High-Tech Spezialist Daniel Suarez fragt in Control, wo eigentlich die großen technologischen Errungenschaften geblieben sind, gelesen von meinem Liebling Uve Teschner! Haben die zwei meine hohen Erwartungen erfüllt? Und warum gibt es eigentlich noch keine Hoverboards aus Zurück in die Zukunft?

Das größte Problem mit dem Fortschritt ist – auch die Nachteile entwickeln sich weiter

(Ernst Ferstl)

Okay, Schluss mit Experimenten. Keine Kindesmissbrauch-Bücher mehr. Und nachdem das Gespann Sebastian Fitzek / Simon Jäger nichts Neues seit November hat, das Super-Duo Daniel Suarez / Uve Teschner jedoch sehr wohl, heißt es für mich: Back to the roots. Zurück zum besten Sprecher (ich hab deine Stimme so vermisst!) und zum genialen Technologie-Nerd Daniel Suarez.

 

Klappentext

Daniel Suarez: Control (c)2014 Rowohlt Verlag. (dramaturgia)

Daniel Suarez: Control (c)2014 Rowohlt Verlag. (dramaturgia)

1969 eroberte der Mensch den Mond. Und was ist die größte Errungenschaft unseres Jahrhunderts? Facebook? Was wurde aus den Visionen der Vergangenheit? Warum gibt es keine großen Erfindungen mehr?

Als dem Physiker John Grady die Aufhebung der Schwerkraft gelingt, hofft er auf den Nobelpreis. Doch statt Gratulanten kommen Terroristen. Grady stirbt. Das melden zumindest die Medien. Tatsächlich erwacht der Wissenschaftler in Gefangenschaft: Das hochgeheime „Bureau of Technology Control“ entführt seit Jahrzehnten die brillantesten Wissenschaftler. Zum Schutz der Menschheit, angeblich, denn für Kernfusion und andere Erfindungen sei der Homo Sapiens noch nicht weit genug.

Für die Gefangenen gibt es nur eine Wahl: Entweder Kooperation – oder eine türlose Zelle im Fels, tief unter der Erde. Doch die neuen Herren der Welt haben die Rechnung ohne Grady gemacht.

 

Science oder nur Fiction?

Ich  mag Daniel Suarez. Ich mag ihn einfach. Er hatte mein Herz schon gewonnen, als ich die ersten paar Kapitel seines Debüts Daemon: Die Welt ist nur ein Spiel gehört hatte (hier im Dramaturgia-Check). Er vereint das Beste aus erzählerischem Talent, schön-schaurigen Nahzukunftsszenarien in High-Tech – und: Videospielen!

In Control geht er nicht der Frage nach, was wäre, wenn die antagonistische KI eines Weltkonzerns wie Blizzard (ach nein, er nennt es Cyberstorm ;-)) die Welt übernehmen würde – (ja, ihr müsst unbedingt Daemon lesen!) – , sondern, warum wir eigentlich bis auf 3D-Bildschirme und neuerdings biegsame Displays keine nennenswerten technologischen Fortschritte mehr in den letzten Jahrzehnten verzeichnen konnten, obwohl der Mensch in den 60ern schon zum Mond geflogen ist und Filme wie Zurück in die Zukunft für dieses Jahr das Hoverboard vorausgesagt haben.

Ich kann euch sagen, Suarez‘ Szenario von der Beantwortung dieser Frage ist ebenso verblüffend plausibel wie verdammt erschreckend. Und nicht selten – eigentlich permanent – schleicht sich die leise Frage ins Unterbewusstsein: „Wer sagt denn, dass es nicht so ist?“

Aber zuerst der Dramaturgia-Check:

 

John Grady, das Normalo-Genie

Wir betrachten die Geschichte (größtenteils) durch die Augen des recht jungen Physikers John Grady, der mit seinem Start-Up – eines derer, die die Millionen gelangweilter Privatinvestoren verschlingen ohne jemals erfolgreich zu sein oder überhaupt Ergebnisse zu erzielen, weil die frischen Absolventen lieber drei Kisten Bier als einen neuen Schreibtischstuhl kaufen – gerade den ersten Antigravitationsspiegel erfunden hat. Das ist ein riesiger Apparat, der so viel Strom pro Sekunde verbraucht wie eine Kleinstadt an einem Tag, der in einem Bereich von ca. 1x1m die Schwerkraft aufheben und umkehren kann.

Ich schaue zwar gerne Michio Kakus „Science oder Fiction“ und Morgan Freemans „Mysterien des Weltalls“ auf Discovery und National Geographic, aber ganz ehrlich: Physik  hab ich in der achten Klasse abgewählt. Ich verstehe also nicht alles, was Grady da macht, und das ist auch gut so. Aber ich verstehe genug, um zu verstehen, dass dieser Grady ein Genie sein muss.

Glücklicherweise für den Leser und für die Dramaturgie weder dieses Mauerblümchen-Nerd-Genie, das in Filmen meistens mit Jeff Goldblum besetzt wird, noch dieses sich selbst überschätzende nervige Ass-Genie, … das auch manchmal von Jeff Goldblum gespielt wird :D. Wenn ich John Grady vergleichen müsste, dann wäre er Nicholas Cage aus The Rock. Der Typ, den du am Anfang für einen Versager hältst, der aber „die Prom-Queen“ zur Freundin hat und am Ende des Films sogar den Respekt von Sean Connery hat!

 

Ich freue mich also, dass John Grady einerseits eine absolute Koryphäe auf seinem Gebiet ist, andererseits aber jung und auch menschlich genug ist, um eine Bilderbuch-Heldenreise zu absolvieren und uns technik-unbedarfte Leser hervorragend in diese neue, bekannte Welt der Technologie zu führen. :)

 

Was wäre, wenn …?

Da ist sie schon wieder, diese Frage in meinem Unterbewusstsein. Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Ambiente, diese riesige Verschwörung aus dem Buch wiedergeben kann, ohne derbe zu spoilern.

Deswegen werfe einfach nur so in den Raum:

  • Wir wissen, dass es nationale und internationale Organisationen im Auftrag der Regierung gibt, wie FBI, CIA und NSA (die übrigens auch in Daemon eine wichtige Rolle spielen! Ich schweife ab …)
  • Wir wissen, dass es geheime Organisationen wie Freimaurer und Illuminaten gibt, die Geheimnisse haben, von denen wir vielleicht nur träumen können.
  • Wir wissen, dass der Forschungs- und Erfindungsdrang der Menschen sicherlich nicht mit der Entdeckung von Penicillin, Radioaktivität und Schwerkraft aufgehört hat. Kann es wirklich sein, dass dann noch niemand ein Heilmittel gegen Krebs, selbsterhaltende Kernfusion als Energiequelle oder Antigravitationsspiegel erfunden hat?
  • Und wir wissen, dass einige bahnbrechende Erfindungen wie Laser-Zahnbürsten oder Laser-Haarentfernungen (lange Zeit) von großen Playern wie Zahnpasta- oder Rasierklingen-Herstellern unter Verschluss gehalten wurden.

Ist es dann so unwahrscheinlich, dass in den USA eine Behörde gegründet wurde, um Technologie-Verbreitung zu kontrollieren (BTC: Bureau of Technology Control), die sich aber – aufgrund ihres enormen Technologie-Vorsprungs – selbstständig gemacht hat und jetzt von niemandem mehr kontrolliert werden kann?

 

Fazit

Wer den Zaunpfahl jetzt noch nicht gesehen hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen :D
Auch, wer nicht auf Nahzukunfts-Science Fiction anspringt, der könnte sich vielleicht damit locken lassen, dass meiner Meinung nach Daniel Suarez die High-Tech Antwort auf Verschwörungs-Thriller wie von Dan Brown, Andreas Eschbach, Michael Crichton und Umberto Eco ist.

Lies dieses Buch. Lies es! (Oder lass Uve Teschner lesen, denn der macht seine Sache einfach so verdammt gut.) Und wenn es dir gefallen hat, schieb gleich Daemon und Darknet hinterher!

Unnötig zu sagen: 5 Sterne für ein mutiges, intelligentes und wirklich beängstigend-beeindruckendes Nahzukunfts-High-Tech-Szenario.

 

* * * * *

 

Das Buch

Der Thriller Control von Daniel Suarez erschien 2014 bei Rohwolt Verlag.

Taschenbuch Ausgabe (496 Seiten)
ISBN-10: 3499268639
ISBN-13:
978-3499268632

Das Hörbuch (ungekürzt 13 Std. 50 Min.), gelesen von Uve Teschner, erschien 2014 im Argon Hörbuchverlag exklusiv bei Audible.