Ich habe mich an dieser Stelle schon öfters über die deutsche Filmwirtschaft ausgelassen. Katja Riemann hat jetzt in ihrem Interview bei „DAS!“ mit Hinnerk Baumgarten den Vogel abgeschossen. Endlich wissen wir, warum der Oscar für den besten fremdsprachigen Film in 80 Jahren nur dreimal an Deutschland ging, warum kein ausländischer Produzent bei Verstand deutsche Schauspieler anheuert und warum die jüngste Generation deutscher Schauspielabsolventen so  frustiert ist. Der Grund ist Katja Riemann. Und Filmschaffende wie sie.
Ein Kommentar eines frustrierten Filmfans.

Es geht bei der Schauspielerei nicht darum, was man selbst fühlt.

Katja Riemann

 

 

Einmal zwei ganze Sätze, bitte!

YouTube Ausschnitt aus dem DAS! Interview mit Katja Riemann und Hinnerk Baumgarten. (c)2013 ARD. (dramaturgia)

YouTube Ausschnitt aus dem DAS! Interview mit Katja Riemann und Hinnerk Baumgarten. (c)2013 ARD. (dramaturgia)

Katja Riemann beginnt ihr Interview mit Hinnerk Baumgarten schon mit einer demonstrativen „Fuck You“-Einstellung und verbal kurz angebunden. „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Jede Pore der Schauspielerin strotzt nur so vor Überheblichkeit, ihr Blick will den Moderator am liebsten zerquetschen wie ein widerliches Insekt, während der (zugegebenermaßen recht ungelenk) versucht seine Einleitung von ihr mit dunklen Haaren wieder zu revidieren (Anmerkung: Er hatte sie anmoderiert mit den Worten: „Wir kennen sie mit blonder Lockenpracht, heute sehen wir sie auch mit anderer Haarfarbe“ (weil sie in ihrem neuen Film brünett ist).

Auch zugegeben, seine Frage „Wie haben Sie das gemacht? Haben Sie gefärbt oder so?“ ist nicht die Eleganteste. Und ihre Antwort: „Das ist eine Perücke“, ist auch vollkommen in Ordnung. Ihr Ton und ihr Blick und ihre Körpersprache dabei sind allerdings völlig daneben. Dabei müsste doch gerade sie als Schauspielerin wissen, wie man den eigenen Körper in die richtige Haltung  bringt. Wie sich herausstellt, weiß sie das nicht, aber dazu später mehr.

Nach einem kurzen Ego-Exkurs zu tollen Ideen in der Maske soll Frau Riemann ihre Rolle beschreiben: „Wer ist die Inga, die Sie spielen. In kurzen Sätzen.“
Daraufhin schaut Frau R. wie ein Schaf und sagt: „Die Frage versteh ich nicht.“ (Ich bin erst seit gestern Schauspielerin und auch gar nicht hier, um meinen neuen Film zu promoten, was unweigerlich zu solchen Fragen führen würde, also lass mich bitte weiter von meinen tollen Ideen hinter der Maske erzählen!) 

 

Andere Beispiele für Frau Riemanns Unhöflichkeit und mediale Inkompetenz:

Baumgarten: „(Sie kommen ja vom Land.) Können Sie sich vorstellen, irgendwann mal wieder aufs Land zu ziehen?“
Riemann: „Auf welches?“

 

Baumgarten: „Sie schreiben ja auch Ihre Songtexte selbst …“
Riemann (lacht): „Nee, […] da sind Sie jetzt ein bisschen zu spät, das sind ja 10 Jahre alte Sachen. Lassen Sie uns doch lieber über heute reden.“
Baumgarten: „Okay. Dann erzählen Sie, erzählen Sie über heute.“
Riemann: „Hm?“

 

Baumgarten: „Könnten Sie in so einer Abhängigkeit leben?“ (wie Ihre Rolle in dem Film)
Riemann: „Haben Sie diese Frage jetzt ganz im Ernst gestellt?“
Baumgarten: „Ich möchte nur wissen …“
Riemann: „Sie möchten sich nur mit mir unterhalten, hab ich das Gefühl.“

 

O RLY, Frau! Aus dem Grund sitzt du doch auf dem dämlichen Sofa!
Im halbstündigen Gesprächsverlauf fällt es wirklich schwer, nicht den Respekt vor Katja Riemann zu verlieren.

Den Rest des Interviews, das einige Redaktionen als „Autounfall in Zeitlupe“ bezeichnen, will ich euch ersparen. Wer möchte, kann sich das ganze (Un)Ding aber hier in voller Länge oder hier in Ausschnitten anschauen.

 

Das Geschwür der deutschen Filmwirtschaft

Deutsche Filme sind unterdurchschnittlich – außer, es handelt sich um Krimis, denn Deutsche können gute, wenn nicht die Besten Krimis machen. Alles andere hat zu wenig Unterhaltungswert, zu viel Depressionspotenzial und langweilige Figuren – ein befreundeter Journalist spricht bedauernd vom „Deutschen Betroffenheitskino“, und trifft damit völlig ins Schwarze.

Der durchschnittliche deutsche Film will nicht unterhalten, sondern belehren.
Er will nicht eine interessante (semi-)fiktive Realität oder Wirklichkeit skizzieren, sondern den grauen Alltagstrott (in vielen Filmen sogar wortwörtlich, denn Set Design in deutschen Filmen ist eher Wunschvorstellung, also nimmt man mit der kalkweißen Wand Vorlieb, und das deutsche Wetter tut sein Übriges).
Er will nicht interessante, fiktive Charaktere begleiten, sondern in den meisten Fällen die persönliche Vergangenheit von Drehbuchautor und/oder Regisseur aufarbeiten.

Und endlich wissen wir, warum in der deutschen Filmwirtschaft der Wurm drin ist: Weil sich alle deutschen Schauspieler für etwas Besseres halten. Wenn Katja Riemann ein typischer Vertreter der deutschen Schauspieler ist (und anhand ähnlicher Berichte über andere Schauspieler ihrer Klasse scheint das so zu sein), dann herrscht an deutschen Filmsets wohl Grabeskälte und Frust-Stimmung.
Ich könnte nicht mit einer Frau R. zusammen arbeiten, weder vor noch hinter der Kamera.

 

Und ich kann mir fast schon lebhaft vorstellen, wie der „zehnstufige Geschwür-Zyklus der deutschen Filmwirtschaft (C)“ aussieht ;) :

1. Schauspieler wie K.R. sind fest in der deutschen Filmwirtschaft verankert. Schauspieler wie K.R. halten sich für die Tollsten.

2. Neue Regisseure kommen aus der Ausbildung in die Filmwirtschaft. Sie nehmen sich vor, alles zu verbessern, wollen tolle Geschichten erzählen und haben viel Elan.

3. Damit der Film erfolgreich wird (zumindest für deutsche Verhältnisse), muss der junge Regisseur Schauspieler wie K.R. einbinden.

4. Schauspieler wie K.R. verhalten sich am Set genauso wie in diesem Interview und versauen damit allen die Laune.

5. Um daran nicht zu zerbrechen, fahren junge Regisseure selbst die Ellenbogen aus. Durch Schauspieler wie K.R. haben sie jeglichen Respekt vor allen Schauspielern verloren und behandeln sie entsprechend.

6. Neue Schauspieler kommen aus der Ausbildung in die Filmwirtschaft. Sie sind jung, talentiert, nehmen sich vor alles zu verbessern, wollen tolle Figuren darstellen und haben viel Elan.

7. Damit sie groß rauskommen (zumindest für deutsche Verhältnisse), halten sie sich an große Regisseure, die schon Erfolge hatten, also mit Schauspielern wie K.R. zusammengearbeitet haben.

8. Diese Regisseure haben bereits Punkt 5 hinter sich und behandeln die jungen Schauspieler respektlos.

9. Um daran nicht zu zerbrechen, fahren junge Schauspieler selbst die Ellenbogen aus. Sie verhalten sich so wie sie behandelt werden und werden dadurch zu K.R.s.

10.  Das Geschwür hat eine ganze Generation deutscher Filmschaffender infiziert.

 

Übrigens geht es im „Deutschen Betroffenheitskino“ in keinster Weise um Charaktere und ihre Höhen und Tiefen, ihre Abgründe und Facetten, sondern ausschließlich um den Plot, um die Geschichte – Figur, was ist das? Ich denke, ich werde bezahlt um meine Visage in die Kamera zu halten, ich bin schließlich K.R.! Wen interessiert die Figur, die ich verkörpere?

Dieser Umstand bringt sogar eine Schauspielerin (man erinnert sich: Diese Leute werden angestellt, um Charaktere darzustellen, nicht Plots) dazu, auf die Frage nach ihrer Rolle („Wer ist diese Inga, die Sie da verkörpern?“) zu antworten:

„Interessant, wie Sie das erzählen. Ich hätte das ganz anders aufgezogen: Terrorist zweite Generation RAF kommt nach 18 Jahren aus dem Gefängnis, erstes Wochenende Friends and Family wird erzählt. […] Und man thematisiert die Vor- und Nachteile des bewaffneten Kampfes. Und die Frage ist, ist das ein Film über die RAF oder ist das eine Liebesgeschichte?“

Mal ehrlich, wer ist denn nach so einer Antwort und o.g. Erkenntnissen noch der Meinung, die deutsche Filmwirtschaft sei gesund?
Aber wenigstens findet sie es „eigentlich ganz interessant“, was für eine Frau sie da spielt – na, die Frau hat echt Spaß an ihrem Job!

Übrigens ist es Fakt, dass die einzigen deutschen Filme, die tatsächlich unterhalten, schillernde Charaktere zeichnen und einfach Spaß machen – nämlich die von Til Schweiger und Michael „Bully“ Herbig – von der deutschen Filmwirtschaft ausgegrenzt werden.

 

„Schauspielerei hat nichts damit zu tun was ich persönlich tun würde“

Den Vogel schießt Frau R. ab, als sie nach einer Frage zu einer Rolle („Könnten Sie eigentlich in so einer Abhängigkeit leben?“) einen Exkurs macht, was denn eigentlich Schauspielerei ist und was nicht – zumindest in Deutschland.

Baumgarten skizziert das Berufsbild des Schauspielers eigentlich recht treffend: „Als Schauspieler macht man sich ja Gedanken, man setzt sich ja mit der Rolle auseinander, man fragt sich ja wahrscheinlich, welche Auswirkungen hätte das auf mein Leben?“

Antwort von Frau Riemann, mit eisiger, oberlehrerhafter Miene: „Nee, ehrlich gesagt nicht.“
Und dann, das („unvorteilhaft hell erleuchtete“) Gesicht zu einer verständnislosen Grimasse verziehend:

„Darum geht’s ja gar nicht. Es ist überhaupt nicht von Interesse, wenn du eine Rolle spielst, was du selber persönlich tun würdest. Ob du das denkst oder in China fällt ein Sack Reis um – es geht darum, wie du die Rolle spielst. Das ist wichtig, und nicht immer irgendwie diese Privatismen, dieses persönliche In-Sich-Rumrühren, darum geht es überhaupt nicht.“

 

DA LIEGT DOCH DER HUND BEGRABEN!

Wenn alle deutschen Schauspieler so denken, ist es doch kein Wunder, dass kein Mensch mit ihnen arbeiten will, dass alle deutschen Filme scheiße sind (Achtung, Verallgemeinerung! Davon kommen jetzt ein paar ^^), und dass die Leute im Sneak Preview-Kino aufstöhnen, wenn ein deutscher Filmtitel eingeblendet wird.

Und von Type Cast (das gezielte Aussuchen eines Darstellers für eine Rolle anhand seiner Charakterzüge; in den USA fast nur angewendet) hat die Frau auch noch nie was gehört. Aber wozu auch, braucht man in Deutschland ja nicht!

In Deutschland werden Schauspieler offenbar dafür bezahlt, dass sie ihre namhafte Visage in die Kamera halten. Was dabei rauskommt, schaut sich sowieso niemand im Kino an.

Das ist der Grund dafür, dass man in Deutschland immer wieder dieselben, ausdruckslosen Nasen vor der Kamera hat (warum sie ausdruckslos sind, wissen wir jetzt auch: „Es ist nämlich egal, was sie selbst dabei fühlen, darum geht es beim Schauspielen nicht“.)
Und das wiederum ist der Grund dafür, dass diese ausdruckslosen Nasen sich einbilden, ihre Nase sei die schönste und beste auf der ganzen Welt und das ganze Set müsste ihnen zu Füßen liegen. (Wie man im Interview auch wunderbar zu sehen bekommt, als Frau R. Herrn Baumgarten völlig deplatziert ins Wort fällt und sich über die unvorteilhaft helle Ausleuchtung beschwert.)

Und das wiederum ist der Grund für das sich immer weiter ausbreitende Geschwür in der Deutschen Filmwirtschaft. Traurig.

 

Fazit

Meine liebe Frau Riemann, Schauspieler sind austauschbar – ganz besonders, wenn es für sie nicht darum geht „was sie persönlich tun würden, wenn sie die Rolle spielen“.

Wenn du das so siehst, dann geh ins Theater, aber verschone Kinozuschauer, Regisseure und Schauspielkollegen.
Wenn wir in den USA wären, hätte dich dein Agent nach diesem Auftritt wohl gefeuert.
Wenn wir in Hollywood wären, würdest du nach diesem Auftritt sehr, sehr lange keine Rolle mehr bekommen – einfach, weil du anderen Personen in deiner Branche keinen Respekt entgegen bringst.

Aber leider sind wir in Deutschland, dem  Land der Filmgeschwüre.