Ich bekenne: Ich finde Geschichten über die Pest faszinierend. Darum der Historische Roman Die Pestmagd von Brigitte Riebe. Leider macht er vieles falsch.

Das Herz eines Mannes ist leicht zu gewinnen,
das einer Frau leicht zu verspielen.

Jörg Winter

 

Nach der Enttäuschung bei Die Liebenden von San Marco versuche ich es noch einmal mit der Pest – weil mich das Thema so fasziniert! Gibt es überhaupt Autoren, die dieses Thema in Historischen Romanen behandeln, und dabei spannende Geschichten und schöne Charaktere entwerfen können? Ist Brigitte Riebe eine davon? Lies selbst.

 

Klappentext

Brigitte Riebe: Die Pestmagd. (c)2013 Diana Verlag. (dramaturgia)

Brigitte Riebe: Die Pestmagd. (c)2013 Diana Verlag. (dramaturgia)

Liebe, Verrat und der Kampf ums Überleben in Zeiten der Pest

Köln, 1540: Die junge Witwe Johanna Arnheim wird von ihrem eifersüchtigen Schwager verleumdet und landet wegen Gattenmordes im Frankenturm. Der Tod scheint ihr gewiss – doch der Arzt Vincent erwirkt einen Freispruch unter der Bedingung, dass sie sich als Magd im Pesthaus verdingt. Der „Schwarze Tod“ wütet unerbittlich in der Stadt, und so ist Johanna, die bereits die Beulenpest überlebt hat, eine große Hilfe. Bis ein düsteres Geheimnis ihrer Vergangenheit sie einholt und alles zu zerstören droht – auch ihre zarte Liebe zu Vincent.

„Mit der Neugierde einer Wissenschaftlerin erarbeitet Brigitte Riebe sich vergangene Zeiten, um sie möglichst lebendig wirken zu lassen. Und das gelingt ihr trefflich.“ Offenbach Post

 

Inhalt

Der Klappentext beschreibt den Inhalt schon recht gut, eigentlich kann ich an dieser Stelle kaum noch etwas hinzufügen. Also überspringe ich diesen Teil einfach und komme direkt zur Kritik :D

 

Wo ist die Pestmagd?

Vorweg: Die Pestmagd von Brigitte Riebe ist in meinen Augen ein unterdurchschnittlicher Historischer Roman. Das hat drei Gründe, die ich unten erläutere. Der erste davon:

Meine Erwartungen an den Klappentext wurden nicht erfüllt!

Wie du bereits hier lesen kannst, bin ich ein großer Fan von Geschichten, die zu Zeiten der Pest spielen. Für mich einer der Hauptgründe, warum ich das Buch gekauft habe. Aber diese mutmaßliche Pestmagd hier braucht erst einmal die Hälfte des Buches, um überhaupt zu selbiger zu werden!

Eine Hälfte, die ich mit inkonsistenten Figuren, schlecht konstruierten Handlungssträngen und ohne Pest verbringen muss. Was sich im Klappentext liest wie „Das Buch beginnt und zwei Tage später wird Johanna von ihrem Schwager angeklagt und in den Kerker geworfen, also ist sie ungefähr nach 50-100 Seiten eine Pestmagd“, ist in Wahrheit leider eine endlose Zeit „vor dem Kerker“, dann eine ganz sinnlose Zeit „im Kerker“ und danach verbringt der Erzähler in Form von Johannas antagonistischem Schwager Hennes gefühlt mehr Zeit im Hurenhaus als bei Johanna und Vinzent im Pesthaus.

 

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand!

Am Schlimmsten aber fand ich die stereotypischen Figuren mit Potenzial, mich ernsthaft wütend zu machen.

Ähnlich wie bei Ken Folletts Die Säulen der Erde sind die Bösen einfach nur Böse, und das umschließt alle Antagonisten vom Schwager Hennes über die alte Bekannte Ita bis zu ausnahmslos allen Mitgliedern der Diebesbande.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass mit Sicherheit auch vieles davon der Einfallslosigkeit des Sprechers Günter Merlau geschuldet ist, der allen Antagonisten, egal ob männlich oder weiblich, immer so ein gehässiges Näseln gegeben hat.

Nichtsdestotrotz: Selbst die Rechtfertigung von/für Hennes später mildert meinen Ärger nicht: Er hat schon immer seinen Bruder (Johannas verstorbenen Mann) beneidet, hat ein kleines Ego, keine Frau liebt ihn, er ist Kürschner und stinkt deswegen nach Tierkadaver – merkst du was? Ich höre nur „mimimi“!)

Sorry, aber für platte Figuren gibt es in meinen Augen keine Rechtfertigung. Und mit kläglichen Versuchen wie den obigen wird nicht etwa mein Mitleid geschürt, sondern meine Verachtung. Vor solchen Figuren kann ich einfach keinen Respekt haben. Und Respekt ist wichtig für eine funktionierende Figurenbeziehung und Geschichte!

 

Keinen Respekt habe ich auch vor Johanna. Weil sie ein inkonsistenter Charakter ist. Warum ist sie so sauer auf Vincent (, dass sie lieber im Kerker verrotten würde als sich von ihm helfen zu lassen)? Und warum lässt sie sich dann doch wieder mit ihm ein?
Warum schämt sie sich so sehr für ihre Vergangenheit, dass sie den Erzähler und den Leser dort nicht näher eindringen lässt (was in sehr häufigen, ziemlich unbefriedigenden vagen und kurzen Deutungen dieser ach so schlimmen Vergangenheit mündet). Und warum führt sie dann doch immer wieder diese Vergangenheit, die ich immer noch nicht kenne, als Erklärung für ihr Verhalten an?

Das Resultat: Konstruiert wirkendes, unnötiges Hin und Her, das am Ende doch nur wieder in Happy End endet. Echt jetzt? Das hätten wir uns alle sparen können!

 

Da! Ein Lichtblick! – Oh, vorbei.

— Achtung, Spoiler! —

Recht früh, bereits im Prolog wird ein Sohn von Johanna etabliert, den sie schon als Kind fortgegeben hat. Im weiteren Verlauf wird immer wieder zwischen den Zeilen angedeutet, dass dieser Sohn noch lebt. Als Leser freue ich mich und lasse meine freudestrahlende Fantasie von einem Hinweis zum Nächsten springen, um das Puzzle zusammenzusetzen.

Gerade, als ich aber darauf komme, wird mir die Auflösung auch schon präsentiert, und zwar in immer kürzer werdendem Abstand so penetrant, dass ich mich nicht nur für blöd gehalten fühle, sondern richtiggehend wütend werde. Aber egal, ich sehe es positiv und freue mich, dass ich wenigstens schon vor der Auflösung hinter das große große Rätsel gekommen bin.

Und wirklich gut gefallen hat mir, dass der Sohn im Verlauf der Geschichte dazu kommt und ein wunderbarer, großartiger Spannungsbogen angesichts der unerkannten Zusammenkunft aller Familienmitglieder gespannt wird (ähnlich wie in dieser Szene in Tim Burtons Sweeney Todd, wenn die ganze Familie unwissentlich wieder vereint ist, weil die Tochter in der Kiste sitzt und die Mutter zu ihm reinkommt und ihn GERADE ERKENNT – als er sie tötet. DAS ist Tragik!)

Aber leider war dieser Spannungsbogen hier ziemlich unbefriedigend zu Ende geführt. Es gab tatsächlich diese eine Stelle im Buch, da dachte ich: „Ja! Wenn sie (Brigitte Riebe) das jetzt so schreibt, dann hat sie es trotz allem echt drauf!“

Aber sehr zu meinem Bedauern hat sie es so nicht geschrieben. Was hat sie getan? Sie war zu feige. Nicht konsequent genug. Hat die Szene (und damit die Spannung) zu früh aufgelöst und Platz gemacht für Friede, Freude, Eierkuchen. Schade!

 

Fazit

Ich muss wohl nicht sagen, dass mich der Historische Roman Die Pestmagd von Brigitte Riebe nicht nur enttäuscht hat, sondern auch wirklich verärgert.

Ganz nett war das Nachwort, in dem einige geschichtliche Fakten zur Pest (in Köln) und der nachhaltigen Wirkung auf die Gesellschaft zusammengetragen sind. Aber die große Erleuchtung hatte ich leider dadurch nicht.

Zwei Sterne.

 

* * * * *

 

Das Buch

Der Historische Roman Die Pestmagd von Brigitte Riebe erschien 2013 im Diana Verlag.

Taschenbuch (544 Seiten)
ISBN-10: 345335544X
ISBN-13: 978-3453355446

Das Hörbuch (ungekürzt 12 Std. 51 Min.), gelesen von Günter Merlau, erschien 2013 bei RADIOROPA Hörbuch.