Lies hier, warum Noah von Sebastian Fitzek ein Must-Read ist, was es mit Dan Browns Inferno verbindet und wie viele Erden ich für meinen Lebensstil brauche.

Wer Unglück ertragen kann, erträgt auch das Glück.

aus Schweden

 

Der neue Polit-Thriller Noah von Sebastian Fitzek klingt auf den ersten Blick wie eine biblische Verschwörungstheorie und auf den zweiten Blick wie ein typischer Agenten-Thriller mit Amnesie-Patient. Aber das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

 

Klappentext

Sebastian Fitzek: Noah. (c)2013 Bastei Lübbe. (dramaturgia)

Sebastian Fitzek: Noah. (c)2013 Bastei Lübbe. (dramaturgia)

Zur Geburt Jesu Christi lebten 300 Millionen Menschen auf unserem Planeten. Heute sind es sieben Milliarden. Wie viel ist zu viel?

Er weiß nicht, wie er heißt. Er hat keine Ahnung, wo er herkommt. Er kann sich nicht erinnern, wie er nach Berlin kam, und seit wann er hier auf der Straße lebt. Die Obdachlosen, mit denen er umherzieht, nennen ihn Noah, weil dieser Name tätowiert auf der Innenseite seiner Handfläche steht. Noahs Suche nach seiner Herkunft wird zu einer Tour de force. Für ihn und die gesamte Menschheit. Denn er ist das wesentliche Element in einer Verschwörung, die das Leben aller Menschen auf dem Planeten gefährdet und schon zehntausende Opfer gefunden hat.

 

Inhalt

Das Buch beginnt im Berliner Untergrund, im tiefsten Winter, bei den Obdachlosen. Unser Protagonist hat sein Gedächtnis verloren und wurde irgendwie von dem gutmütigen, aber ziemlich paranoiden Verschwörungstheoretiker Otto, Obdachloser aus freien Stücken, gefunden und aufgepäppelt. Aufgepäppelt deswegen, weil jemand auf Noah geschossen hat.

Während Noah nach und nach sein Gedächtnis und damit seine Identität wieder erlangt (trotzdem bleibt er sehr lange bei dem bedeutungsschweren Namen Noah), wird der Mystery-Thriller nahtlos zu einem Polit-Agenten-Thriller und zeichnet sich ein die ganze Welt umspannendes Netz aus Verschwörung, Geheimorganisationen und Forschungsprojekten ab. Und auf einmal finden wir Ottos Paranoia doch nicht mehr so lächerlich (for real!).

Die Erzählweise wechselt immer wieder zwischen Noah, der Reporterin Celine, dem millionenschweren Pharmaproduzent-Antagonisten Jonathan Zaphire bzw. seiner Tochter sowie einiger anderer Nebenfiguren.

 

Steine kochen

Dieses Buch ist Sprengstoff!

Das, was Inferno von Dan Brown sein wollte (hier meine Rezension), schafft Fitzek hier auf beeindruckende, Ehrfurcht einflößende, auf verstörende, erschreckende, ergreifende Art und Weise.

Noah ist eine gute Auseinandersetzung mit dem Thema Überbevölkerung und der zunehmenden globalen Schere zwischen Armut und Reichtum. Dabei wirkt Noah (im Gegensatz zu Inferno) jedoch nicht konstruiert, utopisch oder belehrend – ganz im Gegenteil!

Noah nimmt mit, macht nachdenklich – und erwischt einen dann eiskalt. Es öffnet uns die Augen und lässt uns die Arme ausbreiten für ein Thema, vor dem wir trotz PETA, Veganismus, Brot für die Welt und Ebola-Krise die Augen verschließen. Es zündet einen Funken an, der zu einem flammenden Inferno (ha, ha, gotcha, Dan Brown xD) anschwillt und selbst nach dem Abbrennen noch sehr lange als kleine, aber beständige Flamme nachglüht.

Der Höhepunkt dieser meiner Fassungslosigkeit war die Rede von Zaphire auf der Spendengala im ersten Drittel, in der er seine ahnungslosen Gäste (und mich ebenso ahnungslosen Leser!) mit unbarmherziger Rhetorik über Flüchtlinge im Mittelmeer, Hungersnöte in der Dritten Welt und Massentierhaltung konfrontiert.

Diese Rede hat mich fertig gemacht. Ich musste das Hörbuch anhalten. Mich hinsetzen. Und weinen.

Und das ist der Grund, aus dem ich jedem – egal ob Veganer oder Fleischliebhaber, egal ob Pazifist oder Egoist, egal ob Öko oder Tech – dieses Buch empfehle. Es kann etwas bewegen. Es hat etwas bewegt, in mir.

Denn irgendwo auf dieser Welt wartet eine Mutter darauf, dass ihr neunjähriger Sohn von der Arbeit auf der Müllkippe zurückkehrt, auf der er hoffentlich einen Joghurtbecher auskratzen konnte, und  – „kocht Steine“.

 

Abgestumpft

Leider (oder zum Glück) lässt auch hier die anfängliche Ohnmacht später nach. Irgendwann ist es zu viel des erhobenen Zeigefingers. Ja, ich weiß, ich bin ein schlechter Mensch. Ja, in Afrika leben Menschen in Slums. Ja, ich sollte weniger Fleisch essen.

Was soll ich jetzt machen, mich erhängen? Das will ich nicht. Also mache ich das, was der Mensch der westlichen Gesellschaft am besten kann: Die Schotten dicht. Ich stumpfe ab.

Und ich bin beinahe dankbar dafür, dass die plastischen Schilderungen der hungernden Kinder in philippinischen Slums oder der siechenden Flüchtlinge in Gummibooten wieder an dem schützenden Wall der Gleichgültigkeit abprallen.

Aber trotzdem brennt diese kleine Flamme weiter.

 

Was ist dein Ökologischer Fußabdruck?

Ich will hier nicht das Riesen-Öko-Fass aufmachen und mein Kühlschrank ist trotzdem noch mit Fleisch, Eiern und Milch gefüllt, mein Auto ist immer noch da und ich mache die Heizung an, wenn mir kalt ist.

Ich will nicht den mahnenden Zeigefinger erheben. Und ich rechne Sebastian Fitzek hoch an, dass er das auch nicht tut – und mit seinem Nachwort (im Hörbuch selbst gesprochen) damit die Gutmensch-Keule des schlechten Gewissens wieder aufwiegt. Für das Nachwort gebührt dem Autor fast noch mehr Respekt als für den fabelhaft geschriebenen Roman an sich. Es ist ehrlich, bodenständig, auf Augenhöhe. Ein bisschen entschuldigend für die Konfrontation mit dem Thema. Es ist die Erklärung, dass Noah seine Art der Bewältigung des Themas ist.

Und es macht aufmerksam auf Footprint-Deutschland.de, falls auch in dir diese kleine Flamme aufgegangen ist. Schau mal drauf und berechne, wie viele Erden (mit Ressourcen, Platz und Gesellschaft) wir benötigen würden, wenn alle 7 Milliarden Menschen so leben würden wie wir.

(Für mich wären es 2,77 Erden).

 

Fazit

Was soll ich sagen? Dieses Buch ist Sprengstoff! Dieses Buch ist meine Buch-Empfehlung des Jahres.

Nicht, weil es wirklich wachrütteln konnte (wenn auch nur für kurze Zeit), wo viele andere, von Veganern bis Dan Brown, versagt haben. Sondern auch und vor allem, weil es eine packende Geschichte erzählt, sinnvoll Handlungsstränge verknüpft und darüber hinaus grandios geschrieben ist. Mein Satz des Buches:

Der Winter tat das, was er am Besten konnte: Er hatte sein Windmesser aufgeklappt und schnitt sich durch alles was sich ihm in den Weg stellte.

(Ehrlich, ich finde ihn so geil, ich würde ihn mir einrahmen.)

Das Sinnbild des biblischen Noah ist genial gewählt, wenn sich der große Kontext erst einmal erschließt. Und das Hörbuch ist fantastisch gelesen von dem Heath Ledger und Josh Hartnett Sprecher Simon Jäger.

Ich gebe fünf Sterne, obwohl ich jedem die Warnung mit auf den Weg geben möchte, dieses Buch mit Vorsicht zu genießen.

 

* * * * *

 

Das Buch

Der Thriller Noah von Sebastian Fitzek erschien 2013 bei Bastei Lübbe (Lübbe Hardcover).

Gebundene Ausgabe (560 Seiten)
ISBN-10: 3785724829
ISBN-13:
978-3785724828

Das Hörbuch (ungekürzt 15 Std. 10 Min.), gelesen von Simon Jäger, erschien 2013 bei Lübbe Audio.