Hier erkläre ich ein wichtiges Element für gutes Storytelling in Bezug auf Charaktere und ihre Beschreibung: Die direkte bzw. indirekte Charakterisierung. Frei nach der Regel: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Was man im Inneren ist, zählt nicht, Bruce. Das, was wir tun, zeigt, wer wir sind.

(Rachel Dawes, Batman Begins)

 

Fritz ist dumm: Fritz läuft gegen einen Baum

Was genau ist direkte und indirekte Charakterisierung? Im Deutschunterricht in der Schule hat ein Mitschüler das einmal phänomenal treffend formuliert:

DIREKTE CHARAKTERISIERUNG:Fritz ist dumm.
INDIREKTE CHARAKTERISIERUNG: Fritz läuft gegen einen Baum.

Das erschließt sich, oder? Direkt charakterisiert wird eine Figur durch die Sichtweisen und Beschreibungen der anderen Figuren bzw. des Erzählers, indirekt charakterisiert er sich selbst durch seine Handlungen und sein Verhalten.

Wir finden die direkte Charakterisierung fast immer, da sie durch den Erzähler abgedeckt werden kann; Aussehen, Verhalten und Eigenschaften der Person beschreibt.
Tatsächlich solltest du jedoch, wann immer möglich, die indirekte Charakterisierung vorziehen. Verglichen mit der Direkten hat sie zwei entscheidende Vorteile:

  1. Der Leser wird nicht bevormundet. Er kann sich anhand der Taten des Charakters eine eigene Meinung bilden, die nicht von der Sicht des Erzählers beeinflusst wird.
  2. Der Charakter bekommt die Möglichkeit, sich selbst zu entfalten und dem Leser zu präsentieren. Er wird zu einer eigenen Persönlichkeit.

Natürlich brauchen wir gewisse Informationen durch die direkte Charakterisierung:

„Er war größer als sie und sein tiefbraunes Haar fiel ihm ungeordnet ins Gesicht.

Je nach Erzählperspektive darf hier auch durchaus eine Wertung enthalten sein, je näher die Perspektive an einer Person, desto mehr ist erlaubt.

 

Fallbeispiel: Ein intelligenter und lustiger Zeitgenosse

Ein Beispiel für direkte und indirekte Charakterisierung in der Gegenüberstellung:

Direkt:

Sie verbrachte in den nächsten Tagen viel Zeit mit Fritz. Es stellte sich heraus, dass er ein intelligenter und lustiger Zeitgenosse war.

Kopf des Lesers: „Okay, wenn du das sagst. Ich glaub dir mal. o.O“

 

Indirekt:

Sie verbrachte in den nächsten Tagen viel Zeit mit Fritz. Jeden Morgen, wenn sie am Frühstückstisch saßen, las er die Wirtschaftsnachrichten in der Zeitung und erklärte ihr die Zusammenhänge, wenn sie sie nicht verstand. Dabei brachte er sie oft zum Lachen.

Kopf des Lesers: „Alles klar, er liest Zeitung und erklärt ihr. Er ist wohl klug. Er bringt sie zum Lachen, also ist er lustig. Cooler Typ.“

Die zweite Variante ist zwar länger, vermittelt die Informationen aber gefühlt näher und dadurch authentischer. Der Leser fühlt sich involviert und kann (muss) eigene Schlüsse zu Fritz‘ Charakter und der möglichen Bedeutung für die Beziehung der beiden Figuren ziehen.

Aber es gibt noch eine Steigerung:

 

Extra indirekt:

Sie verbrachte in den nächsten Tagen viel Zeit mit Fritz. Jeden Morgen, wenn sie am Frühstückstisch saßen, las er die Wirtschaftsnachrichten, so auch heute.
  „Oh, Mann. Die Politiker haben schon wieder ein Handelsembargo gegen Buxtehude verhängt.“
  „Was ist ein Handelsembargo?“, wollte sie wissen.
  Er lächelte. „Das ist, wenn ein Typ zum anderen sagt: ‚Ey, Typ! Ab sofort kein Dönerfleisch mehr von mir, ist das klar?‘“

Kopf des Lesers: „Ha ha ha :D Lustiger Typ. Und Ahnung hat er auch! Ich mag ihn.“

 

Ich hoffe, was ich sagen will, wird klar. Natürlich muss man sich manchmal mit der direkten Charakterisierung zufrieden geben, speziell, wenn es sich um die erstmalige Einführung eines Charakters handelt, oder wenn er für die Geschichte relativ unbedeutend ist.

Je wichtiger der Charakter jedoch, und vor allem, je authentischer und dadurch sympathischer er für den Leser wirken soll, desto tiefer sollte man in die indirekte Charakterisierung gehen, auch wenn sie manchmal schwieriger ist, weil sie mehr Kreativität erfordert.

 

I’m sexy and I know it (ugly and you show it!)

Halten wir fest: Indirekte Charakterisierung ist der Knaller, direkte Charakterisierung ist aber auch ziemlich wichtig und nicht zu vernachlässigen.

Sobald wir aber in die reflexive Charakterisierung (die Beschreibung des Charakters, aus dessen Sicht wir die Geschichte erleben, meist anzutreffen bei Ich-Erzählern oder inneren Monologen) gehen, desto indirekter muss unsere Charakterisierung werden. Sonst erleben wir so etwas:

Im Bruchteil einer Sekunde zählte ich die Angreifer. Drei. Kein leichtes Spiel. Als der erste Schlag kam, duckte ich mich leichtfüßig darunter hinweg und rammte ihm geschickt meinen Dolch in die Seite. Noch in der Bewegung blockte ich den zweiten Schlag ab, rollte mich blitzschnell ab und kam wieder auf die Füße, um zwei der Männer gleichzeitig von mir zu stoßen und den einen mühelos mit der Klinge zu durchbohren. Den letzten Verbliebenen grinste ich finster an, bevor ich ein Rad schlug und ihm in einer geschmeidigen Bewegung sein eigenes Schwert in den Leib rammte.

Kopf des Lesers: „WTF?“

 

Man kann diesen Charakter gut finden, muss man aber nicht. Ich persönlich finde solche Protagonisten furchtbar. Manch einer wird sich jetzt fragen: Wieso? Der hat’s halt drauf!

Das ist richtig. Aber, wenn es jemand wirklich so drauf hat, dann ist das für ihn nichts Besonderes. Dann darf er nicht Wörter wie „geschickt“, „blitzschnell“ oder „mühelos“ benutzen. Und dann darf er erst recht nicht zu Beginn sagen „Puh, das wird nicht leicht.“
Jemand, der gut ist, für den ist dieser Kampf ein Klacks. Jemand, der den Kampf so beschreibt wie oben, ist ein Möchtegern.

Und seien wir mal ehrlich, cool finden mögen wir die oben dargestellte Person vielleicht. Aber sympathisch? Ein Protagonist, speziell einer aus der „Ich“-Perspektive, sollte vor allem sympathisch sein, immerhin klaut er dem Leser sonst viele Stunden seiner kostbaren Lebenszeit.

 

Ein wildes Pikachu, Lvl 30

Das heißt nicht, dass jeder Charakter schwach sein muss, ganz im Gegenteil. Ich selbst habe einen Protagonisten, der durchaus eine solche Szene und mehr meistern würde.

Die Krux ist nicht das „Was“, sondern das „Wie“. Und vor allem ist es der Standpunkt des Erzählers.
Hier ist es gut, wenn man nicht die Ich-Perspektive, sondern eine personelle Er/Sie-Perspektive gewählt hat. Hat man sich selbst die Möglichkeit geschaffen, aus mehreren Sichtweisen zu erzählen (zwischen Personen zu springen), umso besser.
Damit mein „krasser Attentäter“ also immer noch menschlich, authentisch und sympathisch bleibt, wechsle ich gerne mal die Perspektive auf meinen anderen „schwächeren“ Protagonisten.

Vergleichen wir das Ganze mit einem Videospiel, zum Beispiel Pokémon:

Was passiert, wenn ein Pikachu Lvl 30 auf ein Raupy Lvl 3 trifft? Sehr kurzer, unfairer Kampf. Unschön, aber realistisch. Weil Raupy dem Pikachu einfach hoffnungslos unterlegen ist.

Wenn wir nun aus der Sicht unseres kleinen Raupy Lvl 3 einen Kampf zwischen Pikachu Lvl 30 und Schiggy Lvl 30 beobachten würden, wäre das etwa so:

Oh, mein Gott! O.O Pikachu ist so schnell und so stark und so toll! Es ist so viel besser als ich und ich liebe es dafür!!! <3

Das ist voll okay, denn das kleine Raupy ist nur Level 3 und … eben ein kleines Raupy. Ähnlich wie unser Normalo-Held. So geben wir unserem Protagonisten Pikachu (oder krassem Attentäter) also die Möglichkeit, uns sich und seine Fähigkeiten durch indirekte Charakterisierung (!, weil beobachtete Handlung) vorzustellen, ohne ihn zu sehr nach „Ich bin geil, ich weiß“ aussehen zu lassen.

 

Wechseln wir nun in die Perspektive des Pikachu, das gegen Schiggy kämpft, wäre die Beschreibung eher so:

Puh, das ist ein wirklich ausgeglichener Kampf. Aber da sehe ich eine Lücke, jetzt kann ich zuschlagen. Aua, er hat mich getroffen. Egal, ich versuche es weiter.

Auf einmal ist unser Pikachu gar nicht mehr der große Hecht. Denn: Für ihn ist der Gegner gleichwertig.

Und nie vergessen: Auch ein Pikachu Lvl 30 trifft irgendwann auf Glurak Lvl 50! Und dann sieht das nicht mehr aus wie: „Ich tauche geschickt unter dem Arm hindurch und komme locker flockig wieder auf die Beine.“

Zumindest, wenn es sich um einen authentischen Charakter und einen guten Erzähler handelt.

 

Daher: Bleib deinen Charakteren treu, gib ihnen Raum sich zu entfalten und bevormunde sie nicht.

P.S.: Und, auch, wenn das oben vielleicht danach aussah: Eine einzelne Szene entscheidet nicht über Sympathie oder Antipathie für eine Figur. Wenn dein Charakter gut in etwas ist, dann zeig es ruhig, das macht ihn u. U. noch sympathischer. Aber übertreib es nicht.