Mit diesem Artikel möchte ich gleichzeitig eine neue Rubrik eröffnen: Gegen Ende jedes Monats stelle ich ein Buch vor, das ich kürzlich gelesen habe. Entweder mit ausdrücklicher Kaufempfehlung oder dringender Warnung. Diesmal beide Daumen hoch für Sabine Eberts Hebammen-Reihe.

Die Frauenseele ist ein offenes Buch, geschrieben in einer unverständlichen Sprache

Ephraim Kishon

 

Klappentext

Sabine Ebert: Das Geheimnis der Hebamme (Taschebuch). (c)2006 Droemer Knaur Verlag.

Sabine Ebert: Das Geheimnis der Hebamme (Taschenbuch). (c)2006 Droemer Knaur Verlag.

Das Deutsche Reich unter Kaiser Barbarossa: Weil sein Sohn tot geboren wurde, will Burgherr Wulfhart der jungen Hebamme Marthe Hände und Füße abschlagen lassen. Nur mit knapper Not gelingt ihr die Flucht aus ihrem Dorf. Um zu überleben, schließt sich das Mädchen einer Gruppe Siedler an, die ostwärts in das heutige Sachsen ziehen, um sich in dem noch unerschlossenen Gebiet ein neues, freies Leben aufzubauen.
Angeführt werden sie von dem edlen Ritter Christian, der sofort von Marthe fasziniert ist. Doch ihre Schönheit und ihre besondere heilende Gabe haben auch die Aufmerksamkeit von Randolf erregt, Christian erbittertstem Feind. Da wird in Christians Dorf Silber gefunden …

 

Das Geheimnis der Hebamme

Alle Findigen wissen es schon: Hier handelt es sich um einen historischen Roman. Die sind super, weil sie (unter Vorbehalt) nicht bloß unterhalten, sondern auch ein wenig Nachhilfe in Geschichtsunterricht geben. So etwa dieses Buch, das nicht bloß geschichtlich nachgewiesene Charaktere aufnimmt (wie Kaiser Friedrich von Staufen, genannt Barbarossa; Heinrich “Der Löwe”, Herzog von Sachsen; und, und, und), sondern auch am Ende für besonders interessierte Leser eine Zeittafel parat hält, ähnlich wie Geschichtsbücher, aber einprägsamer, weil man im Verlauf der Geschichte ja tatsächlich hautnah oder zumindest passiv dabei war.

Protagonistin ist die junge Marte, die bei einer erfahrenen Hebamme nicht nur alles über eine glückliche Entbindung lernt, sondern auch viel Kräuterwissen und allgemeine Heilkunde. Ihr im Titel beschriebenes Geheimnis ist, dass sie hellsichtig ist (die Zukunft sehen kann), diese Gabe jedoch nicht kontrollieren kann.

Der Roman ist der Auftakt zu einer mittlerweile fünfteiligen, abgeschlossenen Reihe um Marthe und spielt im Sachsen des 12. Jahrhunderts. In dieser Zeit begannen in Deutschland die ersten Siedlerzüge, um das heutige Ostdeutschland zu erschließen.

Und, weil die Bücher für mich nach wie vor zu den Besten des Genres gehören und ich sehr oft beim Lesen vergleichbarer Bücher denke, wie viel besser dies oder jenes hier gelöst war, hier meine erste Empfehlung für das Buch des Monats.

 

Das kleine Volk zur Zeit Barbarossas

Schön an Historischen Romanen (speziell Mittelalter-Romanen) ist, dass sie aufgrund ihrer medievalen Schauplätze den altbekannten High Fantasy Romanen sehr nahe sind, aber unsere frühere Welt sehr viel roher, schmuckloser und auch gewalttätiger darstellen als der klassische High Fantasy Roman (, der im Vergleich romantisiertes Disney-Märchen ist).

Schön an diesem Roman ist auch, dass er nicht den Adel porträtiert, sondern vor allem das kleine Volk. Marthe ist ein ganz normales Mädchen, dem nichts in den Schoß gelegt wird, und auch die anderen im Siedlerzug sind einfache Menschen, Bauern, Schmiede und Bäcker, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Osten ziehen.
Gleichzeitig erzählt das Buch auch immer wieder aus der Sicht des Markgrafenpaars (hier: Otto und Hedwig), sodass hier die Intrigen der hohen Politik angerissen werden können, die Marthe und ihre Freunde zwar nicht direkt betreffen, aber dennoch Auswirkungen auf ihr Leben haben.

Kurzum, das Setting ist einfach authentisch, ehrlich und atmosphärisch dicht, so dicht, dass man beinahe das Gefühl hat, das Nadelholz zu riechen, wenn die Waldfläche für das neue Dorf gerodet wird.

 

Das Mädchen und der Ritter

Nahezu jede Geschichte lässt sich mit drei einfachen Worten beschreiben: Boy meets Girl.
Menschen fühlen sich nun einmal von Menschen und menschlichen Emotionen angezogen, also darf eine Liebesgeschichte in einer guten Story nicht fehlen. Hier entwickelt sie sich zwischen Marthe und dem Ritter Christian, unter dessen Aufsicht das Dorf entsteht.
Natürlich braucht eine gute Geschichte auch eine ernsthafte Bedrohung von außen (ein Krieg, ein Antagonist, eine tödliche Krankheit).
Hier ergeben sich – und lassen das Dramaturgie-Herz höher schlagen – nahezu alle Bedrohungen durch die unterschiedlichen Motivationen der einzelnen Charaktere.
Wir haben es also mit klassischen Antagonisten (ja, mehreren) zu tun, die auch dadurch bestechen, dass sie nicht von Grund auf böse sind, sondern ihre Motive und Handlungen bloß denen unserer Protagonisten entgegen stehen.

 

Kritik

Im Vorfeld dieses Artikels habe ich mich unter den Amazon-Rezensionen umgeschaut und war wirklich erstaunt, wie viele 1- und 2-Sterne Kritiken darunter waren.
Hauptkritik war die (starke) Persönlichkeit von Marthe; dass sie sich auch durch schlechteste Behandlung, brutale Misshandlung und schlimmste Lebensumstände nicht unterkriegen lässt, immer wieder aufsteht und ihren Mut nicht verliert. Außerdem fanden es sehr viele Leser ermüdend und klischeehaft, dass unsere junge Hebamme als überaus schön, überaus klug und sowieso überaus perfekt porträtiert wird, so sehr, dass sich jeder Mann augenblicklich in sie verliebt oder von ihr fasziniert ist.

In gewissem Grad kann (muss) ich hier (leider) zustimmen. Marthe ist in der Tat eine überaus starke Frau, die vieles sicherlich nicht so stark mitnimmt wie die moderne Durchschnittsfrau.
Trotzdem möchte ich ausdrücklich auf zwei Dinge hinweisen.

Erstens (aus dramaturgischer Sicht):
Der Erzähler ist stets sehr nah an Marthe. Dabei sind wir stets so nah an ihren Gefühlen und Gedanken, dass ich wirklich niemals gedacht habe “Gott, wie unrealistisch!”
Marthe ist kein unzerstörbarer Fels in der Brandung, der ungeachtet der Geschehnisse durch die Geschichte pflügt. Sie entwickelt sich mit der Handlung und alle ihre Taten sind logische Konsequenzen aus den Geschehnissen.

Zweitens (aus unterhaltsamer Sicht):
Natürlich steht Marthe jedes Mal wieder auf. Aber aus diesem Grund handelt das Buch ja von ihr.
Wir wollen doch Geschichten lesen, die es Wert sind gelesen zu werden. Wir wollen unsere wertvolle Freizeit mit Persönlichkeiten verbringen, die interessant und außergewöhnlich sind.
Überlegt euch einmal, ihr wäret Schriftsteller und wolltet eine Geschichte über eine Person aus eurem Umkreis schreiben. Würdet ihr euch die langweilige Sekretärin aussuchen, die jeden Tag “9 to 5” in immerwährendem Trott herunterleiert, oder lieber den Weltenbummler, der schon alles gesehen hat, dreimal verheiratet war und gerade so die Malaria besiegt hat?
Was will ich in einem 600 Seiten dicken Buch mit einer Heulsuse, die alle paar Seiten zusammenbricht und nicht mehr weiß, wohin mit sich? Ich wüsste dann genau, wohin, nämlich ins hinterste Regal des Bücherschranks – für immer!

Also, klare Kaufempfehlung für “Das Geheimnis der Hebamme” (und Folgebände) von Sabine Ebert. Übrigens lohnt sich auch die Webseite der Autorin.

 

Das Buch

Alle Bücher erschienen im Knaur-Verlag, die Taschenbuch-Ausgabe hat 672 Seiten und kostet um 8,90 €.
ISBN-Nummer: 3-426-63412-0 bzw. 978-3-426-63412-7 (überarbeitete Cover-Ausgabe).

Hier die chronologische Auflistung der Reihe:
Bd. 1: Das Geheimnis der Hebamme
Bd. 2: Die Spur der Hebamme
Bd. 3: Die Entscheidung der Hebamme
Bd. 4: Der Fluch der Hebamme
Bd. 5: Der Traum der Hebamme