Normalerweise halte ich nichts von künstlich gehypten Büchern. Aber Verblendung von Stieg Larsson, ist bedingungslos zu empfehlen – in jeder Hinsicht. Der erste Teil der Weltbestseller Millenium Trilogie ist mein Buch des Monats (gehört in der ungekürzten Hörbuchfassung, gelesen von Dietmar Wunder).

Jede Familie hat eine Leiche im Keller. Die Familie Vanger hat einen ganzen Friedhof.

Mikael Blomkvist, Verblendung

 

Klappentext

Stieg Larsson: Verblendung. Millennium Trilogie 1. (c)2007 Heyne Verlag. (dramaturgia)

Stieg Larsson: Verblendung. Millennium Trilogie 1. (c)2007 Heyne Verlag. (dramaturgia)

„Ein Thriller mit sehr hohem Suchtfaktor“ (BAMS)

Was geschah mit Harriet Vanger? Während eines Familientreffens spurlos verschwunden, bleibt ihr Schicksal jahrzehntelang ungeklärt. Bis der Journalist Mikael Blomkvist und die Ermittlerin Lisbeth Salander recherchieren. Was sie zutage fördern, lässt alle Beteiligten wünschen, sie hätten sich nie mit diesem Fall beschäftigt.

An seinem 82. Geburtstag erhält der einflussreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enthält eine gepresste Blüte hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden. In einer letzten Anstrengung beschließt Vanger herauszufinden, was dem geliebten Mädchen tatsächlich zustieß. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren stößt. Unterstützt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomkvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind ihre Enthüllungen.

 

Das also heißt „Skandinavien Krimi“

In den vergangenen Jahren hat man immer mit einem Ohr Stieg Larsson, Verblendung und Millennium gehört. Riesending, Welthit. Kurz darauf wächst in den Buchhandlungen die Rubrik „Skandinavien Krimi“ aus dem Boden, mittlerweile ist das Ganze schon auf Sky angekommen mit der Krimiserie Die Brücke.

Ich selbst war nie ein sonderlich großer Krimi-Fan. Der ein oder andere Thriller, zum Beispiel von Karen Rose, Jeffrey Deaver und (nicht schlagen, eingefleischte Thriller-Fans!) Dan Brown und Andreas Eschbach war immer dabei, aber eher als Urlaubslektüre zweiter Wahl aus dem unerschöpflichen Koffer meiner Mutter.

Aber Verblendung ist ein hervorragender Roman, detailreich recherchiert, anschaulich geschrieben, vielschichtige Charaktere, einfach gut.
Eine Hand voll Krimi, ein Stückchen Thriller, eine Prise Gesellschaftskritik und ein Hauch Emotionen – mehr braucht ein guter „Skandinavien Krimi“ nicht.

 

Krimi meets Heldenreise

Als ich die ersten 100 Seiten durch hatte (bzw. das Pendant auf der Tonspur, weil ich ja das Hörbuch konsumiert habe), war ich total hin und weg, weil dieser Krimi – der ja eigentlich seinen Fokus auf die Story und das Mysterium legt und die Charaktere gerne einmal eindimensional aussehen lässt – tatsächlich eine kleine Heldenreise skizziert hat:

Der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist etabliert sich als Protagonist, der den Auftrag des einflussreichen Großindustriellen Henrik Vanger bekommt, ein lange gehütetes Familiengeheimnis um seine Nichte Harriet aufzuklären. Blomkvist, der so ziemlich alles verkörpert, was Daniel Craig ausstrahlt (nein, das ist kein Bezug zur US-Verfilmung, denn ich habe weder die einen noch die anderen Filme gesehen, aber vor meinem geistigen Auge passt es einfach), könnte der ideale Ermittler für einen Durchschnitts-Krimi sein: Clever, charmant, ein bisschen eigen.

Aber nein, unser lieber Blomkvist wird zu Beginn des Buchs erst einmal wegen Verleumdung des (noch viel einflussreicheren) Großindustriellen Hans-Erik Wennerström verurteilt. Die Massenmedien zerreißen Blomkvist und seine Journalistenehre und Glaubwürdigkeit stehen wackelig da.

Wir haben also einen kleinen Helden vor uns, der am Anfang seiner Reise steht und ganz unten ist. Das klingt doch vielversprechend!

 

Toll finde ich auch, dass ihm überhaupt erst dieses Gerichtsurteil ein Motiv gibt, den Auftrag von Henrik Vanger anzunehmen – denn der verspricht ihm im Gegenzug unwiderlegbare Fakten gegen Wennerström, mit denen er seine Journalistenehre wiederherstellen könnte.

Oho, bahnt sich da ein großer Antagonist an, den es im großen Finale zu besiegen gilt, nachdem der Held am Anfang gescheitert ist?

 

Ein mysteriöses Katz-und-Maus Spiel

Neben der tollen Inszenierung der Figur Mikael Blomkvist gefällt mir auch die Story außerordentlich gut.

Die beiden Ermittler (Blomkvist hat in der Zwischenzeit Unterstützung von der sehr eigenen Researcherin und Teilzeit-Hackerin Lisbeth Salander bekommen) machen ihre Entdeckungen in gut verdaulichen Portionen und gutem Tempo, lassen dabei jedoch massig Raum für eigene Schlüsse – die sich am Ende allesamt als falsch erweisen, aber ich will an dieser Stelle nicht den Spaß vorweg nehmen.

Die Familiengeschichte der Vangers, die seit Jahrzehnten den gleichnamigen und sehr einflussreichen Familienkonzern leitet, erinnert an eines dieser Mystery-Spiele  – mit den leerstehenden Herrenhäusern, mysteriösen Fotos und Zeitungsausschnitten, unzusammenhängenden Informationsschnipseln und einem ganzen Clan von misstrauischen und unkooperativen Familienmitgliedern.

Ganz nebenbei erhält man einen tiefen Einblick in die Funktionsweise von Konzernen, Redaktionen und Staatspolitik (in den Folgebänden noch mehr). Eine Bereicherung für jeden Leser!

 

Fazit

Man merkt es vielleicht schon, ich stimme (ausnahmsweise) mal vollkommen zu, dass Stieg Larssons Verblendung ist nicht ohne Grund ein Bestseller geworden ist.

Ein rundum empfehlenswertes Buch, das gleichzeitig unterhält und gewissermaßen bildet. Mikael Blomkvist ist eine sympathische Figur und Lisbeth Salander ein herrlich facettenreicher, erfrischend mutig skizzierter Charakter, wie es ihn selten in der Unterhaltungsliteratur gibt – zumindest auf der Seite der Guten.

Kritik kann ich an diesem Buch nicht finden (bei den Nachfolgern schon etwas mehr, aber das ist eine andere Geschichte).

 

Zum Hörbuch: Die ungekürzte Fassung wurde erst vor kurzem im SchallUndWahn Verlag veröffentlicht und wird gelesen von Dietmar Wunder (der im Deutschen unter anderem auch Daniel Craig und Sam Rockwell synchronisiert).

Seine Sprechleistung ist dabei gewohnt hervorragend und so plastisch, dass man sich beinahe in einem Hörspiel statt Hörbuch wähnt. Die Figuren sind sehr gut getroffen und es macht einfach Spaß zuzuhören.

 

Das Buch

Die Millennium-Trilogie von Stieg Larsson erschien ab 2007 im Heyne Verlag. Verblendung ist der erste Teil.

Das Buch umfasst in der Taschenbuch-Ausgabe 687 Seiten und kostet um 10 Euro.
ISBN-10: 3453432452
ISBN-13: 978-3453432451

Das Hörbuch gibt es seit 2012 in der ungekürzten Fassung (knapp 18 Stunden Spielzeit), verlegt vom SchallUndWahn Verlag, gelesen von Dietmar Wunder.