Mein zweites Buch des Monats ist wieder ein historischer Roman, der eigentlich alles hat, was ich mag: Starke Frauen, Italien und die Pest. Trotzdem hat mich dieses 916 Seiten starke Werk von Charlotte Thomas einige Nerven gekostet.

Wer nichts zu erzählen hat, sollte sich aufs Schweigen beschränken

Ylana

 

Kleine Vorbemerkung:

In meinem Blog-Post über XXL-Bücher beziehe ich mich aus dramaturgischer und erzählerischer Sicht sehr konkret auf dieses Werk, sodass diese Rezension eher inhaltlich orientiert ist. Ich empfehle Liebhabern von Dramaturgie und Storytelling auch o.g. Post.

Außerdem gebe ich hier eine ausdrückliche Spoiler-Warnung, da ich zur Veranschaulichung Inhalt vorwegnehme. Allerdings gibt es an diesem Buch nichts, das man “spoilen (verderben)” könnte, weil sowieso schon Hopfen und Malz verloren sind.
Wer diese Rezension gelesen hat, sollte zur Genüge bekehrt sein, sich dieses Buch nicht zu kaufen.

 

Klappentext

Charlotte Thomas: Die Liebenden von San Marco (Taschebuch). (c)2009 Bastei Lübbe Verlag.

Charlotte Thomas: Die Liebenden von San Marco (Taschebuch). (c)2009 Bastei Lübbe Verlag.

Seide und Sünde, Schiffe und Schwerter – ein grandioser Bilderbogen der venezianischen Renaissance. Venedig im Jahre 1510. Am Tag ihrer Verlobung sieht Cintia, die Tochter eines reichen Seidenwebers, einen benommenen Mann vor ihrem Elternhaus liegen. Er will etwas sagen, doch man hält ihn für betrunken und lässt ihn fortschaffen. Niemand ahnt, dass er vor einer tödlichen Gefahr warnen wollte, die nun ihren Lauf nimmt: Die Pest bricht aus, und während die Seuche wütet, suchen Diebe und Mörder Cintias Familie heim. Cintia überlebt, doch raffgierige Verwandte wollen sich ihres Erbes bemächtigen. Um nicht alles zu verlieren, gibt es für Cintia nur einen Ausweg: die Ehe mit dem Schifssbauer Paolo. Aus der Vernunftehe wird wider Erwarten Leidenschaft, aber das Paar hat mächtige Feinde, die vor nichts zurückschrecken …

“Mitreißender Roman – unmöglich, ihn aus der Hand zu legen. Mehr davon!” (Frankfurter Stadtkurier)

 

Italien und Pesto, äh, Pest

Manch einer ist vielleicht bei meinem Einleitungssatz ins Stolpern geraten. Dinge, die ich liebe – die Pest? Morbider Voyeurismus? Vielleicht.
Die Pest ist eines der großen dunklen Themen in der Menschheitsgeschichte, die mich nach wie vor unheimlich fasziniert: Die damaligen noch sehr bescheidenen Lebensumstände, das mangelhafte medizinische Verständnis, die Heilpraktiken und Vorsorgemaßnahmen – das alles zeichnet für mich eine wahnsinnig dichte Atmosphäre, ohne, dass auch nur ein Wort darüber geschrieben wurde.

In diesem 916 Seiten-Wälzer wird die Pest allerdings eher stiefmütterlich behandelt. Geht es zunächst wie vom Klappentext versprochen nach der Einführung der Personen und ihrer Motive ziemlich schnell zur Sache, werden diesem faszinierenden Thema ganze – festhalten – 200 Seiten gewidmet (das ist nicht einmal ein Viertel).

Unglaublich, oder? Ich fühle mich als Leser schon ein wenig irregeführt, vor allem, wenn wir uns an den Klappentext erinnern, der zu 70 % die Pest behandelte.
Aber gut. Das Buch kann immer noch mit dem Trumpf Italien zur Rennaissance aufwarten. Ich kann mir nicht helfen, Italien gehört mein Herz (und zwar nicht erst seit Assassin’s Creed mit dem umwerfenden Ezio Auditore da Firenze daher kam).
Also weiter im Text …

 

Die Liebenden

“Um nicht alles zu verlieren, gibt es für Cintia nur einen Ausweg: Die Ehe mit dem Schiffsbauer Paolo. Aus der Vernunftehe wird wider Erwarten Leidenschaft.”
Alles klar, Cintia und Paolo sind unsere Liebenden von San Marco, coole Sache. Ich freu mich drauf.

Ich mag es, wie sie sich am Anfang mit Skepsis und auch gewisser Antipathie begegnen. Ich finde die Entwicklung von der Vernunftehe hin zur brennenden Leidenschaft in Ordnung. Nicht perfekt, feinfühlig oder mitreißend erzählt, aber in Ordnung.

Aber dann wieder – dieser Entwicklung und dieser Ehe, diesem offenbar wichtigsten Thema in diesem Buch (zumindest Buchtitel und Klappentext zufolge) – werden wieder ganze 250 Seiten gewidmet! Ich werde wahnsinnig!

So etwa auf Seite 450, also 250 Seiten nach Kennen- und Liebenlernen der beiden, wird nämlich Paolos Tod inszeniert und er nach Konstantinopel verschleppt, wo er Schiffe für den Orient bauen soll, während sein kleines Frauchen zu Hause Rotz und Wasser heult, ein Kind zur Welt bringt und – Einfallsreichtum Hoch 10 – “um nicht alles zu verlieren”, wieder den einzigen Ausweg einer Vernunftehe mit dem nächsten Herrn anfängt.

Und während sich das Buch 300 weitere Seiten lang wie Kaugummi zieht, weiß ich nicht, was ich langweiliger finde: Die Geschichte von Paolo im Orient, der der Non Plus Ultra Schiffsbauer wird, oder die Geschichte von Cintia daheim in Venedig, die die Non Plus Ultra Seidenweberin wird. Das freut mich ja wahnsinnig für die beiden, aber wo waren noch mal die versprochenen Liebenden? Soll ich als Leser tatsächlich 400 Seiten lang von 200 Seiten Liebesgeschichte zehren und hoffen, dass die beiden sich wieder finden?

 

Die Leidenden

Ich höre schon die Fans dieses Buchs: „Unsere armen Protagonisten müssen so viel durchmachen, das Schicksal meint es echt nicht leicht mit ihnen.“
Ganz ehrlich: Unsere Liebenden sind selbst schuld!

Die Geschichte schleppt sich also weiter dahin und verliert sich willkürlichen Nebenhandlungssträngen, die Bedrohungen schaffen wollen, wo keine da sind. Am Ende kennt man jeden Einwohner Venedigs samt seiner sexuellen Vorlieben und Stellung in der Gesellschaft, aber Cintia und Paolo bleiben auf der Strecke.

Dann – Stunden, nein, Tage später – Seite 700 – Paolo kommt zurück. Unsere Liebenden können also wieder das tun, was der Buchtitel für sie vorgesehen hat. Aber irgendwie wollen sie nicht so recht.
Diese zwei Bescheuerten verbringen lieber noch 100 weitere Seiten damit, sich anzuschweigen und aus dem Weg zu gehen, als sich vor Freude schluchzend in die Arme zu fallen. Und das, obwohl sich die Autorin im Vorfeld doch so viel Mühe gegeben hat, die brennende Leidenschaft und den herzzerreißenden Verlustschmerz erschöpfend zu skizzieren.

Entschuldigung, aber als sie sich am Ende dann doch mehr schlecht als recht zusammenraufen, habe ich auch keine Lust mehr.

 

Kritik

Danke für diese verschwendete Lebenszeit! Charlotte Thomas, du hast es geschafft, dass ich 900 Seiten gelesen habe und mich am Ende nicht einmal für die Protagonisten freue! Große Meisterleistung, so wenig Feingefühl haben auch nur wenige.

Allerdings sieht es bei einem Blick auf die Amazon-Bewertungen so aus, als stünde ich mit meiner Meinung alleine da. Alle Ausgaben werden mit durchschnittlich vier Sternen bewertet und beim Überfliegen lese ich euphorische Überschriften wie “Einzigartiger Historischer Leckerbissen” oder Lobpreisungen wie “Aus einem unbedarften und behüteten Mädchen wird eine Frau, die sich im Leben behauptet und zu schützen weiß, und aus einem bitteren und distanzierten Mann wird ein Mensch, der das Glück und seinen Platz im Leben findet.”

Herzlichen Glückwunsch, liebe Rezensentin, Sie haben soeben das Phänomen der Charakterentwicklung entdeckt!
Aber bloß, weil fehlende Charakterentwicklung ein schlechtes Buch ausmacht, macht eine vorhandene Charakterentwicklung noch lange kein gutes Buch aus. QED.

 

Das Buch

Wer tatsächlich noch der Meinung ist, dieses Buch unbedingt kaufen zu müssen:
Ich habe die Taschenbuchausgabe gelesen, herausgegeben von Bastei Lübbe. Das Buch hat 928 Seiten (inkl. Nachwort, Zeittafel und Glossar) und kostet um 9,99 €.

ISBN-10-Nummer: 3-404-16497-0
ISBN-13-Nummer: 978-3404164974