Letztens im Kino den Trailer zu City of Bones gesehen. Ein Weltbestseller der Urban Fantasy, der an mir vorbei gegangen ist? Musste ich sofort nachholen. Fazit: Entweder ist das Buch bestenfalls durchschnittlich – oder ich bin einfach zu alt.

Die Jugend soll ihre eigenen Wege gehen, aber ein paar Wegweiser können nicht schaden.

Pearl S. Buck

 

Worum geht’s?

Cassandra Clare: City of Bones. (Chroniken der Unterwelt 01). (c)2008 Arena Verlag (dramaturgia)

Cassandra Clare: City of Bones. (Chroniken der Unterwelt 01). (c)2008 Arena Verlag (dramaturgia)

Worum geht’s in allen Büchern? Boy meets Girl.
Worum geht’s in allen Büchern, seit Stephenie Meyer zu schreiben anfing? Umwerfend perfekter Boy trifft tollpatschiges Durchschnitts-Girl.

Wie könnte da der Klappentext eines perfekten Mainstream Urban Fantasy Jugendbuchs anders lauten als:

„Gut aussehend, düster und sexy. Das ist Jace. Verwirrt, verletzlich und vollkommen ahnungslos. So fühlt sich Clary, als sie in Jace‚ Welt hineingezogen wird. Was Clary nicht ahnt: Jace ist ein Dämonenjäger. Und als Clary mitten in New York City von den Kreaturen der Unterwelt angegriffen wird, muss sie schleunigst ein paar Antworten auf ihre Fragen finden. Denn sonst wird die Geschichte ein tödliches Ende nehmen!“

 

Tjaaah… Wir fangen dann mal an. Clary (Clarissa) ist tatsächlich eine rothaarige, ein bisschen selbstständigere und sympathischere Version von Bella (Isabella – anscheinend ist es zurzeit cool, „große“ Namen abzukürzen).

Jace ist eine Mischung aus allen Cullens gemischt mit James – will heißen: Makellos und geheimnisvoll; gibt sich selbstverliebt und ergötzt sich geradezu an seiner eigenen Perfektion; und – oh wait, wir brauchen eine Charakterschwäche, schreiben wir ihm schnell eine furchbare Kindheit auf den Leib –  total Edward-like sentimental und (hinter der Macho-Fassade) verletzlich.

Um das Liebes-Dreieck perfekt zu machen, hat Clary noch ihren nerdigen besten Freund seit Kindertagen, Simon, der sie von Seite 1 an geradezu penetrant anhimmelt (was sie aber natürlich nicht bemerkt).

 

Weil Urban Fantasy im Moment ziemlich „in“ ist und sich versteckte Parallelwelten besonders gut machen, strickt Cassandra Clare eine – an sich recht gelungene – Unterwelt in unsere Realität hinein, indem sie verschiedene Mythen, Fantasy-Elemente und Aberglauben miteinander verflechtet.

In dieser so erschaffenen Welt gibt es Dämonen (böse) und Engel (gut), und dazwischen die Menschen. Wenn ich alles richtig verstanden habe, schlagen die Dämonen manchmal ein bisschen über die Stränge, woraufhin sich Engel und Menschen gepaart haben und somit die Dämonenjäger (Nephilim – Hallo, Blizzard!) erschafft haben, um die dunkle Brut in ihre Schranken zu weisen. Weil Dämonen sich daraufhin auch gepaart haben (vgl. Vampire, Werwölfe, Meerjungfrauen, etc.), wurde irgendwann ein Pakt geschlossen, dass sich beide Seiten nur noch unter bestimmten Voraussetzungen bekämpfen dürfen.

Ein mächtig fieser Typ, der, wenn er erwachsen ist, wohl mal so werden will wie Voldemort, ist aber grundsätzlich gegen Halbblut und Dämonen und will am liebsten die Welt säubern (was wohl die gute JK Rowling dazu sagen würde? Immerhin hat Cassandra Clare ihren Bösewicht sogar in liebevoller Anerkennung mit derselben Initiale versehen und Valentin genannt …).

Und während eigentlich keiner weiß, was unsere pubertierenden Protagonisten eigentlich machen sollen, bleibt natürlich viel Platz für jugendliche Gefühle, Schwämereien und absolut unpassende Oneliner-Dialoge, die einem Actionheld zwar gut stehen, aber keinem sechzehnjährigen Kind mit leuchtendem Schwert in der Hand.

 

Wo hört Jugendbuch auf und fängt Young Adult an?

Ich lese mich also so durch dieses Buch, was zugegebenermaßen nicht besonders lange gedauert hat, weil weder Schreibstil noch Inhalt recht anspruchsvoll waren.
Und immer wieder flaniert dieser Jace mit seiner selbstverliebten Arroganz im Gesicht und seinem leuchtenden Engelsschwert über der Schulter durch dieses Buch.
Und alle Rezensionen auf Amazon fahren dermaßen auf ihn und seine Proleten-Sprüche ab.

Da beginne ich mich zu fragen: Bin ich einfach zu alt?
Der Junge gibt sich so viel Mühe cool zu wirken und lässige Sprüche zu reißen, aber ich konnte bestenfalls mitleidig die Lippen verziehen.

Zu viel gewollt, zu wenig gekonnt.

 

Unabhängig von Sprachstil und Jace bleiben die Charaktere allesamt recht durchsichtig und platt, als dürfe man den jugendlichen Leser nicht mit zu vielen Charakterzügen verwirren.

Die Story beginnt lahm und holprig, nimmt im zweiten und vierten Fünftel enorm an Fahrt zu, dass man sich teilweise wie in einem Actionfilm oder Videospiel mit verschiedenen Zwischenbossen fühlt. Dazwischen (erstes, drittes und fünftes Fünftel) zieht sich der Plot wie Kaugummi, während die Charaktere erfolglos versuchen, Ordnung in ihr Gefühlschaos zu bringen.

Dieses Gefühlschaos beschreibt die Autorin übrigens, indem sie ihre Figuren einfach mal spontan ihre Meinungen um 180° ändern lässt.

„Ich geh mit“ – „Nein doch nicht“ – „Oder vielleicht doch“
„Ich liebe ihn, er hat mich geküsst“ – „Ich liebe glaub ich doch den anderen“ – „Oder doch vielleicht den?“
„Er ist dein Vater“ – „Nein ist er nicht“ – „Vielleicht ist er’s doch“ – „Das kann doch so nicht sein.“

Und so weiter und so fort. Es wird müßig.

Und ich – als romantisch veranlagtes Mädchen, das eine gute Liebesgeschichte liebt, egal wie kitschig sie ist, und das für ein Happy End sterben würde – warte eigentlich bloß noch darauf, dass die doch bitte einfach da weiter machen sollen, wo sie nach ihrem ersten (selbst für mich übertrieben kitschigen Mitternachts-leuchtende-Zauberbüsche-)Kuss aufgehört haben.

— Achtung: Spoiler! —

Aber selbst DAS versaut einem das Buch! Ich weiß nicht, ob es für die Autorin spricht, dass ich mich so dermaßen darüber aufrege (weil das ja doch irgendwie für emotionale Aktivierung spricht) – aber vermutlich ärgere ich mich einfach, dass ich meine Zeit für dieses Buch verschwendet habe und nicht mal ein Happy End bekomme.

50 Seiten vor Schluss, als die beiden sich sicher sind, dass sie sich lieben (wurde ja auch mal Zeit), stellen wir einfach mal fest, dass sie Geschwister sind!

Ja klasse! Und soll sie jetzt mit ihrem Loser-Freund gehen und das mühevoll inszenierte Love Interest fallen lassen? Die Antwort darauf hat Cassandra Clare wohl selbst nicht, denn die beiden schweigen ihre (jetzt ziemlich peinlich verkorksten) Gefühle zueinander einfach mal tot, nachdem das Geheimnis gelüftet ist.

Da macht es doch richtig Spaß, Leser zu sein, oder?

— Spoiler Ende — 

 

Woher kenn ich das bloß?

Abschließendes Fazit: Ein durchschnittliches Buch mit viel Potenzial, aber zu wenig handwerklichem Geschick und zu wenig Liebe zum Detail bei Figuren und Plot.

Die lobenswerten Elemente des Werks kommen alle irgendwie bekannt vor.
– So fühlt man sich zwangsweise andauernd (spätestens durch den Antagonisten, s.o.) an J.K. Rowling’s Harry Potter erinnert;
– sind die skizzierten Werwölfe und Vampire eine Mischung aus Stephenie Meyer’s Twilight und Len Wiseman’s Underworld;
– hat Jace genau dasselbe Muster wie Edward oder Alyson Noel’s Damen (Evermore) – nicht zu vergessen: Er hat natürlich goldene Augen;
– und last but not least: Erinnert einen die „Ich bin dein Vater“ und „Oh, wir sind Geschwister“-Nummer am Ende doch leider zu sehr an Star Wars: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Dass Vader Valentin nicht durch ein Atemgerät spricht, ist auch alles.

 

Alles in allem kann man Cassandra Clare eigentlich nur dafür gratulieren, dass sie altbekannte Zutaten in einen Topf geworfen und so lange gerührt hat, bis ein Bestseller daraus geworden ist.

Man muss ja nicht immer was Tolles machen um reich zu werden. Man muss nur das machen, was die Massen gerade haben wollen.

 

Wer Zeit zuviel hat und ein gutes (besseres) Urban Fantasy Jugendbuch lesen will, dem empfehle ich Kerstin Gier’s Edelsteintrilogie.