Keine Story ohne Plot. Aber kein Erfolg ohne Story. Martin Scorsese erklärt den Unterschied zwischen Story und Plot – und auf einmal ergibt alles Sinn!

To hell with facts! We need stories!

Ken Kesey

 

Keine Story ohne Plot – kein Erfolg ohne Story

Was ist Plot? Was ist Story? Und was ist der Unterschied?
Im Deutschen vielleicht am Besten zu übersetzen mit „Handlung“ und „Geschichte“, kann man sich schon ein bisschen mehr darunter vorstellen.

Martin Scorsese beschreibt „Story“ als ein Gefühl, als eine unsichtbare Beziehung zu den Figuren, die über die Szene und den Film hinausgeht.
Allein die „Story“, Geschichte, sei es, die ihn dazu bringe, einen Film mehrfach zu sehen, während er Filme mit langweiliger Geschichte nicht noch einmal ansehen würde, nachdem er den „Plot“ (Handlung) kennt.

Das klingt immer noch wahnsinnig verwirrend und schwammig. Darum erklärt der Artikel von No Film School (übrigens lohnt es sich, sie in den Newsfeed aufzunehmen oder bei Facebook zu liken!) den Unterschied auch über Scorseses Statement hinaus.

Ich halte die kürzeste genannte Erklärung für die Beste:

Plot is what happens. Story is, how it happens and why.
(Handlung ist, was passiert. Geschichte ist, wie es passiert und warum.)

Und wenn man darüber nachdenkt, dann erkennt man darin den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen erfolgreichen Büchern und Filmen, und weniger erfolgreichen. Zwischen Menschen, an deren Lippen man buchstäblich klebt, während sie erzählen, und zwischen solchen, bei deren Erzählungen man die Augen verdreht oder einschläft.

 

„Story“ ist lebendiger „Plot“

Irgendwo in diesem Blog (hier) zitiere ich mich in wahnwitziger Selbstdarstellung selbst mit den Worten:

Eine Geschichte ohne Handlung ist keine Geschichte.
Aber selbst eine Handlung ist ohne Charaktere nichts wert.

Wenn ich jetzt Scorsese höre und obigen Artikel lese, könnte ich mir fast selbst auf die Schulter klopfen vor Stolz darüber, wie nahe das auch seinem Verständnis von Plot und Story kommt.

Wenn wir wollen, dass unsere Geschichten gelesen und geliebt werden, müssen wir unseren Handlungen (Plot) Leben einhauchen. Und das geht, meiner Meinung nach, am besten über Charaktere. Und ein wahrlich guter Storyteller kann jede beliebige Handlung so gut, so ergreifend, so atemberaubend erzählen, dass wir ihm gerne zuhören. Egal, ob wir die Handlung schon kennen oder nicht.

DAS ist der Grund dafür, dass wir in den Film Titanic gehen, obwohl wir aus geschichtlicher Überlieferung wissen, dass das Schiff am Ende sinken wird. Das ist der Grund dafür, dass wir beim jährlichen Harry Potter Marathon jedes Mal aufs Neue heulen, wenn Dumbledore stirbt. Und das ist auch der Grund dafür, dass es viele verschiedene Versionen oder Remakes derselben Geschichte gibt, sei es Romeo und Julia, Spider Man, Planet der Affen oder diverse geschichtliche Ereignisse.

Weil uns der Plot nicht so wichtig ist wie die Story drum herum, wie die lebendigen Figuren und die Atmosphäre, die den Film und seinen Plot überdauern und uns in ihren Bann ziehen.

 

Der Plot ist das Gerüst, um das sich die Story schlingt, wie eine Weinrebe um das Pflanzgitter. Und das ist eigentlich ein guter Vergleich, denn nur wer der Pflanze (der Story bzw. den Figuren) auch die Zeit und Freiheit lässt, natürlich gewachsen an dem Plot emporzuranken, der wird eine dichte, sinnvolle und erfolgreiche Geschichte erzählen.

 

Fallbeispiel: Titanic

Ja, ich komme schon wieder zu einem meiner Lieblingsfilme zurück. Aber jetzt weiß ich auch, warum ich ihn so gerne mag!

Der Plot ist einfach erzählt und mehrfach sowohl in Geschichtsbüchern als auch Romanen verewigt [in Klammern die ergänzenden Plotpoints des Films]:

  • Am 10. April (11.) 1912 läuft die RMS Titanic, das bis dahin größte Passagierschiff der Welt, zu ihrer Jungfernfahrt von Southampton (Queenstown) nach New York aus.
  • An Bord waren über 2.200 Menschen, darunter ca. 300 der ersten Klasse [hier unter anderem Rose Dewitt Bukater mit ihrer Mutter und ihrem Verlobten] und ca. 700 der dritten Klasse [unter anderem Jack Dawson, der die Karten kurz vorher im Pokerspiel gewonnen hatte].
  • [Rose will sich eines Nachts vom Schiff stürzen und Jack rettet sie, woraufhin ihr Verlobter Jack als Dank zum Dinner einlädt. Jack und Rose verlieben sich.]
  • Am 14. April 1912 (ja, eine der größten Liebesgeschichten unserer Zeit erstreckt sich über nicht einmal 3 Tage!) um 23:40 Uhr rammt die Titanic einen Eisberg und sinkt um 2:20 Uhr vollständig [Jack ertrinkt / erfriert].
  • 710 Menschen werden gerettet [darunter Rose Dewitt Bukater].

 

Soweit zum Plot. Und wenn wir uns erinnern, erzählt der nerdige (somewhat Peter Jackson look-alike, dessen Namen ich leider nicht kenne) Roboter-Steuerer aus der Schatzjäger-Crew zu Beginn des Films ziemlich genau diese Punkte. Plot erzählt, Film zu Ende.

Aber wer den Film gesehen hat, der schüttelt jetzt in einer Mischung aus Erstaunen, Verzückung und Erleuchtung den Kopf über die Erkenntnis, dass zwischen diesen fünf Punkten und dem Oscar-gekrönten Filmmeisterwerk Welten liegen – nämlich die Welten der Story.

 

Vorbild: J.K. Rowling

Und ebenfalls komme ich erneut zu Joanne K. Rowling zurück, der Schöpferin der meistverkauften Buchreihe des Jahrtausends, Harry Potter, deren Folgeroman Ein plötzlicher Todesfall eher belächelt wurde, und die unter dem Pseudonym Robert Galbraith erst kürzlich ihren ersten auch eher kritikbehafteten Krimi Der Ruf des Kuckucks veröffentlicht hat (den ich übrigens gerade lese und bald als Buch des Monats rezensieren werde).

Ich finde, ganz besonders unter oben erlangter Erkenntnis, dass J.K. Rowling eine der beachtlichsten Geschichtenerzählerinnen unserer Zeit ist. Nicht, weil sie die besten Geschichten erzählt. Sondern, weil ihre Erzählweise so lebendig, so plastisch, so natürlich ist. Weil ihre Figuren immer leben. Und, weil sie den zugegeben sehr schmalen Grat zwischen authentischer, lebendiger Beschreibung und ausschweifend-sinnloser Detailliertheit perfekt beherrscht.

Das hat schon bei Harry Potter Jung und Alt in seinen Bann gezogen, und das ist meiner Meinung nach auch in ihren Folgeromanen erkennbar – wenngleich einem die Geschichte (der Plot) oder das Genre nicht gefallen muss. (Hier übrigens meine Rezension von Ein plötzlicher Todesfall).

Hm, mir fällt gerade auf, dass Ein plötzlicher Todesfall eigentlich gar keinen wirklichen Plot hat. Ja, man könnte das Buch zusammenfassen mit: „Ein Ratsmitglied einer schrulligen Kleinstadt stirbt und jeder lebt sein Leben weiter.“ Es gibt keine Twists, keine Turns, und keine offenen Fragen. Und trotzdem macht es Spaß, das Buch zu lesen. DAS ist Erzählkunst.

Joanne K. Rowling könnte womöglich über einen Stein schreiben. Und es wäre trotzdem lesenswert.

 

Und die Moral von der Geschicht?

Das hier ist ein Blog über „Storytelling, Charaktere, Plot und mehr“. Also über alles, was eine gute Geschichte ausmacht. Also los, worauf wartest du noch? Erzähl Geschichten.

Und denk daran: Nicht derjenige ist ein guter Geschichtenerzähler, der die besten Geschichten kennt. Sondern der, der (mitunter bereits bekannte oder eher langweilige) Geschichten besonders schön erzählen kann.