Ein Leben nach Harry Potter – geht das überhaupt? Mit Ein Plötzlicher Todesfall wagt sich J.K. Rowling in ein neues Genre. Überraschend, überzeichnend – auch überzeugend?

Es ist bekannt, dass die Nase niemals glücklicher ist, als wenn sie in anderer Leute Angelegenheiten steckt

Ambrose Bierce

 

 

Ich habe endlich – aus reiner Neugierde, und damit ich mitreden kann – J.K. Rowlings ersten Roman nach Harry Potter erstanden: Ein plötzlicher Todesfall (The Casual Vacany)

Und er ist super! J.K. Rowling versteht es einfach, nicht nur fiktive Figuren zu zeichnen, sondern so authentische Charaktere, dass sie tatsächlich der eigene Nachbar, Schwager oder Bekannte sein könnten.

 

Klappentext

Joanne K. Rowling: Ein plötzlicher Todesfall. (c)2012 Carlsen. (dramaturgia)

Als Barry Fairbrother mit Anfang vierzig plötzlich stirbt, sind die Einwohner von Pagford geschockt. Denn auf den ersten Blick ist die englische Kleinstadt mit ihrem hübschen Marktplatz und der alten Kirche ein verträumtes und friedliches Idyll, dem Aufregung fremd ist. Doch der Schein trügt. Hinter der malerischen Fassade liegt die Stadt im Krieg. Krieg zwischen arm und reich, zwischen Kindern und ihren Eltern, zwischen Frauen und ihren Ehemännern, zwischen Lehrern und Schülern. Und dass Barrys Sitz im Gemeinderat nun frei wird, schafft den Nährboden für den größten Krieg, den die Stadt je erlebt hat. Wer wird als Sieger aus der Wahl hervorgehen – einer Wahl, die voller Leidenschaft, Doppelzüngigkeit und unerwarteter Offenbarungen steckt?

 

J.K. Rowlings erster Roman für Erwachsene ist aufwühlend, berührend und spannend. Ein großer Roman über eine kleine Stadt von einer der besten Erzählerinnen der Welt.

 

Eine bürgerliche Milieu-Studie

Viele Stimmen im Vorfeld kritisierten Joanne K. Rowlings erstes Werk nach Harry Potter als „viel zu klischeehaft, viel zu konstruiert.“

Aber genau das Gegenteil ist der Fall – denn meiner Meinung nach ist die Wirklichkeit genau so! Und jeder, der etwas anderes behauptet, sieht entweder nicht genau hin oder beherrscht die Kunst der Verdrängung hervorragend.

„Pagford“ ist in meinen Augen bloß das Pseudonym für jedes beliebige 500-Seelen-Dorf und jede kleinere Gemeinde. Ein plötzlicher Todesfall geht zugegebenermaßen mehr auf die schlechten und dunklen Seiten des kleinstädtischen Miteinanders ein, aber nun ja, Konflikte sind nunmal immer spannender als Friede-Freude-Eierkuchen, nicht wahr?

In Pagford weiß also jeder über jeden Bescheid, ist das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner und gönnt keiner dem Nächsten die Butter auf dem Brot. Narzisstische Ehefrauen sehnen sich zunehmend nach dem unerreichbaren Traum von früher, Söhne rebellieren gegen ihre Eltern und Gemeinderatsvorsitzende nutzen ihre lokale Bekanntheit und Machtposition schamlos aus.

Aber da ist auch der aufrichtig liebende Ehemann, die duckmäuserische Ehefrau ohne Rückgrat, das penible aber neidische Hausmütterchen, die alleinerziehende Mutter mit Selbstbewusstsein, die drogensüchtige Mutter mit Selbstzweifeln, der ungeliebte Sohn, der sich nach Anerkennung sehnt.

 

Ein Buch, das seine Figuren liebt

Merkst du was? Ja, das sind Klischees. Aber wer kennt nicht mindestens einen Menschen im wirklichen Leben, im Freundes- und Bekanntenkreis, der nicht genauso ist?

Ich jedenfalls habe geradezu das Gefühl, den fetten heimlichen Stadtkönig Howard Mollison, den unsicheren Teenager Andy Price und die kämpferische Underdog Krystal Weedon persönlich zu kennen, so sehr sind die Figuren aus dem Leben gegriffen.

Ich habe viel Respekt vor J.K. Rowling und bin ihr dankbar – als Leserin wie als (angehende) Autorin – , dass sie so viel Liebe und Detail in ihre Figuren steckt, dass sie ihnen so viel Herzblut und Charaktertiefe schenkt. Und vor allem so viel Aufmerksamkeit – ohne, dass man sich genervt fühlt. Davon kann sich mancher Autor eine Scheibe abschneiden!

Mein Lieblings-Charakter ist übrigens Stuart „Fats“ Wall. Weil ich einmal einen Freund hatte, der ihm so ähnlich war, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

 

Erwischt!

Besonders schön an J.K. Rowlings Erzählweise ist auch, dass sie immer sehr nah bei den Charakteren bleibt – und der Leser sich immer wieder ertappt fühlt, genau solche Gedanken auch manchmal in ähnlichen Situationen zu haben. Zum Beispiel am Küchentisch zu sitzen und während die Familie sich über den neuesten Nachbar-Klatsch unterhält, einfach darüber nachzudenken, wie wohl die Etiketten auf die Weinflasche geklebt werden (frei erfundenes Beispiel – aber you get the idea ^^).

Es sind diese kleinen, eigentlich unnötigen Einzelheiten innerer Gedankengänge, die die Figuren so authentisch und Joanne K. Rowlings Erzählstil so einzigartig machen. Das, was schon bei Harry Potter so gut funktioniert hat, dass es alles von 10 bis 99 Jahren begeistert hat. Nur eben diesmal in ein hartes Korsett gepresst und unnachgiebig realistisch statt daunenweich fantasievoll.

 

Fazit

J.K. Rowling versteht es einfach, schillernde, vielschichtige und so klischeehafte Figuren zu zeichnen, dass sie einfach authentisch sind, und daraus realistische Plots zu stricken. Man merkt, dass sie die erste Zeit während der Arbeit an Harry Potter in einem Café gesessen und die Leute beobachtet hat.

Meine Meinung: Dieses Buch sollte man auf jeden Fall lesen, entweder als gesellschaftskritische Sozialmilieu-Studie, als Vorbild für personelle Erzählkunst, aus Neugierde auf J.K. Rowlings neues Werk, aus Freude an Voyeurismus, Klatsch und Tratsch – oder einfach, um gut unterhalten zu werden.

Das Hörbuch wird gelesen von Christian Berkel, dem Lebensgefährten von Andrea Sawatzki, der seine Sache sehr gut macht und es verdient, gesondert erwähnt und gelobt zu werden.

Großartig! 5/5 Sternen

 

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Das Buch

Der Roman Ein plötzlicher Todesfall von Joanne K. Rowling erschien 2012 im Carlsen Verlag (das Taschenbuch 2013 bei Ullstein).

Gebundene Ausgabe (576 Seiten)
ISBN-10: 3551588880
ISBN-13: 978-3551588883

Das Hörbuch (ungekürzt 19 Std. 06 Min.), gelesen von Christian Berkel, erschien 2012 im Der Hörverlag.