Aus Ermangelung neuen Lesestoffs versuche ich es einmal mit dem SPIEGEL-Bestseller Narbenkind von Erik Axl Sund. Was habe ich schon zu verlieren? Ich hatte ja keine Ahnung! Lies hier, an welche Grenzen mich dieses Buch getrieben hat.

Der Mensch ist ein Abgrund: Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.

(Ludwig Büchner)

Wer sich nicht entscheiden kann, neigt dazu sich auf Entscheidungen von anderen zu verlassen. Heißt für mich: Im Zweifel und in Ermangelung neuen Lesestoffs werfe ich einen Blick auf die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste: Narbenkind von Erik Axl Sund. Was habe ich schon zu verlieren? Ich hatte ja keine Ahnung! Lies hier, warum mir die Bewertung für dieses Buch wirklich schwer gefallen ist und an welche Grenzen es mich getrieben hat.

 

Klappentext

Erik Axl Sund: Narbenkind (c)2013 Goldmann Verlag. (dramaturgia)

Erik Axl Sund: Narbenkind (c)2013 Goldmann Verlag. (dramaturgia)

Ein Geschäftsmann wird brutal ermordet. Jeanette Kihlberg ermittelt mithilfe der Psychologin Sofia. Doch wer ist Sofia wirklich?

Jeanette Kihlbergs Ermittlungen in einer Mordserie an Jungen in Stockholm werden vorübergehend auf Eis gelegt, als ein ranghoher Geschäftsmann auf bestialische Weise getötet wird. Man geht von einem Racheakt aus – doch Rache wofür? Psychologin Sofia Zetterlund soll ein Täterprofil erstellen, aber dann geschehen weitere Morde. Und diese scheinen in Verbindung mit Victoria Bergmann zu stehen. Während die Ermittlungen nach Dänemark führen, hat Sofia immer häufiger Bewusstseinsstörungen …

 

Plus für Titel und leichten Einstieg

Erst nach dem Kauf ist mir aufgefallen, dass Narbenkind der zweite Teil der Victoria Bergmann Reihe ist, nämlich der Nachfolger von Krähenmädchen. Ich kenne zu dem Zeitpunkt weder Autor Erik Axl Sund (übrigens ein Pseudonym aus zwei Autoren: Musiker/Produzent und Gefängnis-Bibliothekar, wie meine Recherchen ergaben – spannendes Trivium am Rande) noch seine Figur Victoria Bergmann. Und rückwirkend muss ich feststellen, dass ich auch lieber weiterhin ohne sie beide leben würde. Aber dazu später mehr.

Im Verlauf des Romans stellt sich heraus, dass Victoria Bergmann nicht, wie für Krimi-Reihen üblich, eine Ermittlerin ist, sondern in gewisser Weise ein Opfer. Eine Art Lisbeth Salander, die Gegenstand, Grund und sogar in gewisser Weise Helfer der Ermittlungen ist. Daher an dieser Stelle ein Dramaturgia-Plus für diesen geschickten und frischen Ansatz für Titelgebung.

Die tatsächliche Hauptermittlerin ist Jeanette Kihlberg, eine Frau, zu der ich schwerlich einen Draht finden konnte. Nicht aus dramaturgischer Sicht, denn die Figur ist schlüssig, vielschichtig und authentisch angelegt, sondern rein aus persönlicher Sicht. Kihlberg arbeitet offenbar seit Längerem (vielleicht seit dem Vorgänger Krähenmädchen) an einer vermutlich sexuell motivierten Mordserie an Jungen, die noch dazu höchstwahrscheinlich über Menschenhandel nach Schweden kamen.

Kein besonders schöner Gedanke, aber der Autor verzichtet glücklicherweise auf Einzelheiten. Sehr positiv und angenehm fand ich auch, dass mir der Einstieg in die Geschichte, die Figuren und ihre Eigenheiten, in die Zusammenhänge um Victoria Bergmann und in das gesamte Buch nicht schwer fiel, obwohl ich den ersten Teil nicht gelesen hatte.

Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob dadurch Leser des ersten Teils unangenehm häufige und detailreiche Wiederholungen und Neueinführungen in bereits Bekanntes erdulden müssen, aber bis zum Beweis des Gegenteils meiner Meinung nach grundsätzlich ein Zeichen für gutes schriftstellerisches Handwerk.

 

Minus für Kinderpornografie

Tja, das war es leider auch schon mit meinen positiven Eindrücken zum SPIEGEL-Bestseller. Denn leider werden alle klugen Handlungsstränge, alle Wendepunkte und alle Figureneigenschaften überschattet von der allgegenwärtigen Präsenz detailliert beschriebenen Kindesmissbrauchs in allen nur erdenklichen Formen.

Ich bin bei Leibe nicht prüde und auch durchaus in der Lage, zwischen der Realität eines fiktiven Werks und der unseren zu unterscheiden und einem Roman (oder Film) grundsätzlich mehr Freiheiten, Eigenarten und Facetten zuzusprechen.
Aber es gibt Grundsätze, die fiktive Grenzen überschreiten und für alle Realitäten gelten. Oder zumindest gelten sollten. Nicht erst seit Game of Thrones scheinen Sex und Gewalt – oder auch beides zusammen – wichtige Elemente für gute Geschichten zu sein, wer sich das auch immer ausgedacht haben mag.

Aber was Erik Axl Sund in diesem Roman seiner Victoria Bergmann und anderen Kindern antut, und mit welcher nicht mehr nur voyeuristischen, sondern geradezu sadistischen Akribie die verschiedensten Situationen, Akte und Empfindungen bis ins Detail beschrieben werden, das ist nicht nur ein Affront gegen den guten Geschmack, sondern gegen die Moral jedes guten Bürgers.

Ich will so etwas einfach nicht lesen! Ich will nicht! Schlimm genug, dass überhaupt Kinder und Jugendliche auf dieser Welt sexuellen, physischen und psychischen Missbrauch erdulden müssen, und vermutlich sind die Schilderungen aus Narbenkind nur die Spitze des Eisbergs. Aber ich habe weder die Macht das zu ändern noch persönlich die Kraft, mich damit auseinander zu setzen. Das ist meine eigene Entscheidung. Man mag sie feige finden, ignorant, egoistisch oder verleugnend. Aber es ist das gute Recht jedes Menschen, selbst zu entscheiden. Und ich hätte es toll gefunden, wenn man mich vorher gewarnt hätte, worauf ich mich mit diesem Buch einlasse.

Und ich hoffe inständig, dass der große Erfolg der Victoria Bergmann Reihe nicht weitere Autoren und Verlage dazu veranlasst, ähnlich viel Voyeurismus und Sadismus gegenüber Schutzbedürftigen in ihre Geschichten zu packen. Selbst, wenn es nur dazu dient, ihrer Opfer-Figur ein starkes Rache-Motiv zu geben und ihre Handlungen nachvollziehbar zu machen.

 

Fazit

Narbenkind von Erik Axl Sund ist nach Krähenmädchen der zweite Teil aus der Victoria Bergmann Reihe. Auch, wer den ersten Teil nicht gelesen hat, findet gut in die Geschichte und kann alsbald mit in den brutalen Morden ermitteln, mit über den Mörder rätseln und mit durchs Kinderzimmerfenster spannen.

Trotzdem und genau deswegen ist dieses Buch mein erster und letzter Erik Axl Sund. Nicht wegen der authentischen Figuren, nicht wegen der spannenden Geschichte. Sondern wegen der abartig intensiven Schilderung von Gewalttaten an Kindern und Jugendlichen.

Wegen dieser starken innerlichen Zerrissenheit – gute Dramaturgia-approved erzählerische Elemente auf der einen Seite, aber tiefstes persönliches Missfallen gegenüber dem Inhalt – fiel mir die Entscheidung dieses Mal schwer, aber als Gesamtwerk bekommt das Buch dennoch lediglich 2 Sterne von mir. Und sei es nur, um es von der SPIEGEL Bestsellerliste zu holen und Nachahmer zu vermeiden.

 

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Das Buch

Der Psychothriller Narbenkind (Victoria Bergmann 2) von Erik Axl Sund erschien 2014 bei Goldmann Verlag.

Broschierte Ausgabe (512 Seiten)
ISBN-10: 344248118X
ISBN-13:
978-3442481187

Das Hörbuch (ungekürzt 14 Std. 19 Min.), gelesen von Thomas M. Meinhardt, erschien 2014 exklusiv bei Audible.