Ich bin verliebt! Verliebt in das Wort und den, der es einst sprach. Walther von der Vogelweide, der in Tanja Kinkels Das Spiel der Nachtigall für knapp 1.000 Seiten so lebendig, wie ein toter Dichter nur sein kann. Dennoch ein Wechselbad der Gefühle.

Wer gab dir, Minne, die Gewalt, dass du so ganz allmächtig bist?
Du siegest über Jung und Alt, und gegen dich hilft keine List.

Walther von der Vogelweide

 

 

Walther von der Vogelweide. Irgendein Name irgendeines Dichters, über den man wohl oder übel im Deutsch-Unterricht früher oder später stolpert. Neben all den anderen Johann von Eichendorffs, Christian Morgensterns und Johann Wolfgang von Goethes, die unsere wunderbare Sprache dereinst in wohlklingende Verse betteten.

Eigentlich habe ich dieses Hörbuch bloß ausgewählt, weil es von Uve Teschner gelesen wird (meinem neuen Lieblings-Sprecher), und weil es mit über 30 Stunden Spielzeit (knapp 1.000 Seiten) viel Zeit für wenig Geld vertreiben kann.

(Achtung, es wird (mal wieder) etwas länger. Aber was erwartest du, das ist immerhin ein 928 Seiten Schinken!)

 

Klappentext

Tanja Kinkel: Das Spiel der Nachtigall (c)2012 Knaur (dramaturgia)

Er liebt die Freiheit, die Frauen und das geschliffene Wort: Walther von der Vogelweide raubt dem Minnesang die Keuschheit, spottet über Fürsten und klagt selbst Kaiser und Papst mit spitzer Zunge an, obwohl jeder ketzerische Gedanke den Tod bedeuten kann. Immer wieder kreuzt dabei eine ungewöhnliche Frau seine Wege: Die Ärztin Judith ist eigensinnig, willensstark und ganz sicher nicht die Sorte sanftmütiges Mädchen, die Walther sonst in seinem Bett begehrt. Trotzdem verfällt er ihr mit allen Sinnen. Das ungleiche Paar muss gemeinsam gegen alle Regeln seiner Zeit aufbegehren – denn Judith hütet mehr als ein gefährliches Geheimnis …

 

Walther, oh Walther!

Vielleicht geht es dem ein oder anderen beim Lesen dieses Klappentextes ähnlich: Ich verspüre geradezu euphorisches Kribbeln im Bauch bei dem Gedanken an einen wortgewandten, schelmischen und herzensbrecherischen Sänger des deutschen Frühmittelalters.

Und anders als bei Jo Nesbo’s Koma (Link zum Dramaturgia Check) werde ich hier absolut nicht von Titel und Klappentext enttäuscht – im Gegenteil: Der Walther von der Vogelweide, den Tanja Kinkel hier skizziert, ist vollkommener, spitzbübischer, scharfzüngiger und geschliffener als ich zu träumen gewagt hatte (ganz zu schweigen von der großartigen Sprechleistung, die Uve Teschner (again!) vollbringt).

Dieser Walther ist ein ausgekochtes Schlitzohr, ein ebenso verachtungs- wie liebenswürdiger Kerl, der einen binnen eines Kapitels zum Lachen, zum Weinen, zum Erröten und zum Schreien bringen kann.

Ich ertappe mich oft dabei, wie ich an diesen Walther von der Vogelweide denke, und ich glaube, das ist Ehre und der Worte genug.

 

Oh, Judith …

Tjaaa, was wäre ein Buch, wenn es perfekt wäre. Dieses Buch hat ein ganz großes Manko, das Hörbuch sogar zwei: Die Ärztin Judith bzw. Jutta. Eine junge, kluge und eigensinnige Frau, die es im Leben wahrlich nicht leicht hat (weil es der Buchrücken nicht tut, spoilere ich hier auch nicht) – in die sich unser lieber Walther aber auf den ersten Blick unsterblich verlieben muss.

Und während ich den beiden eine Zeit lang mit dem kritischen Blick einer eifersüchtigen Geliebten, aber dem wohlwollenden Blick einer romantischen Leserin zusehe (das Buch hat 928 Seiten), mich jedes Mal an ihren schlagfertigen Dialogen erfreue, mich immer wieder für ihre gegenseitig empfundene Liebe und Seelenverwandtschaft freue – so werde ich doch jedes einzelne Mal wütender!

Ich wurde so wütend, dass ich eigens für dieses sture, eigensinnige und (dem Leser gegenüber) egoistische Paar einen Blog-Artikel verfasst habe! (Bitte verarscht mich nicht in Liebesbeziehungen!)

Es KANN doch nicht sein, dass es die beiden, obwohl offenkundig füreinander geschaffen und beide nicht auf den Mund gefallen, um ihre Gefühle MEHRFACH auszusprechen, über 900 Seiten nicht fertig bringen, einfach mal miteinander glücklich zu sein??

In der wundervollen Welt der Literatur und Filmkunst gibt es wenig, das ich mehr hasse, als zwei Liebende, die die Geschichte durch unnötige Ziererei und immer neue ach-so-schreckliche Erkenntnisse über den anderen und noch absurdere Einflüsse von außen unnötig in die Länge ziehen.

Durchatmen.

Abgesehen davon mag ich die Dynamik zwischen Walther und Jutta, die trotz ihrer Intensität (zumindest meistens) nicht aufgesetzt wirkt. Judiths Geschichte könnte man für meinen Geschmack stark zusammenkürzen, aber das dürfte für das gesamte Buch gelten.

Nehme man die unnötig aufgeblähten Abschnitte über den Krieg zwischen Welfen und Staufern heraus, so bliebe immer noch genug Lesestoff übrig. Obwohl ich diesen Umstand nicht so stark kritisiere wie einige andere Rezensenten, denn ich lese Historische Romane unter anderem auch genau aus diesem Grund, um mehr über die tatsächliche Geschichte zu lernen (soweit das durch einen Belletristik-Roman überhaupt möglich ist).

 

Uve Teschner vs. Katrin Fröhlich

Oben sprach ich zwei Kritikpunkte im Hörbuch an. Neben der furchtbaren Achterbahn-Beziehung Walthers und Judiths (und vielleicht für manche dem Umstand der 928 Seiten) gefällt mir im Hörbuch Katrin Fröhlich als Sprecherin nicht.

Ich habe das Hörbuch gekauft, weil ich Uve Teschner hören wollte. Und er macht seine Sache großartig – man glaubt es kaum, ich finde ihn sogar noch besser als in den beiden Thrillern / Krimis, die ich bisher von ihm gehört habe. Er passt einfach perfekt zu Walther.

Allerdings werden die Teile des Buchs, die aus Judiths Sicht geschrieben sind (sowieso zu viele für meinen Geschmack) von Katrin Fröhlich gelesen. Und ich finde sie einfach nicht wirklich gut. Ich kann leider gar nicht sagen, was mich genau stört, und das tut mir sehr Leid. Aber ich wurde einfach nicht richtig warm mit ihr – was meine Abneigung gegen Judith vielleicht sogar noch schürte.

 

Fazit

Das Spiel der Nachtigall von Tanja Kinkel ist mit 928 Seiten (ja, ich wiederhole mich) ein wahrer Wälzer über den deutschen Minnesänger Walther von der Vogelweide. Und ebenso wie Walthers Lieder war auch dieses Buch für mich ein Auf und Ab der Gefühle.

Auf der einen Seite schwärme ich geradezu für Walther und seinen Sprecher-Mimen, Uve Teschner; auf der anderen Seite bin ich von der Achterbahn-Beziehung zu Judith einfach nur genervt und ein ganz klein wenig erschlagen von der (teils unnötigen) Menge der Worte.

Hier empfehle ich definitiv die Hörbuch-Version, ich glaube, in gedruckter Version hätte ich Dutzende Seiten übersprungen, wenn nicht sogar das Buch letztendlich – trotz Walther – zurück ins Regal gestellt.

Ein letzter Kritikpunkt: Während ich zu Beginn noch von den zu Walther passenden Umschreibungen und Wortmalereien verzückt war, so war ich doch recht bald ernüchternd übersättigt, ja gar genervt davon, besonders von der sehr häufigen Wiederverwertung der (an sich formidablen) Phrase:

Er wetzte seine scharfe Zunge an [Objekt].

Trotzdem vergebe ich 3 4 von 5 Sternen. Für Walther.

 

* * * * *

 

Das Buch

Der Historische Roman Das Spiel der Nachtigall von Tanja Kinkel erschien (2. Auflage) 2012 im Knaur Taschenbuch Verlag.

Taschenbuch (928 Seiten)
ISBN-10: 3426636328
ISBN-13: 978-3426636329

Das Hörbuch (ungekürzt 31 Std. 48 Min.), gelesen von Uve Teschner und Katrin Fröhlich, erschien 2011 im Argon Hörverlag.