Eine Liebeserklärung an Lisbeth Salander. Stieg Larssons Verblendung als Auftakt der Weltbestseller Millennium-Trilogie war bereits mein Buch des Monats April. Mit Verdammnis folgt jetzt der zweite Teil, der ebenso spannend und unkonventionell ist und nachhaltig unter die Haut geht.

Wer auf Rache aus ist, grabe zwei Gräber.

Sprichwort

 

Klappentext

Stieg Larsson: Verdammnis. Millennium 02. (c)2008 Heyne Verlag. (dramaturgia)

Stieg Larsson: Verdammnis. Millennium 02. (c)2008 Heyne Verlag. (dramaturgia)

„Larssons Gespür für Timing und Spannung ist überragend“ (taz)

Der Journalist Mikael Blomkvist recherchiert in einem besonders brisanten Fall von Mädchenhandel, die Hintermänner bekleiden höchste Regierungsämter. Als sein Informant tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf Blomkvists Partnerin Lisbeth Salander. Eine mörderische Hetzjagd beginnt.

„Lisbeth Salander überwältigt mit ihrer Unwiderstehlichkeit. Sie gewinnt die Liebe des Lesers im Sturm.“ (Der Spiegel)

 

Die Anti-Heldin

Beim ersten Band habe ich betont, wie gut mir die Heldenreise gefällt, die der Journalist Mikael Blomkvist durchmacht. Und dieser „Kalle“ Blomkvist ist smart, charmant, clever und sympathisch, keine Frage. Und dann kommt da dieses Aspergersche, anorektische, tätowierte und gepiercte Mädchen daher – 1,50m groß, 40 kg schwer. Lisbeth Salander.
Und sie fasziniert mich von der ersten Seite an.

Schon während des ersten Bandes habe ich mich immer wieder dabei ertappt, wie ich mich in ihre Lage versetzt habe: „Wie hätte ich in dieser Situation reagiert?“ – „Warum habe ich das noch nie getan?“

Lisbeth Salander ist sozial inkompatibel, keine Frage. Aber Larsson schafft es, sie so vielschichtig, authentisch und beeindruckend zu beschreiben, dass sie eine unheimliche Faszination auf mich ausübt. Immer wieder habe ich mir vorgenommen, auch mal aus der Komfortzone rauszukommen, auch mal gegen den Strich zu denken, auch mal die schöne Fassade und scheinbar heile Welt kritisch zu hinterfragen. Einfach auch mal raus aus dem von der Gesellschaft tolerierten Alltagstrott.

 

Lisbeth Salander (Noomi Rapace). Verdammnis Filmplakat. (c)2009 Yellow Bird Films et al. (dramaturgia)

Lisbeth Salander (Noomi Rapace). Verdammnis Filmplakat. (c)2009 Yellow Bird Films et al. (dramaturgia)

Lisbeth Salander ist eine Anti-Heldin, von anerkannten Psychologen als Psychopathin diagnostiziert, seit ihrem 12. Lebensjahr vom Staat entmündigt, von der Gesellschaft ausgeschlossen und verachtet.
Sie sorgt seit ihrem 7. Lebensjahr für sich selbst. Mit 12 hat sie versucht ihren Vater mit einer selbstgebastelten Brandbombe zu verbrennen. Sie verbringt jede freie Minute bei ihrer schwerbehinderten Mutter im Pflegeheim. Das Erbe, das die ihr hinterlässt, stiftet sie an ein Frauenhaus. Ihrem rechtlichen Betreuer tätowiert sie Hassparolen auf den Unterbauch. In ihrer Freizeit versucht sie das Geheimnis hinter der Gleichung a³ + b³ = c³ zu lösen. Sie hat ein eigenes Hackerprogramm geschrieben und überwacht Dutzende fremder PCs. Den größten Unternehmer Schwedens hat sie um mehrere Milliarden erleichtert und damit Briefkastenfirmen in Übersee für sich eingerichtet. Das Geld nutzt sie, um den besten Schlaganfall-Therapeuten Schwedens für einen Freund zu engagieren.

Lisbeth Salander ist kein Monster und kein Engel. Ihr Charakter ist nicht linear, nicht steif, nicht eingefahren. Sie ist einfach anders. Und das macht sie für mich zu einer der faszinierenden und besten Figuren, die je zu Papier gebracht wurden.

 

Auge um Auge …

Ich bin abgeschweift. Kommen wir zum Buch, in dem Lisbeth Salander unfreiwillig in den Fokus gerückt wird. Als Psychopathin abgestempelt und seit ihrer Kindheit unter staatlicher Bevormundung ist sie nämlich die ideale Täterfigur, als ein scheußlicher Dreifach-Mord an einem Enthüllungsjournalisten, seiner Freundin und Lisbeths rechtlichem Betreuer (genau, der mit den gezwungenen Tätowierungen) geschieht.

Im ersten Teil konnte man schon einen Einblick in Lisbeths Verständnis von Rache bekommen: Einen 1,80 großen Bodybuilder-Mitschüler, der sie immer wieder hänselt und schlägt, prügelt das schmächtige Mädchen eines Tages mit einem Baseball-Schläger krankenhausreif. Den rechtlichen Betreuer, der sie brutal vergewaltigt, filmt sie bei der Tat  als Erpressungsmittel, tätowiert ihm die Worte „Ich bin ein Schwein und ein Vergewaltiger“ auf den Unterbauch und übernimmt die erbarmungslose Kontrolle über seine Wohnung, Finanzen, Liebesleben und Arbeit.

Mit Lisbeth Salander sollte man sich besser nicht anlegen. Und dann trifft sie auf einen Gegenspieler, der ihren Rachegelüsten ebenbürtig ist, und mit dem sie ohnehin noch eine Rechnung offen hat.

An dieser Stelle kann ich gar nichts weiter über Inhalt und Story des Buchs sagen, denn es ist und bleibt ein Krimi und eine Rätsel-Geschichte, die den Leser sanft, aber bestimmt an die Hand nimmt, immer wieder mit kleinen Informationsstücken füttert und erbarmungslos in die schonungslose Handlung stößt. Überraschungen und Schock-Momente eingeschlossen.

 

Fortsetzung folgt …

Stieg Larsson: Vergebung. Millennium 03. (c)2009 Heyne Verlag (dramaturgia)

Stieg Larsson: Vergebung. Millennium 03. (c)2009 Heyne Verlag (dramaturgia)

Leider. Leider, leider hat das Buch ein offenes Ende. Mitten in der Handlung schließen wir das Buch und müssen uns dem letzten Teil, Vergebung, zuwenden. Vergebung ist für mich der schwächste Teil der Trilogie, denn: Zu wenig Lisbeth Salander. Das erste Drittel ist sie komplett „ausgeknocked“, das zweite Drittel ist sie ziemlich passiv in einer Isolationszelle. Und nur das dritte Drittel kommt der finale Gegenschlag ihrer ultimativen Rache für 24 Jahre Misshandlung, Verachtung und Verleumdung durch den Staat. Dieses Drittel ist zwar befriedigend, aber für meinen Geschmack viel zu schnell vorbei.

Dennoch ist und bleibt Stieg Larssons Millennium Trilogie eine der besten Buchreihen, die ich jemals gelesen habe.

 

Fazit

Der zweite Teil, Verdammnis, ist schonungsloser und tiefergehender als der erste. Der „mysteriöse Fall Harriet Vanger“ aus dem ersten Teil fehlt hier, sodass Verdammnis weniger Detektiv-Spiel und mehr Gesellschaftskritik ist als Verblendung. Wie auch beim ersten Teil habe ich wieder unglaublich viel gelernt – über Psychologie, Staatsysteme, über menschliche Abgründe. Und über mich selbst.

Millennium ist einfach zu empfehlen und ich finde es sehr schade, dass Stieg Larsson schon von uns gegangen ist. Ich glaube, in seiner auf 10 Bände angelegten Reihe „Männer, die Frauen hassen“ hätte uns noch Großes erwartet.

(P.S.: Wenn man weiß, dass alle Bücher von Larsson unter diesem globalen Titel geschrieben wurden, gibt das noch einmal einen ganz anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse.)

(P.P.S.: Für alle, die den zweiten Teil schon gelesen haben: Ist mein Eingangszitat nicht DER HAMMER? :D)

 

Das Buch

Die Millennium-Trilogie von Stieg Larsson erschien ab 2007 im Heyne Verlag. Verdammnis ist der zweite Teil.

Das Buch umfasst in der Taschenbuch-Ausgabe 768 Seiten und kostet um 10 Euro.
ISBN-10: 0803983360
ISBN-13: 978-3453433175

Das Hörbuch gibt es seit 2012 in der ungekürzten Fassung (knapp 19 Stunden Spielzeit), verlegt vom SchallUndWahn Verlag für Audible, gelesen von Dietmar Wunder.