Pünktlich zur Weihnachtszeit stelle ich ein für mich völlig untypisches Genre vor: Zeitgenössische humoristische Literatur. Bring mir den Kopf vom Nikolaus von Simon Borowiak ist ein ganze 72 Seiten starkes Büchlein über den Heiligen Abend, besoffene Feen und depressive Rentiere.

Deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht

Sigismund von Radecki

 

Ich habe das Buch letztes Jahr zu Weihnachten von meiner Tante geschenkt bekommen. Leider bin ich gar kein Fan von zeitgenössischer Literatur und der durchschnittliche (deutsche) Humor trifft eher selten meinen Geschmack. Deswegen habe ich das Buch auch recht lang ignoriert, bis ich mir dann doch mal die 40 Minuten Zeit genommen habe.

Das ist mein Problem, nicht das der Comedians und dieses Büchleins, deswegen werde ich versuchen, so objektiv wie möglich zu bleiben.

 

Klappentext

Simon Borowiak: Bring mir den Kopf vom Nikolaus. (c)2010 Eichborn Verlag.

Simon Borowiak: Bring mir den Kopf vom Nikolaus. (c)2010 Eichborn Verlag.

Auch wenn die geliebte Bernadette sich für einen anderen entschieden hat, will sich unser Held die schönsten Stunden des Jahres nicht vermiesen lassen: den Weihnachtsabend. Der Baum ist geschmückt, die Fernsehkiste glüht vor und das erhabene Gefühl, die ganze Festtagsfreude für sich allein zu haben, zaubert ein honigkuchenpferdartiges Dauergrinsen in das Gesicht unseres Weihnachtsfans. Doch dann klingelt es und vor der Tür steht eine zierliche Weibsperson in schwarzen Leggins und grob gestricktem Pullover mit Zopfmuster, und neben ihr, ein bisschen schüchtern mit den Hufen scharrend: ein Rentier. “Um unseres lieben Heilands willen”, fragt die Frau keck, “dürfte ich mal ihr Klo benutzen?”, und noch während unser Held Frau und Rentier eintreten lässt, ahnt er, dass dieser Abend einen ganz besonderen Verlauf nehmen wird …

“Simon Borowiak schafft mit brillant-intelligentem Sprachwitz seinen ganz persönlichen Stil, der einen nicht mehr loslässt. Man bleibt an Sätzen hängen, die man einfach wieder und wieder lesen möchte, so schön, wahr und komisch sind sie.” (Buchkultur)

 

Funny …, not

Ich glaube, es gibt zwei Arten von Mensch. Diejenigen, die beim Lesen dieses Klappentexts sofort ein Grinsen auf die Lippen bekommen und sich unmittelbar in das humorvolle Leseabenteuer stürzen wollen, und diejenigen, die sich fragen, ob noch alles mit ihnen in Ordnung ist, wenn der Verlag das Werk offensichtlich für wichtig genug erachtet es zu verlegen, während man selbst das Buch eigentlich am liebsten mit einem unterdrückten Gähnen zurück ins Regal stellen würde.

Ich gehöre leider zu letzterer Sorte, und ich hoffe, dass ich dem Autor damit nicht allzu viel Unrecht tue.
Das Buch ist sehr schön geschrieben und der Humor wirkt nicht erzwungen oder aufgesetzt. Aber mehr als ein Schmunzeln hat er mir leider nicht abverlangt.
Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich beim Lesen nur höchst selten gelacht habe (ich sage das vorsichtshalber, weil ich mich eigentlich an kein einziges Mal erinnern kann).

 

Schöner Satzbau, besoffene Feen und depressive Rentiere

Eigentlich kann ich mich an so gut wie gar nichts mehr aus dem Buch erinnern und das ist in der Regel kein gutes Zeichen.
Wenn ein Buch überragend gut war, erinnere ich mich an Namen, Schauplätze, sogar bestimmte wörtliche Reden, Sätze oder Beschreibungen haargenau. Wenn ein Buch unterirdisch schlecht war, erinnere ich mich ebenfalls daran. In beiden Fällen verbinde ich das Buch mit einem Gefühl, mit einer Situation (Badewanne, Bahnfahrt, Bett) oder etwas anderem.
Dieses Buch verbinde ich bloß mit der Überraschung, als ich es unter dem Weihnachtsbaum vorzog, das Geschenkpapier abriss und stirnrunzelnd den Klappentext las.

Aber ich erinnere mich ziemlich genau an diese seltsame “Weibsperson”, die sich Weihnachtsfee nennt, aber eher wie eine obdachlose Legasthenikerin mit Alkoholproblem rüberkommt, und dieses seltsame “mit den Hufen scharrende” Rentier, das erst bloß depressiv in der Ecke steht und dann anfängt, sich durch die Weihnachtsdekoration unseres Ich-Erzählers zu futtern. Während die Fee den Rotwein leer säuft, versteht sich.

Ich vermute, das ist auch der Humor der Geschichte. Leider ist es nicht meiner. Aber gut, dass sich das Buch selbst nicht allzu ernst nimmt, das macht es dem Leser leichter, es auch nicht zu tun.

Die Fee und das Rentier haben auch eine in Ansätzen ganz amüsante Story, die ein wenig Licht in das ominöse Geschäft des Weihnachtsmanns bringt. Aber ich hab’s vergessen. Ob das jetzt mir leid tun muss, die ich immer noch alle Disney-Lieder in drei Sprachen mitsingen und den Herrn der Ringe in Original und LOTW-Persiflage synchronisieren kann, weiß ich nicht recht.

Aber ich erinnere mich auch daran, dass der Satzbau wirklich schön war. “Simon Borowiak schafft mit brillant-intelligentem Sprachwitz seinen ganz persönlichen Stil”, schreibt Buchkultur.
Das ist wahr, die Beschreibungen ließen mein Literatur- und insbesondere Autorenherz das ein oder andere Mal höher schlagen. Fast schon neidvoll bewundere ich, wie jedes noch so kleine Wörtlein so perfekt eingesetzt wurde und jeder Ausdruck die Stimmung untermalt.

Wenn da nicht noch das Problem mit dem Humor wäre … :/

 

Kritik

Wie immer habe ich für euch ein Auge auf die Amazon-Bewertungen geworfen und stelle zweierlei fest:

Erstens, dieses Buch ist recht unbekannt. Ganze 5 Rezensenten haben die Print-Ausgabe bewertet.

Zweitens, die allgemeine Meinung deckt sich mit meiner. Im Durchschnitt 3,5 Sterne. Die Berichte reichen von hoch-euphorisch ob solch brillanter Komik bis sichtlich enttäuscht durch nicht eingehaltene Versprechungen.

Am besten hat mir die 3-Sterne Rezension von Anette1809 gefallen: Das Buch ist kurzweilig und schnell gelesen, trifft aber nicht immer den Humor des Lesers. Die Moral von der Geschicht: “Wünschen will gelernt sein” und “Der Nikolaus ist kein guter Mann”.

 

Ich selbst würde das Buch kein zweites Mal lesen (wie gesagt, ich bin auch wirklich Teil der falschen Zielgruppe), aber ich denke, dass es sich hervorragend als kleines, freches Weihnachtsgeschenk eignet – speziell für diejenigen, denen Weihnachten zu gefühlsduselig und zu kitschig ist.
Wer so jemanden kennt oder selbst so jemand ist, der wird an diesem Buch seine Freude haben.

 

Das Buch

Das Büchlein erschien im Eichborn Verlag und ist nur als gebundene Version (oder Hörbuch) verfügbar.
Der Preis ist mit 9,95 Euro recht teuer für 73 Seiten, aber als kleines Weihnachtsgeschenk für Tante, Cousin, Nichte oder besten Freund hervorragend.

ISBN-10: 3-821-866-071
ISBN-13: 978-382-186-607 9