Für mich als leidenschaftlichen J.K. Rowling Fan war die Lektüre ihres neuen Krimis Der Ruf des Kuckucks geliebte Pflicht. Aber konnte sie mich auch diesmal überzeugen?

Wer zu laut und zu oft seinen eigenen Namen kräht, erweckt den Verdacht, auf einem Misthaufen zu stehen.

Otto von Leixner

 

Ich mache keinen Hehl daraus und sage immer wieder jedem, der es hören will, wie großartig ich J.K. Rowling finde. Nicht nur, weil sie die (nicht ohne Grund) erfolgreichste Buchreihe der Neuzeit, Harry Potter, geschrieben hat, sondern vor allem, weil sie auch mit ihrem Folgeroman Ein plötzlicher Todesfall beweist, dass sie eine Meisterin der Erzählkunst ist und Figuren so authentisch, lebendig und vielschichtig zeichnen kann wie keine Zweite.

Für mich war die Lektüre ihres neuen (und ersten) Krimis Der Ruf des Kuckucks, den sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht hat, also geliebte Pflicht. Aber konnte sie mich auch diesmal überzeugen? Lies selbst!

 

Klappentext

Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks. (c)2013 Blanvalet (dramaturgia)

Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks. (c)2013 Blanvalet (dramaturgia)

Das Krimi-Ereignis, über das die Welt spricht!

Als das berühmte Model Lula Landry von ihrem schneebedeckten Balkon im Londoner Stadtteil Mayfair in den Tod stürzt, steht für die ermittelnden Beamten schnell fest, dass es Selbstmord war. Der Fall scheint abgeschlossen. Doch Lulas Bruder hat Zweifel – ein Privatdetektiv soll für ihn die Wahrheit ans Licht bringen.

Cormoran Strike hat in Afghanistan körperliche und seelische Wunden davongetragen, mangels Aufträgen ist er außerdem finanziell am Ende. Der spektakuläre neue Fall ist seine Rettung, doch der Privatdetektiv ahnt nicht, was die Ermittlungen ihm abverlangen werden. Während Strike immer weiter eindringt in die Welt der Reichen und Schönen, fördert er Erschreckendes zutage und gerät selbst in große Gefahr …

 

Ein fesselnder, einzigartiger Kriminalroman, der die Atmosphäre Londons eindrucksvoll einfängt – von der gedämpften Ruhe in den Straßen Mayfairs zu den versteckten Pubs des East Ends und dem lebhaften Treiben Sohos. „Der Ruf des Kuckucks“ ist das hochgelobte Krimidebüt von J.K. Rowling, geschrieben unter dem Pseudonym Robert Galbraith, in dem sie mit Cormoran Strike einen ungewöhnlichen Ermittler präsentiert.

 

J.K. Rowling und Robert Galbraith

Vorab möchte ich sagen, dass ich große Achtung davor habe, dass die erfolgreiche Autorin für ihr Krimi-Debüt ein Pseudonym gewählt hat. Während viele andere sich darüber echauffiert haben, kann ich ihre Beweggründe durchaus nachvollziehen und respektiere sie dafür umso mehr:

„Hätte ich einen Bestseller schreiben wollen, hätte ich Der Ruf des Kuckucks unter meinem eigenen Namen veröffentlicht“

habe ich in einem Interview gelesen.

Aber J.K. Rowling, auch wenn sie nach dem überwältigenden Erfolg der Buch- UND Filmreihe um Harry Potter allen Grund dazu hat, sich an das Leben als Bestseller-Autorin gewöhnt zu haben, beweist mit dieser Wahl, dass sie immer noch vor allem und an erster Stelle Autorin ist und Geschichten erzählen möchte, nicht das große Geld machen (beziehungsweise nur, wenn ihre Geschichte es verdient hat).

Und sie hat absolut Recht: Auch, wenn das Pseudonym ein offenes Geheimnis ist, würde sich der Krimi wohl um ein Vielfaches mehr verkaufen, wenn ihr eigener Name auf dem Buchrücken stünde. Aber durch das Pseudonym reduziert Rowling den Roman auf das, was er ist: Ein Krimi. Und die Leser entscheiden, ob sie ihn gut finden (und er sich verkauft) oder nicht. Und nicht ihr Name.

Hut ab für diesen mutigen Schritt, der die Liebe zur Sache statt das Streben nach (weiterhin) Erfolg ausdrückt.

Aber jetzt zum Dramaturgia Check:

 

Wie aus dem Leben gegriffen

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: J.K. Rowling hat es einfach drauf, authentische, lebendige Figuren zu zeichnen, ihnen eine Geschichte zu geben und sie alle miteinander zu verknüpfen.

Besonders nach meiner kritischen Analyse von Prison Break (als Auftakt meines Dreiteilers über die Serie, die es schafft gleichzeitig Best Practice und Worst Practice für Storytelling zu sein), glaube ich, dass es besonders dieses Beziehungsgeflecht ist, das J.K. Rowlings Romane immer so lebendig macht und wirklich eine eigene Gesellschaft etabliert: Auch, wenn sich nicht alle Figuren (persönlich) kennen, stehen sie alle in Verbindung (und sei es nur durch geteilte Bekannte oder über die Medien), haben Meinungen übereinander und bilden Gemeinschaften.

Daraus resultiert immer  eine ganz eigene, funktionierende Gesellschaft mit allen Komponenten: Stars und Promis, die einander kennen und je nach dem mehr oder weniger mögen; Normalos, die sich auf diese Promis beziehen. Und alles dazwischen, das eben zu einer richtigen Gesellschaft dazu gehört – vom Nachtwächter über den Fahrer bis zur Familie vor dem Fernseher.

Immer wieder ertappe ich mich nach der Lektüre von J.K. Rowlings Romanen dabei, mich zu fragen „Was macht eigentlich …?“
Na, wenn das kein Indiz für eine 1a gestaltete Figur ist!

Darüber hinaus erzählt Der Ruf des Kuckucks auch eine spannende Geschichte, die sich um die typische Krimi-Frage („Wer war es und warum?“) dreht, aber trotzdem durch obiges funktionierendes Gesellschaftssystem Spaß macht.

 

Cormoran Strike(s) – und wir sehen zu

Aber hier, wo wir zu den Krimi-Elementen kommen (Fragen stellen, Ermittlungen anstellen, Indizien ausgraben, Vermutungen anstellen und schließlich den Mörder überführen), muss ich leider das Storytelling kritisieren.

Normalerweise macht gerade das wahnsinnig Spaß, wenn man als Leser sein Köpfchen mit anstrengen kann und sich durch gut platzierte Hinweise genauso klug fühlen kann wie der Ermittler (besonders gut funktioniert das mMn in BBCs Serie Sherlock – ich glaube, ich muss darüber auch mal einen Artikel schreiben).

Leider kriegt J.K. Rowling die Kurve nicht ganz so galant: Als Leser läuft man hier eher wie ein Schaf dem Hirten Cormoran Strike hinterher, halb beeindruckt, halb abgestoßen von ihm (an dieser Stelle das Lob: Gute Figuren-Ausarbeitung, weil kein typischer Antiheld. Endlich! Danke!)

Aber er behält alle relevanten Infos für sich – sogar Benedict Cumberbatchs soziopathischer Sherlock lässt uns (wohl eher aus Lust an seinem Wissen und unserem Unwissen, aber egal warum) mehr an seinen Gedankengängen teilhaben!

Das Resultat: Am Ende sind wir völlig überrumpelt von der Auflösung. Nicht, dass die Auflösung  nicht gut wäre. Und Cormoran führt den Mord als perfekt geplantes Verbrechen auch hervorragend detailgetreu und bis zum letzten Punkt aus, sodass keine Fragen offen bleiben.
Keine, außer einer: „Ich arbeite seit 600 Seiten mit dir zusammen, wieso hast du mir nicht früher zumindest ein BISSCHEN Fleisch zugeworfen? Wieso lässt du mich jetzt wie den letzten Idiot dastehen?“
Da fühlen wir uns wirklich ein bisschen wie Sidekick John Watson, nur, dass wir nicht einmal einem Menschen das Leben retten könnten oder im Krieg waren.

Am Ende kann mich also weder freuen noch beeindruckt sein. Ich bin zu sehr überrumpelt. Und ich bin sauer und enttäuscht, weil ich mich dumm fühle, weil ich nicht selbst darauf gekommen bin – weil doch alles so offensichtlich war!
Dann richtet sich meine Wut von Cormoran zum Autor, weil der mich nicht genügend mitgenommen hat.

Außerdem sei angemerkt, dass das Buch mit 640 Seiten für einen Krimi schon ganz schön dick ist. Aber, Pluspunkt, die Länge ist dem Buch dank guter Schreibe kaum anzumerken.

PS: Es ist wohl kaum nötig zu erwähnen, dass Dietmar Wunder das Hörbuch ebenso großartig spricht wie er schon die Millennium Trilogie von Stieg Larsson vertont hat!

 

Fazit

Der Ruf des Kuckucks ist in Sachen Figuren(-konstellation) mal wieder ein waschechter Rowling und für jeden empfehlenswert, der selbst schreiben will.

Die Geschichte hat einen klaren roten Faden, der Plot ist durchdacht und schlüssig. Am Ende greifen alle Details wie ein perfektes Puzzle (und ein richtig gutes noch dazu) ineinander. Und Ermittler Cormoran Strike beeindruckt mit seiner Kombinationsgabe und deckt ein völlig unerwartetes Szenario auf.

Aber das ist keine Kunst, wenn wir Leser ohne Vorlage gepuzzlet haben, aber Cormoran mit. Schade! Sehr knappe 4/5 Sternen.

 

* * * * *

 

Das Buch

Der Krimi Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith (J.K.Rowling) erschien 2013 bei Blanvalet.

Gebundene Ausgabe (640 Seiten)
ISBN-10: 3764505109
ISBN-13:
978-3764505103

Das Hörbuch (ungekürzt 16 Std. 02 Min.), gelesen von Dietmar Wunder, erschien 2013 bei Random House Audio.