Jo Nesbo ist wohl jedem Krimi- und Thriller-Fan ein Begriff, spätestens seit Jussi Adler-Olsen, Stieg Larsson und Schweden-Krimis. Wer Jo Nesbo kennt, kennt wohl auch seinen erfolgreichen Ermittler Harry Hole, der mit Koma seinen zehnten Band bestreitet. Ich kannte Harry Hole nicht – aber es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick.

Der Schlaf ist ein kurzer Tod. Der Tod ein langer Schlaf

Platon

 

Ich bin auf Jo Nesbo’s Koma gekommen, weil ich bei Audible nach Hörbüchern (vornehmlich Thrillern) gesucht habe, die Uve Teschner liest (hier mein erstes Buch des Monats von ihm (Greg Iles@E.R.O.S.)) – und, weil es zufällig auch auf der begehrten SPIEGEL-Liste steht.

 

Klappentext

Jo Nesbo: Koma (c)2013 Ullstein Verlag (dramaturgia)

Ein junges Mädchen wird tot im Wald gefunden. Sie wurde brutal vergewaltigt. Zehn Jahre später wird an derselben Stelle ein Polizist getötet, sein Gesicht ist grausam entstellt. Eine Sonderkommission ermittelt unter Hochdruck. Doch es geschehen weitere Morde. Die Polizei hat keine Spur, und ihr bester Ermittler Harry Hole fehlt. In einem Krankenhaus liegt ein schwerverletzter Mann im Koma. Das Zimmer wird von der Polizei bewacht. Niemand soll erfahren, wer der geheimnisvolle Patient ist. Denn er hat einen Feind. Und der ist überall.

Spannung pur – der beste Harry Hole aller Zeiten!

 

Harry Hole, der sympathische Anti-Held

Ich muss vorweg sagen: Den Zusatz „Ein Harry Hole Krimi, Band 10“ habe ich entweder überlesen oder ignoriert. Ich kannte diesen berühmt-berüchtigten Ermittler also nicht. Positiv anzumerken: Das hat weder dem Einstieg in die Geschichte noch dem Kennenlernen der Figuren geschadet – also großes Lob an die Erzählkunst Nesbos, die mir als Neuling den Einstieg denkbar leicht gemacht hat.

Gleichzeitig gestehe ich: Dieser Harry Hole hat mich voll und ganz gewonnen. Eine tolle Figur, wie ich sie mir besser nicht wünschen könnte!
Nachdem er das gefühlte erste Drittel über nicht selbst in Erscheinung tritt (was mir zugegebenermaßen irgendwann auf die Nerven ging), erfolgt die Einführung aber so geschickt, dass ich gleich von ihm fasziniert bin.

Harry Hole wird als klassischer Antiheld eingeführt – und kann das auch wirklich bis zum Ende durchhalten. Er ist durch und durch menschlich, nachvollziehbar und irgendwie auch verletzbar (nicht verletzlich!). Das mag ich an ihm. Und ich hatte wirklich ein paar Mal Angst um ihn. Das heißt ganz und gar nicht, dass er ein Weichei ist, im Gegenteil. Aber er ist, was viele Roman- und Filmfiguren nicht schaffen: Nicht unantastbar. Makelhaft. Angreifbar. Einfach menschlich.

Und aus diesem Grund hat mich die finale Szene auch so mitgenommen, dass mir wirklich vor fassungslosem Schreck der Atem stockte. Ich kann hier einfach nicht mehr dazu schreiben, weil ich diese wunderbare, großartige, überragende Szene nicht spoilern möchte. Aber dies hier ist eine tiefe Verbeugung vor Jo Nesbos Schreibkunst, der ich mit Leib und Seele auf den Leim gegangen bin.

 

Wer liegt hier im Koma?

Während ich mich mit meinem Lob für die Figur des Harry Hole fast überschlage, muss ich leider beim Plot einige Punkte abziehen (Ja, ich, die ich stets predige, Figuren sind so viel wichtiger als Plot ;-) ). Ich lege sehr viel Wert auf die Verbindung von Titel, Klappentext und Inhalt – sagen wir, darauf, dass meine Erwartungen, die mit diesen Elementen geweckt werden, auch erfüllt werden.

Umso unzufriedener bin ich damit, dass Koma so gut wie gar nichts mit „Koma“ zu tun hat. Ja, da liegt wohl irgendjemand im Koma. Aber wer, das erfahren wir ganz lange nicht, und warum, interessiert dann auch keinen mehr. Und so traben wir eigentlich wie eine treue Herde Schafe hinter dem strahlenden Helden Hirten Harry Hole her und vergessen vor lauter Schwärmerei, warum wir eigentlich auf der Reise sind – und wohin.

Anmerkung: Erst während der Recherchen im Nachhinein bin ich darauf gestoßen, dass Harry Hole wohl im Vorgänger „Die Larve“ vermeintlich gestorben bzw. ins Koma gefallen war. In dem Fall ist der Buchtitel natürlich ein herrlicher Trick, seine Leser zu quälen und zu fesseln. Aber man hätte ihn schon ein wenig mehr ausspielen und befüllen können.

 

Fazit

Alles in allem ist Koma ein empfehlenswerter Krimi-Thriller, auch, wenn man die vorherigen Harry Hole-Bände nicht gelesen hat. Spannend geschrieben, mit dem richtigen Sinn für die kleinen, aber feinen Details im Leben und mit einer tollen, facettenreichen und starken Hauptfigur, die angenehm menschlich und dadurch verletzbar (nicht verletzlich!) wirkt.

Selbstverständlich brilliert auch hier im Hörbuch wieder Uve Teschner als überragender Sprecher.

Ich vergebe vier von fünf Sternen.

 

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Das Buch

Der Kriminalroman Koma von Jo Nesbo erschien 2013 im Ullstein Verlag.

Gebundene Ausgabe (624 Seiten)
ISBN-10: 3550080131
ISBN-13: 978-3550080135

Das Hörbuch (ungekürzt 17 Std. 43 Min. exklusiv bei Audible), gelesen von Uve Teschner, erschien ebenfalls 2013 im HörbuchHamburg Verlag.