Game of Thrones Schöpfer George R.R. Martin hat was Neues: Wild Cards. TV-Show „Big Brother“ meets Arabischer Frühling. Aber leicht wütend bin ich schon.

Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

unbekannt

 

Das ist es also, das neue Teil des Lied von Eis und Feuer (Game of Thrones) Schöpfers George R.R. Martin. Moment mal, „George R.R. Martin et al.“? „George R.R. Martin (Hrsg.)“? Versteckt sich hier etwa jemand unter dem Deckmantel des durch die HBO Serie berühmt gewordenen Autors? Und was hat das Ganze mit Ägypten zu tun? Wild Cards: Das Spiel der Spiele im Dramaturgia-Check.

 

 

Klappentext

George R.R. Martin et al.: Wild Cards: Das Spiel der Spiele. (c)2014 Penhaligon Verlag (dramaturgia)

George R.R. Martin et al.: Wild Cards: Das Spiel der Spiele. (c)2014 Penhaligon Verlag (dramaturgia)

The World’s next SUPERHERO!

Seit sich in den Vierzigerjahren das Wild-Card-Virus ausgebreitet hat und Menschen mutieren lässt, gibt es neben den normalen Menschen auch Joker und Asse. Joker weisen lediglich körperliche Veränderungen auf, während Asse besondere Superkräfte besitzen. Da ist zum Beispiel Jonathan Hive, der sich in einen Wespenschwarm verwandeln kann, oder Lohengrin, der eine undurchdringliche Rüstung heraufbeschwört. Doch wer ist Amerikas größter Held? Diese Frage soll American Hero, die neueste Casting Show im Fernsehen, endlich klären. Für die Kandidaten geht es um Ruhm und um so viel Geld, dass sie beinahe zu spät erkennen, was wahre Helden ausmacht.

 

Inhalt

In Wild Cards geht es hauptsächlich um die TV-Casting-Show „American Hero“, in der Asse (1% der Weltbevölkerung, durch das Wild Cards Virus mit (zum Teil unsinnigen und echt nutzlosen) Super-Fähigkeiten ausgestattet) und vereinzelt Joker (9% der Weltbevölkerung, die „nur“ (zum Teil groteske) körperliche Veränderungen aufweisen) in einer Art „Big Brother“ meets „America’s Got Talent“ um den gleichnamigen Titel buhlen.

Dazu werden die 28 Kandidaten in vier Teams aufgeteilt, getreu den Kartenblättern Herz, Karo, Pik und Kreuz. Aus jedem Team gibt es ein bis zwei Figuren, deren Erzählperspektive wir einnehmen (dazu später mehr). Jedes Team wird vor eine Heldenmut erfordernde Aufgabe gestellt (Bewohner aus brennendem Haus retten; Banküberfall verhindern; usw.), die sie als Team mit ihren Fähigkeiten meistern müssen.

Klingt erstmal ganz easy, aber leider haben wir es bei den Wild Card Assen nicht mit einem Haufen Spider-Men, Supermen und Wolverines zu tun, sondern eher mit Leuten, die Erde formen, Samen wachsen lassen, Seifenblasen aus ihren Körpern entweichen lassen oder mit Kiemen ausgestattet gut tauchen können.

Das (deutsche!) Ass Klaus aka Lohengrin, das Rüstung und Schwert aus undurchdringlichem „Geisterstahl“ heraufbeschwören kann und die britische Attentäterin Lilith, die sich teleportieren kann, sind da wohl mit Glück gesegnet.

Jedes Team, das bei einer Aufgabe versagt, muss einen Kandidaten rauswählen und in die „Loser-Villa“ schicken.

 

Bis hierhin alles cool und neben ganz viel Sci-Fi und ein bisschen unsinnigem Stuss eine ganz gute Peresiflage auf die heutigen TV-Show-Formate mit einer Moderatorin (mit Feenflügeln), bei der ich immer an Heidi Klum denken musste.

Aber dann entschließen sich einige aus der Loser-Villa, sich in die Joker-Aufstände in Ägypten mit einzumischen und in den Nahen Osten zu gehen um … zu kämpfen. Zu sterben. Zu Helden der Zeitgeschichte zu werden.

„American Hero“? Wer kümmert sich denn jetzt noch darum? Fand ich ein bisschen schade.

 

Amerikanischer Voyeurismus und weltverbesserndes Heldentum

Obwohl ich mich am Anfang echt schwer getan habe, die Existenz des plötzlich einfach so in unsere reale Wirklichkeit gepflanzten Wild Card Virus zu akzeptieren, erkenne ich doch einen gewissen Reiz an dieser Idee.

Wenn die Karten – im wahrsten Sinne des Wortes – neu gemischt werden, dann zählen Hautfarbe, Bildungsstand und Herkunft nicht mehr so viel. Und mir gefällt auch, wie oft explizit gesagt oder angedeutet wird, dass es nicht immer erstrebenswert ist, ein Ass zu sein.

Die Beschreibung der Show ist ziemlich gelungen, mit all ihren affektierten Moderatoren, gehetzten Produktionsassistenten und Kameras überall. Sehr glaubhaft.

Die Aufstände in Ägypten für sich sind auch in Ordnung, aber beides zusammen ist irgendwie seltsam. Wenn Geisterstahl-Ritter Lohengrin, Wespen-Mann Bugsy, Stahlmann Rust Belt und Kuscheltier-Mädchen Dragon Girl sich auf in das Land der Pharaonen machen, wirkt das fast schon wie eine Parodie auf den Zauberer von Oz (was im Buch auch tatsächlich an einigen Stellen erwähnt wird).

 

Im Dutzend billiger

Nichts ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Nichts passt so gut zu dieser Volksweisheit wie dieses Buch. Ich fühle mich verarscht.

Wild Cards: Das Spiel der Spiele ist die kommerzialisierte Fortsetzung einer Kurzgeschichtensammlung aus den 80ern, die damals ein paar unbekannte und auch einige bekanntere Autoren zusammen rund um die alternative Realität mit dem Wild Card Virus verfasst haben.

Daher haben wir es hier auch nicht mit einem Autor zu tun, sondern mit einem halben Dutzend, von denen jeder eine andere Figur und eine andere Schreibe mitbringt. Aber keiner wirklich gut ist.

Aber hey, der Erfolg von Game of Thrones, ein boomendes „America’s Got Talent“ und der Arabische Frühling ist doch wie gemacht für eine Neuauflage unter dem berühmten Deckmantel von George R.R. Martin.

Kurzum: Auch ich habe mich blenden lassen von der Marketing-Maschinerie und bin dem Medien-Hype um den Lied von Eis und Feuer Schöpfer voll auf den Leim gegangen.

Schon jetzt bereue ich den Kauf.

 

Fazit

Wie wir es von Martin gewohnt sind, gibt es einen unüberschaubar großen Haufen an Figuren, die alle mehr oder weniger gut ausgearbeitet oder sympathisch sind (s.o. Thema Autoren). Am besten gefallen hat mir Noel bzw. Lilith, aber ihr wird leider sehr wenig Platz in der Geschichte eingeräumt.

Das Buch war weder herausragend gut noch wirklich schlecht. Leicht verdauliche Kost, die aber auch genauso schnell wieder ausgeschieden und vergessen wird.

Bleibt nur zu sagen: Ich bin froh, dass ich keine Superkräfte habe und normal bin. Getreu nach Jonathan „Bugsy“ Hive:

Aber sich in einen Wespenschwarm zu verwandeln hilft mir nicht Abgabetermine einzuhalten oder meine Miete zu bezahlen.

Also: Wer es nicht gelesen hat, hat nichts verpasst. Außer vielleicht den künstlichen Hype um ein mittelmäßiges Buch mittelmäßiger Autoren.

 

* * * * *

 

Das Buch

Der Fantasy/SciFi-Roman Wild Cards: Das Spiel der Spiele von George R.R. Martin et al. erschien 2014 im Penhaligon Verlag.

Broschiert (544 Seiten)
ISBN-10: 3764531274
ISBN-13: 978-3764531270

Das Hörbuch (ungekürzt 15 Std. 38 Min.), gelesen von Reinhard Kuhnert, erschien 2014 bei Random House Audio Deutschland.