich gepflegt an der Nase herumzuführen. Chapeau, Herr Fitzek, es passiert mir nicht mehr oft, dass ich kurz innehalten und lächelnd den Kopf schütteln muss, weil ich so überrascht bin.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die gute Thriller mit Mystery-Aspekten mögen und nicht unbedingt an Klaustrophobie leiden oder ein Problem mit begrenztem Raum haben.

 

Figuren vs. Plot

Wenn J.K. Rowling die Meisterin der Figuren ist, ist Sebastian Fitzek der Meister des Plots.

Mit Martin Schwartz zeichnet er eine bodenständige, erfrischend normale Figur. Das Beste an ihm: Er drängt sich nicht in den Vordergrund. Er buhlt nicht um die Aufmerksamkeit oder das Mitleid des Lesers, obwohl er allen Grund dazu hätte, denn natürlich hat auch er, wie sich das für eine gut ausgearbeitete Figur gehört, eine – sehr bewegende und tragische – Vorgeschichte.
Aber, obwohl die Figur das Potenzial hätte und viele Autoren das sicherlich an die große Glocke gehängt hätten, macht Fitzek / Schwarz keine große Sache daraus. Und genau das macht ihn liebenswert.

Die Geschichte funktioniert auch ohne ihn. Schwartz ist kein „Auserwählter“ oder besonders pfiffiger, starker Held. Kein Ethan Hunt, James Bond oder John McClane. Kein Guy Pearce oder Keanu Reeves mit coolen One-Linern, der zur richtigen (oder falschen) Zeit am rechten Ort ist. Und, obwohl die meisten Heldenreisen auf „unbedarften Normalos“ basieren, schaffen es meiner Meinung nach nur wenige Autoren, das wirklich hinzukriegen.

Zugegeben, ich habe mich zu keinem Zeitpunkt um Martin Schwartz gesorgt und ich würde wohl auch nicht allzu sehr um ihn weinen. Aber ich respektiere ihn und ich bin dankbar, dass er mich knapp 10 Stunden (oder 400 Seiten) gut unterhalten hat.

 

Und, wo wir schon dabei sind: Interessant, wirklich interessant finde ich die Tatsache, dass einzelne Figuren, aus deren Sicht geschrieben wird, mitunter auch sterben. Interessant deswegen, weil ich es zwar schade finde, sich aber keine wirkliche Trauer einstellt. Ich akzeptiere es, es bringt den Plot voran. Schade, aber gut, das gehört dazu. Ich bin nicht traurig, aber zufrieden. Und deswegen beeindruckt.

 

Verbeugung vor Sebastian Fitzek. Und Simon Jäger.

Ich schrieb bereits nach meiner Lektüre von Noah, dass ich großen Respekt vor Sebastian Fitzek habe, sowohl vor seinem Handwerk als auch vor seiner ganz persönlichen Einstellung, die er stets in einem Nachwort zum Ausdruck bringt. Wie schon zuvor ist dieses Nachwort ehrlich und vor allem menschlich geschrieben, hier und da blitzt ein wenig übersteigertes Selbstbewusstsein hervor, aber für einen Autor seines Gewichts kann ich das sehr gut akzeptieren. Besonders charmant finde ich tatsächlich das Angebot, ihm persönlich zu schreiben, wofür er gleich mehrere Wege nennt. Und ich bin definitiv versucht, es zu tun.

Auch über Synchronsprecher Simon Jäger (u.a. Heath Ledger, Josh Hartnett) möchte ich ein paar Worte verlieren. Wie immer gibt er Fitzeks Romanen eine wunderbare Stimme und den Figuren hervorragende Facetten. Er erzählt eingängig, aber nicht aufdringlich. Mitreißend, aber nicht aufgesetzt. Einfach großartig, neben Uve Teschner immer wieder eine Empfehlung wert.

 

Fazit

Passagier 23 von Sebastian Fitzek gehört meiner Meinung nach definitiv zu den Must-Reads des Jahres und überhaupt des Genres. Würde man mich fragen, ob er eher Noah oder Passagier 23 lesen sollte, so würde ich antworten, dass Passagier 23 perfekt für, sagen wir, Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff ist: Vergleichsweise leicht und unterhaltsam zu lesen, nicht allzu umfangreich und auch mal gut aus der Hand zu legen, um einen Cocktail zu trinken. Während Noah eher in die verstörende Kategorie „Veganer-Missionierungs-Videos-über-Massentierhaltung-im-Facebook-Newsfeed-sehen-müssen“ fällt. Ungleich härter und unter die Haut gehend. Aber dafür mit bleibendem Eindruck.

Für Passagier 23 trotzdem überdurchschnittliche vier Sterne!

 

* * * * *

 

Das Buch

Der Thriller Passagier 23 von Sebastian Fitzek erschien 2014 bei Droemer Knaur.

Gebundene Ausgabe (432 Seiten)
ISBN-10: 342619919X
ISBN-13:
978-3426199190

Das Hörbuch (ungekürzt 10 Std. 10 Min.), gelesen von Simon Jäger, erschien 2014 exklusiv bei Audible.