Heute Nacht werden bei den 85. Academy Awards (Oscars 2013) Preise vergeben. Honoriert wird dabei die beste Leistung – aber ist es die der Filmschaffenden oder der PR-Agenturen?

Pressesprecher zu sein verlangt eine gewisse moralische Flexibilität

Nick Naylor, Thank you for Smoking

 

Heute Nacht wird zum 85. Mal mit den Oscars 2013 der begehrteste Filmpreis des Westens vergeben. Was für den Normalzuschauer ganz viel Promi-Talk, Who-Is-Who und Meet-and-Greet als Wettrennen um die beste filmische Leistung ist, ist im Hintergrund Politik und Lobbying vom Feinsten. Die beste Leistung wird in der Tat honoriert, allerdings nicht die der Regisseure und SchauspielerInnen, sondern die der PR-Agenturen und Werbebudgets.

 

Die Politik der Oscars

Christoph Waltz gewinnt 2010 den Oscar für den Besten Nebendarsteller.

Christoph Waltz gewinnt 2010 den Oscar für den Besten Nebendarsteller.

Spätestens, als im Jahr 2009 der indische Underdog-Film Slumdog Millionaire 8 von 10 Nominierungen in Preise umwandelte und dabei hochkarätige Konkurrenz wie Der seltsame Fall des Benjamin Button (13 Nominierungen), Milk (8), Frost/Nixon (5), Der Vorleser (5), The Dark Knight (8) und WALL-E (6) aus dem Rennen warf – erstere vier davon in der Kategorie „Bester Film“, da wusste man, dass hier nicht zwangsweise der beste Film als Bester Film ausgezeichnet wird.

Zwar mag man sich über unterschiedliche Geschmäcker und Präferenzen streiten, aber vor dem Hintergrund der makroökonomischen Filmindustrie erscheint es nur sinnvoll, dass Hollywood im Kampf gegen das immer stärker werdende Bollywood die Flucht nach vorn wagen musste und dem Konkurrent Respekt zollen, um sich weiterhin als ernstzunehmender und auch für Bollywood interessanter Gegenpol positionieren zu können.

Wie Spiegel Online in den letzten Tagen berichtet hat, geht die Politik der Oscars aber auch innerhalb der Ländergrenzen weiter:

 

Schlammschlachten vom Feinsten

Ausgeklügelte PR-Kampagnen scheinen zum Pflicht-Repertoire jedes Anwärters für einen Oscar zu gehören, egal ob es sich um den Besten Film, Besten Darsteller oder einen der Technik-Oscars handelt.

Taktik: Den Gegner im Vorfeld schlechtmachen.
Direkt nach Filmstart gehen die Schlammschlachten los. Dabei wurden in diesem Jahr unter anderem im Rennen um den Besten Film die Regisseure Kathryn Bigelow (Zero Dark Thirty) als Befürworterin der Waterboarding-Foltermethode, Steven Spielberg (Lincoln) als Geschichts-Pfuscher oder Quentin Tarantino (Django Unchained) als Rassist verleumdet.
Hardcore-Kritiker haben sich sogar die Mühe gemacht, das Wort “Nigger” in Django Unchained zu zählen und reduzieren Tarantino’s Film auf diese 110 Nennungen.

Effekt des Ganzen war, dass Kathryn Bigelow, die bereits 2010 in der Kategorie Bester Film mit The Hurt Locker (Tödliches Kommando) (mit Jeremy Renner in der Hauptrolle <3) ausgezeichnet worden ist, dieses Jahr wohl eher keine Aussicht auf einen erneuten Sieg hat, weil kein ausreichender Krisenplan zur Stelle war, um die Vorwürfe geradezubügeln.

 

PR-Pflichtprogramm

Man kann einen Oscar aber nicht nur gewinnen, indem man die Konkurrenz schlechtredet. Man kann ihn auch gewinnen, indem man sich selbst schönredet.
Pionierin in dieser Art von Oscar-PR war laut Spiegel die Schauspielerin Joan Crawford, die 1946 alle PR-Register zog und prompt mit dem Oscar als Beste Darstellerin geehrt wurde.

Zum Pflichtprogramm gehören demnach der Einkauf von Lobreden einflussreicher und bekannter Filmkritiker und -köpfe auf die eigene Leistung (möglichst nicht ghost-written), die Versendung von Exklusivmaterial und DVD-Exemplaren an alle Mitglieder der AMPAS (Academy of Motion Picture Arts and Sciences) sowie persönliche Besuche bei ausgewählten Persönlichkeiten.

Einer der erfolgreichsten Vermarkter der letzten Jahre ist der Produzent Harvey Weinstein, der 2010 mit The King’s Speech den Favoriten The Social Network ausstach und 2012 sogar mit dem eher belächelten französischen Arthouse-Film The Artist in allen Hauptkategorien punktete – seine Begründung für die Juroren: “Der Film ist eine Verbeugung vor Good Old Hollywood”.
Dieses Jahr schickt Weinstein Silver Linings Playbook (8), The Master (3) und Django Unchained (5) ins Rennen.
Allerdings räumt er seine Schuld dafür ein, dass Tarantino nicht als bester Regisseur nominiert worden sei, weil Weinstein sich geweigert hat den Film auf DVD zu versenden.

 

Fazit

Politik hin oder her, ein Oscar bleibt ein Qualitätsprädikat für Filme, Filmschaffende und Darsteller. Und die Verleihung selbst lohnt sich auch (in der Regel) aufgrund der tollen Moderation (2009 unvergleichlich durch Hugh Jackman realisiert), der vielen bekannten Gesichter, der hübschen Kleider und der (mehr oder weniger) emotionalen Reden.
Heute Nacht um 1:30 Uhr überträgt ProSieben die Verleihung der Oscars 2013 live – wer auf Filme und Seth MacFarlanes Humor steht (Family Guy, TED), sollte es sich anschauen.

Bis dahin empfehle ich euch hier den Ausschnitt aus der Golden Globes-Verleihung von Januar – für manche der Indikator für den späteren Oscar, mit sehr viel Witz und Charme moderiert von Tina Fey und Amy Poehler.

 Golden Globes 2013 Ausschnitt (Vimeo)