Langsam nähern wir uns dem Zustand, dass mein Buch des Monats auch ein Buch ist, das ich in diesem Monat gelesen (oder zumindest beendet habe). In diesem Fall der Thriller Ich.darf.nicht.schlafen. von S.J. Watson – allerdings als (ungekürztes) Hörbuch. Fazit: Durchwachsen.

Vergessen ist Gefahr und Gnade zugleich

Theodor Heuss

 

Klappentext

S.J. Watson: Ich.darf.nicht.schlafen. (c)2011 Fischer Scherz Verlag.S.J. Watson: Ich.darf.nicht.schlafen. (c)2011 Fischer Scherz Verlag. (dramaturgia.de)

S.J. Watson: Ich.darf.nicht.schlafen. (c)2011 Fischer Scherz Verlag. (Blog dramaturgia.de)

Ohne Erinnerung sind wir nichts. Stell dir vor, du verlierst sie immer wieder, sobald du einschläfst. Dein Name, deine Identität, die Menschen, die du liebst – alles über Nacht ausradiert. Es gibt nur eine Person, der du vertraust. Aber erzählt sie dir die ganze Wahrheit?

Als Christine aufwacht, ist sie verstört: Das Schlafzimmer ist fremd, und neben ihr im Bett liegt ein unbekannter älterer Typ. Sie kann sich an nichts erinnern. Schockiert muss sie feststellen, dass sie nicht Anfang zwanzig ist, wie sie denkt – sondern 47, verheiratet und seit einem Unfall vor vielen Jahren in einer Amnesie gefangen. Jede Nacht vergisst sie alles, was gewesen ist. Sie ist völlig angewiesen auf ihren Mann Ben, der sich immer um sie gekümmert hat. Doch dann findet Christine ein Tagebuch. Es ist in ihrer Handschrift geschrieben – und was darin steht, ist mehr als beunruhigend. Was ist wirklich mit ihr passiert? Wem kann sie trauen, wenn sie sich nicht einmal auf sich selbst verlassen kann?

»Schlicht und einfach der beste erste Thriller, den ich jemals gelesen habe.« Tess Gerritsen

»Ein tief verstörender Thriller, der die beunruhigende Frage stellt: Was bleibt, wenn du dich selbst verlierst?« Val McDermid

 

Und täglich grüßt das Murmeltier

Vorweg: Ich habe die ungekürzte(!) Hörbuch-Fassung gehört, gelesen von Andrea Sawatzki. An der Sprecherin kann ich weder etwas kritisieren noch besonders hervorheben, also beschränke ich mich auf den Inhalt des Buchs – das übrigens auf der SPIEGEL-Bestseller Liste in den Top 20 zu finden war/ist.

Die ersten paar Passagen empfand ich persönlich als recht anstrengend und irgendwie “gewollt”, als die vermeintliche Anfang-Zwanzigerin Christine neben einem verhältnismäßig alten Mann aufwacht und im Badezimmer schockiert feststellen muss, dass sie plötzlich 20 Jahre älter ist als gedacht. Ein Umstand, der mich (als Anfang-Zwanzigerin) eigentlich in einen kurzen Moment der Andacht treiben sollte, doch das tut er nicht.

Stattdessen verfolge ich weiter, wie Christine durch Fotos im Bad, die sie selbst beschriftet hat, und Erläuterungen ihres Ehemannes Ben herausfindet, dass sie eine seltene Art der Amnesie hat, die ihr Kurzzeitgedächtnis blockiert: Sobald sie einschläft, werden die neuen Erinnerungen des Tages gelöscht.

In Zusammenarbeit mit einem Arzt schreibt sie ein Tagebuch, das sie sich jeden Tag aufs Neue zur Gänze durchliest – sehr zum Leidwesen des Lesers, der im Gegensatz zu ihr in der Regel nicht an Amnesie leidet.

Der Spannungsbogen hält sich in Grenzen; selbst die Ungewissheit, ob ihr eigener Ehemann ihr die Wahrheit erzählt und ob sie ihm trauen kann, kann die Spannungsnadel nicht wirklich zum Ausschlagen bringen. Einzig die hin und wieder durchbrechenden Erinnerungsfetzen wecken die Neugierde des ambitionierten Lesers, werden jedoch recht schnell wieder durch einen neuen Tag und die erneute Wiedergabe des bereits Geschehenen im Keim erstickt.

 

Ich.bin.kein.Thriller.

Das Schlimmste an diesem Buch ist für mich die Genre-Behauptung, es handle sich um einen Thriller. Zugegeben, ich bin nicht der größte Freund dieser literarischen Gattung. Aber ein guter Thriller bedeutet für mich Nervenkitzel, Spannung, Furcht vor der nächsten Seite, Angst zu spät zu kommen – süße Qual und Hassliebe zum Autor.

Bei Ich.darf.nicht.schlafen. handelt es sich eher um einen Psychothriller -logischen Lehrband.
Der Leser verbringt nämlich etwa zwei Drittel (gefühlte neun Zehntel) mit dem präzise erläuterten Krankheitsbild der Christine Lucas, bevor sich das Buch endlich dazu herablässt, die (o.g.) Thriller-Elemente einzustreuen – mit der Pinzette, nicht der Gießkanne.

Zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings schon so spät und der Leser so unterfordert, dass er sich die (für einen Thriller essentiell wichtigen) Fragen um das Wer, Wie und Warum schon längst selbst beantwortet hat. Schade, dass die Handlung – wenn sie endlich an Spannung gewinnt – so vorhersehbar ist.

 

Fazit

Wie es Ich.darf.nicht.schlafen. auf die SPIEGEL-Bestseller Liste geschafft hat, weiß ich nicht. Vielleicht gab es gerade keine anderen Bücher auf dem Markt, sodass auch mal die zweite Reihe im Rampenlicht glänzen darf.

Das Buch ist nicht wirklich schlecht, aber wirklich gut ist es auch nicht. Sollte es jemand mal auf dem Grabbel-Tisch für wenige Euronen finden oder Hobby-Psychologe mit Schwerpunkt Amnesie sein, lohnt es sich. Ansonsten eher nicht.

 

Das Buch

Das Taschenbuch erschien im Fischer Scherz Verlag und hat 400 Seiten bei einem Preis von 9,90 Euro.
Ich habe die Hörbuch-Version von Audible gehört.

ISBN-10: 3596191467
ISBN-13: 978-3596191468