Es ist vollbracht! Ich habe mich endlich durch Ken Folletts Weltbestseller, durch DEN historischen Roman schlechthin, durch Die Säulen der Erde gewühlt. Kann man einen Ken Follett überhaupt kritisieren? Ich tu es einfach.

Ein Szenarium aus Geschichte, Architektur, Liebe, Grausamkeit und Menschlichkeit.

Klappentext

 

Klappentext

Ken Follett: Die Säulen der Erde. (c)1992 Bastei Lübbe Verlag. (dramaturgia)

Ken Follett: Die Säulen der Erde. (c)1992 Bastei Lübbe Verlag. (dramaturgia)

Der große, überragende Bestseller des berühmten Autors: Ein mitreißendes Szenarium aus Geschichte, Architektur, Liebe, Grausamkeit und Menschlichkeit.

England 1123-1173. Es ist eine Zeit blutiger Auseinandersetzungen zwischen Adel, Klerus und einfachem Volk, das unter Ausbeutung und Not leidet. Philip, der junge Prior von Kingsbridge, träumt davon, eine Kathedrale zu errichten. Er und der Baumeister Tom Builder, dessen Stiefsohn Jack und die kluge Grafentochter Aliena müssen sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegen ihre Widersacher behaupten, ehe der Traum Gestalt annimmt und die Säulen der Erde buchstäblich in den Himmel zu wachsen beginnen …

 

Klappentext = Inhalt

Eigentlich könnte ich das Buch in einem Satz rezensieren:

„Der GROSSE, ÜBERRAGENDE (weil 1.295 Seiten dicke) Bestseller des berühmten Autors: Ein mitreißendes (?) Szenarium aus GESCHICHTE (Korrekt: Ich habe wirklich viel gelernt), ARCHITEKTUR (Ja: Ich kann jetzt als Baumeister anfangen ^^), LIEBE (leider nur minimal), GRAUSAMKEIT (Definitiv: Folletts Vergewaltigungen und Hinrichtungen grenzen fast schon an Voyeurismus) und MENSCHLICHKEIT (Wenn auch stark aufgespalten, aber Ja: So sind wir (leider)).

 

Das Buch ohne Protagonist

Die Säulen der Erde hat stolze 1.295 Seiten. Für manche ein Albtraum, für mich in der Regel ein Grund zur Freude. Ich liebe dicke Bücher, weil ich weiß, dass ich dann viel Zeit mit den lieb gewonnenen Charakteren in der vertraut gewordenen Umwelt mit dem interessanten Plot verbringen werde.

Aber dieses Buch war zeitweise eine Qual für mich.

Wer ist der Protagonist? Könnte eine Frage bei Wer wird Millionär sein. Ich skizziere meinen Gedankengang in chronologischer Reihenfolge:

 

A: Tom Builder

Die Geschichte beginnt mit dem Baumeister Tom Builder und seiner Familie, der seine Anstellung verliert und mittellos umherziehen muss, aber keine neue Arbeit findet.
Na gut, Tom ist jetzt nicht so der Typ, mit dem ich gerne 1.295 Seiten meines Lebens verbringen würde, aber gut. Ich folge ihm und jedem seiner Schicksalsschläge: Seine Kinder hungern, seine Frau Agnes stirbt, sein jüngster Sohn wird ihm weggenommen, er hat kein Geld und keine Zukunft.
Aber er weiß, dass er eine Kathedrale bauen möchte (oh, etwa die ominösen „Säulen der Erde“ aus dem Titel?)

Dann, nach ca. 150 Seiten sinn-, plan- und ziellosem Umherziehen, trifft er die seltsame Ellen aus dem Prolog  – okay, jetzt fängt die Story an. (Die beiden haben natürlich erstmal hemmungslosen Sex – wtf?)

Irgendwann, nach gefühlten 300 Seiten, kommen Tom mit Kindern und Ellen mit Sohn Jack endlich irgendwo an und beginnen auf gefühlter Seite 400 mit dem Bau der „Säulen der Erde“.

 

B: Aliena

Wir spulen nochmal zurück. Tom Builder hat seine Anstellung ursprünglich verloren, weil die hochnäsige (aber kluge!) Grafentochter Aliena nicht die Inkarnation des Bösen, den Prinz Geoffrey Lannister für Arme, den psychopathisch-sadistischen Grafensohn William heiraten wollte.

Aliena hat so ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen, weil William das nicht so einfach mit sich machen lässt und (ich zitiere aus einer sehr gelungenen Amazon-Rezension, deren Verfasser leider namenlos ist): „so böse wie nur irgend möglich. […] schlimmer als Sauron, Darth Vader und Voldemort zusammen, [er kam] schon ultraböse auf die Welt und [seine] einzige wirkliche Handlungsmotivation ist es, Böses zu tun“.

Also wird aus gekränktem Stolz Alienas Familie und Hofstaat gemetzelt, sie selbst vergewaltigt, ihr Bruder verstümmelt, die ganze grausame Palette halt. Alles, was wir vorhin schon mit Tom Builder auf seiner von Schicksalsschlägen gepeinigten Reise kannten, erleben wir jetzt nochmal aus der Sicht einer Frau. Bis sie auch in das Städtchen kommt, in dem gerade die Kathedrale gebaut wird (gefühlt auf Seite 400).

 

C: Jack

Wir lernen Jack eigentlich als kleinen Jungen und heruntergekommenen Wildfang kennen, der im Wald aufgewachsen ist. Er kommt mit seiner Mutter Ellen zu Tom Builder und damit zum „Kathedralen-Städtchen“. Und wir sehen Jack dabei zu, wie er wächst, wie er sich in Aliena verliebt, wie er von ihr eine Abfuhr bekommt, wie aus dem kleinen, verwahrlosten rothaarigen Quälgeist ein doch irgendwie anziehender, sympathischer und kluger junger Mann wird.
Wie er sein Glück findet und es wieder verliert. Und wie Jack auf einmal genau DIE Kathedrale baut, die Tom immer bauen wollte.

Es gab eine Zeit, da war ich mir sicher, dass Jack der Protagonist ist.

 

D: Kathedrale

Aber irgendwie hat es sich nie wirklich so angefühlt, als sei überhaupt irgendeine Person Protagonist dieses Romans.

Follett verwendet immerhin mehr Seiten auf die Umschreibung von Spitzbögen und Sandstein, von Kirchenschiffen und Dachgebälk, von Fensterverglasung und Baukunst, als auf irgendeine der handelnden Personen.

Irgendwann war ich der Überzeugung, die Kathedrale ist der Protagonist. Immerhin macht hier die Kathedrale auch die Heldenreise: Sie macht sich auf den Weg (Traum und Grundsteinlegung), wird zurückgeworfen (abgebrannt), sie überwindet das Hindernis und wächst weiter, wird wieder blockiert (Baustoff-Embargo), sie hat Höhen (viele Helfer) und Tiefen (Einstürze).

Und ich habe mich regelrecht darauf gefreut, dass diese blöde Kathedrale bald mal fertig ist, denn dann wäre mit Sicherheit auch das Buch zu Ende.

Weit gefehlt! Denn die Kathedrale ist irgendwann tatsächlich fertig, so auf der gefühlten Seite 1.000. Und ich frage mich, womit füllt Follett jetzt noch die restlichen 300 Seiten eines Buchs, das den Namen „Die Säulen der Erde“ trägt und von einer Kathedrale handelt?

 

Also, wenn Günter Jauch mir diese Frage stellen würde, ich müsste einen Joker einsetzen. Und es wurmt mich, denn ich liebe Charaktere. Gute wie Schlechte, Protagonisten wie Antagonisten.

Aber Die Säulen der Erde hat nicht nur das Problem, dass es nicht weiß, wer der Protagonist ist, sondern auch, dass seine Charaktere nicht ausreichend und falsch zur Geltung kommen. Sie sind nur gut oder nur böse, nur ehrbar oder nur gemein. Es gibt nichts dazwischen. Und vor allem: Es gibt zu wenig Zwischenmenschliches.

Es gibt eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen Jack und Aliena, die von diesem 1.300 Seiten Buch ungefähr 300 Seiten einnimmt (was mich in der Annahme bestärkt, dass die Kathedrale der Protagonist ist).

Warum? Warum so viel Potenzial verschenken? Warum sich mit den unwichtigen Dingen herumplagen, wenn es so viel Schönes, Interessantes über die Personen zu erzählen gibt?

 

Gut vs. Böse par exellence

Hier zitiere ich wieder den unbekannten Amazon-Autor, er möge es mir nachsehen. Aber ich könnte es nicht treffender beschreiben:

Weit schlimmer noch sind aber die Charaktere, die jene stereotype Mittelalter-Welt bevölkern. Deren Eindimensionalität ist kaum noch zu überbieten; es lohnt sich nicht einmal, über die Figuren im speziellen zu reden, da sie ohnehin nach vollkommen starren Mustern gefertigt sind: Es gibt die Guten und die Bösen, und dazwischen nur ein paar vertrottelte Nebenfiguren. Die Guten sind generell ihrer Zeit weit voraus, wichtig für Follett sind insbesondere „starke Frauen“, die wohl durch irgend ein Zeitloch aus der emanzipatorischen Frauenbewegung ins Mittelalter katapultiert wurden. Sie kämpfen also als Unverstandene, gewappnet mit allen Idealen der Aufklärung und Moderne, gegen eine unglaublich mittelalterliche Gegnerschar. Und diese Gegnerschar ist denn auch so böse wie nur irgend möglich. Ken Folletts Bösewichter sind schlimmer als Sauron, Darth Vader und Voldemort zusammen, sie kamen schon ultraböse auf die Welt und ihre einzige wirkliche Handlungsmotivation ist es, Böses zu tun und immer das genaue Gegenteil dessen zu wollen, was die Guten erreichen möchten. Keine der Figuren des Romas weicht dabei auch nur ein Jota von dem vorgegebenen Pfad ab, die Einteilung Gut-Böse zieht sich sogar bis ins Aussehen der Charaktere (insbesondere auf Seiten der Frauen). Ein wenig Ambivalenz beweisen lediglich ein paar Nebenfiguren, meist einflussreiche Machthaber, deren dramaturgischer Auftrag darin besteht, sich erst einmal von den Bösen einlullen und übers Ohr hauen zu lassen, bis sie endlich kapieren, wer denn die Guten sind. Die Figuren wirken letztlich allesamt Holzschnittartig, ihre Handlungsmotivation ist häufig nicht wirklich nachvollziehbar und auch die große Story um eine Verschwörung, die am Ende herauskommt, wirkt mehr als nur konstruiert.

 

Fazit

Trotz dieser kritischen Worte: Das Buch ist nicht schlecht!

Eigentlich nur die Charaktere, und dadurch ist die Handlung ein wenig lahm und ziellos (lässt man mal das gemeinsame Ziel aller, den Bau der Kathedrale, außen vor).

 

Aber ich habe in dem Buch unglaublich viel gelernt. Auch, wenn nicht alles davon realistisch sein mag und manches im Sinne der Dramaturgie (Story vor Logik) sicherlich schwarz-weiß gemalt wurde, hat Die Säulen der Erde durchaus den Titel „Historischer Roman“ verdient und mir sehr viel beigebracht, über den kirchlichen Glauben, über Architektur, über mittelalterlichen Handel.

Trotzdem würde ich das Buch kein zweites Mal lesen wollen. Denn für mich gehen nun einmal Charaktere über Geschichte. Und diese Charaktere sind nicht so gut gelungen wie andere Teile des Buchs.

 

Obwohl ich noch lange an Jack Builder Jackson denken werde. Interessante männliche Figuren müssen eben nicht immer strahlende Helden oder unnahbare Kämpfer sein.

 

Das Buch

Ich habe eine relativ neue Auflage als Taschenbuch gelesen. Die Säulen der Erde von Ken Follett ist im Bastei Lübbe Verlag erschienen und hat 1.295 Seiten.

ISBN-10: 3404118960
ISBN-13: 978-3404118960