Kennst du diese Momente, wenn der Funke zwischen zwei Figuren so deutlich überspringt, dass es selbst der Typ in der letzten Reihe merkt; die beiden sich aber immer noch vehement dagegen wehren und haarsträubende Ausreden erfinden, um sich zu hassen, woraufhin sich das Buch gefühlte 300 Seiten verlängert, bis sie es endlich kapieren? Hier mein offener Brief an alle Liebenden: Steht dazu, dass ihr euch mögt!

Who do you think you’re kidding? He’s the Earth and heaven to you

Disney’s Hercules: I won’t say I’m in Love

 

Love Interest: I know you want me

Okay, sind wir mal ehrlich. Love Interests und Liebesbeziehungen haben es wirklich nicht leicht. Immerhin weiß jeder findige Leser und Zuschauer schon ab der ersten Minute, wer mit wem zusammen kommen wird – und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, in der es heißt: Warten auf das Happy End!

Ich sage es nicht zum ersten Mal, fast jede Geschichte lässt sich zusammenfassen mit „Boy meets Girl“. Es ist also für uns alle keine große Überraschung, wenn ER und SIE sich am Ende kriegen, egal, wie abwegig das im ersten Augenblick erscheinen mag und wie unterschiedlich sie auch sind. Rose Dewitt Bukater ist ein verwöhntes adliges Mädchen, Jack Dawson ein armer Landstreicher. Mr. Darcy ist der Inbegriff von Arroganz und Elizabeth Bennet eine selbstbewusste Frau. Himmel, Arielle ist eine Meerjungfrau und Prinz Erik ein Mensch. Trotzdem kriegen sie sich alle – und das wissen wir nicht bloß, weil wir das Plakat gesehen haben, bevor wir in den Film gegangen sind.

Und es macht uns Spaß, dabei zuzusehen, wie sie sich alle einander annähern. Mit ihnen zu leiden, zu schmachten und zu hoffen. Und wir sind dankbar für jede Fügung des Schicksals (oder des Plots), die uns noch ein wenig länger in dieser bittersüßen Ungewissheit festhält.

Eine unerfüllte Liebe erfüllt auch dramaturgisch einen hervorragenden Zweck, denn sie sorgt immer für genügend Spannung, dass es nicht langweilig wird. Also, Liebesbeziehungen, die nicht ganz rund laufen, sind gut. Gut fürs Gemüt, gut für den Plot, gut fürs Geschäft.

 

Ich will Happy End! Und ich will es jetzt!

Aber irgendwann ist jeder Bogen überspannt. Und dann können sich findige Autoren noch so viele Gründe einfallen lassen, warum SIE jetzt wieder IHN hassen sollte oder ER wieder sein Vertrauen in SIE verlieren sollte – für den längst aufgeklärten Leser, der die Figuren durchschaut hat, werden es alles bloß fadenscheinige Ausreden bleiben.

Irgendwann, nach vielen Aufs und Abs, Hochs und Tiefs, Glücksgefühlen und Enttäuschungen, weit im zweiten, dritten Akt, darf es keine Überraschungen mehr geben. Die Figuren kennen sich, wir kennen die Figuren, ER kennt SIE und wir kennen die beiden. Wem will man da noch was vormachen? Alles andere ist Verrat an den Figuren, Verrat an der aufgebauten Beziehung, Verrat am Leser.

Und wenn ich dann auf Seite 400 etwas in dieser Form lese (oder durch die Blume gesprochen lese), dann möchte ich schreien:

Ich weiß, wir kennen uns schon so lange, und ich liebe dich von ganzem Herzen. Aber du hast mir nie gesagt, dass du [insert invalid argument here]! Ich hasse dich!

 

Wirklich?! Das hat im ersten Akt funktioniert, das glaube ich vielleicht, wenn es gut ist, auch noch ein zweites und drittes Mal. Aber bei manchen Büchern habe ich das Verlangen, ein Megafon herauszuholen und die Figuren durch die Seiten hindurch anzufahren:

Entweder ihr zwei reißt euch jetzt zusammen und gesteht euch eure Liebe oder ihr könnt mich mal! Ich verschwende hier doch nicht meine Lebenszeit mit euch und ihr könnt euch nicht entscheiden! Was meint ihr zwei Extravaganz-Turteltäubchen eigentlich, wer ihr seid? Nehmt euch doch mal ein Beispiel an Romeo und Julia – die sind von Anfang an ineinander verliebt und geben es sogar zu, ohne groß Hü und Hott! (Gut, das ist nicht so schön für die beiden ausgegangen, aber hey, der Autor hat ausgesorgt!)
Oder an Bella und Edward – deren Liebesbeziehung hält ganze vier Bücher. (Abgesehen von diesem zweiten Teil, aber wir haben ja gesagt, einmal lassen wir durchgehen.)
Was glaubt ihr, warum Liebesgeschichten so viel Erfolg haben? Sicher nicht, weil sich die beiden 80% hassen, um sich dann 20% zu lieben.

 

At least out loud …

Im Ernst, liebe Liebenden. Wir Leser haben auch Gefühle. Wir weinen gerne mit euch, aber wir wollen uns auch mit euch freuen. Und wir brauchen positive Erlebnisse, um motiviert zu sein, eure Krisen gemeinsam mit euch durchzustehen. Sollen wir wirklich von den 10 Seiten Glück zehren, während ihr euch 300 Seiten wieder Schlammschlachten liefert? Das ist nicht gerecht.

Daher bitte, bitte! Gesteht euch eure Liebe doch früher ein. Nicht sofort, aber, sobald wir wissen, was Sache ist, und alle eure Freunde und Verwandten auch, solltet ihr auch langsam mal dahinter kommen. Ihr müsst es ja auch nicht gleich IHM (bzw. IHR) gestehen, und ihr müsst es auch nicht aussprechen – manchmal ist Hinhalten ja eine ganz gute Taktik. Aber tut nicht so, als wärt ihr nicht verliebt. Sonst fühle ich mich verarscht.

Also, wollen wir Freunde bleiben? ;)

Megara, Hercules (c)1997 Walt Disney (dramaturgia)

Megara, Hercules (c)1997 Walt Disney (dramaturgia)