Ein Thriller, wie er im Buche steht: Mit Kindheitstrauma, Psychiatrie und mysteriösen Familiengeheimnissen. Warum mich Kalte Stille von Wulf Dorn trotzdem nicht richtig gewuppt hat, lest ihr hier.

Unter den Blinden ist der Einäugige der König

Sprichwort

 

Aus Ermangelung anderen Lese- bzw. Hör-Stoffs habe ich beim Audible-Sale „2 Hörbücher zum Preis von 1“ zugeschlagen. Und siehe da, beide waren ein Griff ins Klo! Das Bessere der beiden, Kalte Stille von Wulf Dorn, rezensiere ich hier.

Weil sich Thriller eigentlich ganz gut „hören“ lassen, und weil ich David Nathan (u.a. Synchronsprecher von Johnny Depp und Christian Bale) eigentlich ganz gerne höre, habe ich mich für Walküre von Craig Russell und Kalte Stille von Wulf Dorn entschieden. Beide ca. 8 Stunden lang (~450 Seiten), beide von David Nathan gelesen. Beide Zeitverschwendung.

 

Klappentext

Wulf Dorn: Kalte Stille (c)2012 Heyne Verlag. (dramaturgia)

Wenn die Stille zum Alptraum wird…

Eine Tonbandaufzeichnung, die in abrupter Stille endet – unerträglicher Stille. Mehr ist Jan Forstner von seinem kleinen Bruder Sven nicht geblieben. Vor dreiundzwanzig Jahren ist Sven spurlos verschwunden. In derselben Nacht verunglückte auch sein Vater. Beide Fälle konnten nie aufgeklärt werden. Als Jan gezwungen ist, an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren, holt ihn die Vergangenheit wieder ein. Ein mysteriöser Selbstmord führt ihn zu einem schrecklichen Geheimnis.

 

Regel Nummer 1: Psychiatrien sind böse

Klingt wie der durchschnittliche Standard-Thriller. Und ist es leider auch. Ich finde das Buch nicht wirklich schlecht, aber eine Perle der Unterhaltung (bzw. Spannung) ist es leider auch nicht. Einfach durchwachsen – aber mit einigen Störpunkten, die es eher ins Negative ziehen – wie „Kindheitstrauma“, „Schuldgefühle“ und „Psychiatrie“, um nur einige zu nennen.

Manchmal glaube ich, wenn man in seinem Thriller nicht weiter weiß oder nicht genügend Spannung aufbauen kann, dann fügt man einfach eine Psychatrie hinzu. Der Universal-Kleber für Thriller, der eine durchwachsene Story immer noch auf die SPIEGEL Bestseller-Liste hieven kann.
Das kann auch wunderbar funktionieren, zum Beispiel in Stieg Larssons Millennium-Trilogie (besonders Teil 2 und 3) (Link zur Rezension). Und jeder, der schon einmal in einer Psychatrie war, weiß auch: DAS ist der Stoff, aus dem Horrorfilme sind.

Aber hier wirkt das Element der Einrichtung leider konstruiert und aufgesetzt. Und es wäre wirklich nicht nötig, um die Geschichte spannend zu halten. Denn das Band, das sich Forstner immer wieder anhört, hat an sich schon massig Spannungs-Potenzial.

Der ewig depressive und von dem schrecklichen Ereignis verfolgte Protagonist trägt auch nicht wirklich dazu bei, dass ich Sympathien mit ihm aufbaue. Höchstens Mitleid, aber das muss man sich bei mir auch erstmal verdienen.

 

Christian Bale kann nicht alles

Punkt 2, an dem ich mich immer recht gut hochziehen kann: Der Sprecher! (Beziehungsweise, in Büchern, der Satzbau und die Wortwahl.)
Ich mag David Nathans Stimme – nur deshalb habe ich mir ja die beiden „Sonderpreis“-Thriller geholt.

Aber während des Hörens stieg in mir immer mehr Unmut auf. Während ich am Anfang noch in jedem Satz Christian Bale vor meinem geistigen Auge sah, nervte mich die Stimme und Nathans aufgesetzt gewichtige Betonung irgendwann nur noch.

Ich weiß auf jeden Fall, dass ich mir sehr lange kein von David Nathan gelesenes Hörbuch mehr anhören werde. Christian Bale darf aber weiterhin auf deutsch vom Bildschirm zu mir sprechen ;-)

 

Fazit

Beim Durchstöbern der Amazon-Bewertungen habe ich eine gefunden, die genau meine Gedanken ausspricht. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Vielen Dank an Arne Hoffmann:

"Formal hat Dorn jedenfalls alles richtig gemacht: 
Etliche Versatzstücke, die zu einem Thriller gehören, 
hat er brav verwendet. Wenn man eine Checkliste verwenden 
würde, könnte man einen Punkt nach dem anderen ordentlich 
abhaken. 
Furchteinflößende Todesfälle: Häkchen. 
Der Held wird von einem üblen Ereignis seiner Vergangenheit 
gequält: Häkchen. 
Das Universum ist ein grausamer Ort, an dem unschuldigen 
Menschen böse Dinge geschehen: Häkchen. 
In psychiatrischen Kliniken finden schlimme Ereignisse 
statt: Häkchen. 
Pädophilie und andere Ereignisse im Zusammenhang mit sexueller 
Gewalt: Häkchen. 
Der Täter ist nicht derjenige, den man in erster Linie 
verdächtigt, sondern erst Nummer Zwei auf der Liste: Häkchen. 
Sein Geständnis wird mit einem versteckten Diktiergerät 
aufgezeichnet: Häkchen. 

Damit erfüllt dieser Roman also durchgehend das Schema, das 
man heutzutage von einem Thriller erwarten darf. Wird bestimmt 
auch bald verfilmt. Keine Ahnung, warum mich "Kalte Stille" 
trotzdem kalt lässt."

Ich vergebe 2 von 5 Sternen

* * * * *

 

Das Buch

Das Buch „Kalte Stille“ von Wulf Dorn erschien 2012 im Heyne-Verlag.

Taschenbuch (448 Seiten)
ISBN-10: 345343403X
ISBN-13: 978-3453434035

Das Hörbuch (gekürzt 7 Std. 10 Min.), gelesen von David Nathan im Lübbe Audio Verlag.