Ja, ich kritisiere die Kultserie, und ich sehe schon die Prison Break Fans mit dem Finger zucken, weil ich es wage Michael Scofield und seine genialen Pläne zu kritisieren. Zurecht? Lies selbst! ;-)

This is going wrong in every possible way

Michael Scofield, Prison Break

 

Oha, ein mutiger Beitragstitel! Für eine mutige Serie. Bist du mutig genug um weiterzulesen? Oder bist du ein so eingefleischter Prison Break-Fan, dass dein Finger schon zuckt, weil du meine Argumentation direkt nach dem Lesen zerstückeln wirst? Well: Find out! ;-) – Aber keine Sorge, es gibt ein Happy End.

 

Bevor du liest

Abo-Leser dieses Blogs wissen schon, wie ich in Sachen Charakter-Entwicklung und Storytelling ticke. Durchreisenden hier der kurze Abriss, damit wir auf einer Basis diskutieren können:

Ich stehe auf vielschichtige, authentische Figuren, die  sich mit der Story entwickeln und nachvollziehbar miteinander interagieren ohne konstruierte Probleme zu erfinden. Figuren, die nicht perfekt sind und auch gerne mal die Seiten wechseln oder nicht ganz klare Positionen haben dürfen. Ich gebe offen zu: Für mich sind Figuren wichtiger als die Geschichte.

Ich freue mich, wenn Geschichten auf meheren Ebenen funktionieren und ich habe großen Respekt davor, wenn Geschichten (und ihre Schöpfer) mutig sind und Handlungsstränge konsequent zum (mitunter sehr bitteren) Ende führen – Thema logische und natürliche Entwicklung. Und egal was, ich will eine Geschichte, keine Zusammenfassung.

Jetzt fragt ihr euch, warum habe ich also gleich fünf Gründe dafür, dass die erfolgreiche Fox-Serie Prison Break schlecht ist – gut, gut, ich gestehe: Nur in Teilen schlecht. Und nur am Anfang. Okay, eigentlich ist das hier der Auftakt für meine Verbeugung an Prison Break und sogar für meine Analyse, warum Michael Scofield trotzdem irgendwie sexy ist.

Aber erst muss ich kritisieren, in chronologischer Reihenfolge – weil man eine Geschichte ja meistens vorne anfängt und sich seine Meinung stückweise bildet ;-) :

 

(Ich glaube, es ist wohl nicht nötig zu warnen, dass man diesen Artikel nur lesen sollte, wenn man Prison Break mindestens schon bis zum Ende der zweiten Staffel gesehen hat?)

— Spoiler-Warnung —

 

1. Keine emotionale Bindung an die Figuren

  • [Pilot] „Toll, dass du deinen Bruder aus dem Gefängnis holen willst. Aber weder dein Bruder noch du interessiert mich.“

Ich gestehe: Bei der ersten Folge bin ich eingeschlafen. Ich musste sie nochmal gucken. Und wenn meine beste Freundin mir nicht dringend geraten hätte, weiter zu gucken, hätte ich wohl abgebrochen.

Wir beginnen im Tattoo-Studio bei einem Typen, dessen Geschichte die Tätowiererin erzählen muss (Hallo?! Erste Regel des Storytellings: Show, don’t tell!), und der danach seine schicke Penthouse-Wohnung leer räumt, eine Bank ausraubt (irgendwie), seine Anwältin ignoriert und sich freut, als das Urteil „5 Jahre Hochsicherheitsgefängnis“ lautet. Und dabei die ganze Zeit eine selbstgefällige Visage zur Schau stellt, der man am liebsten an die Gurgel gehen möchte.

Aber gut, weil die Serie „Prison Break“ heißt, muss der Typ wohl erstmal ins Gefängnis rein. Allerdings hätte ich gedacht, dass die Serie sich ein bisschen mehr Zeit damit lässt, diesen Handlungsstrang (-abschnitt) auszuspielen. (siehe Kritikpunkt #3 und 4). Aber gut, weiter.

Wir erfahren, dass unser selbstgefälliger Master-Brainer, Michael Scofield, zu meinem Leidwesen unser Protagonist ist. Und, dass er seinen kompletten Oberkörper tätowiert, sein High-Class-Leben aufgibt und freiwillig ins Gefängnis geht, um seinen Bruder, der im selben Gefängnis sitzt, vor der Todesstrafe zu retten.

Warum?! Wer ist dieser Bruder? Ich kenne ihn nicht und das bisschen, was ich von ihm sehe, finde ich nicht einmal spannend genug, um mich überhaupt mit ihm zu befassen?!
Von diesem stummen Harvard-Typen, der ins Gefängnis kommt und alle mit seinem schieren Intellekt niederstarren will einmal ganz zu schweigen.

 

 2. Keine Fallhöhe

  • „Oh, ein Hindernis … Keine Sorge, Michael „Mastermind“ „Blue Stare“ Scofield hat schon nen Plan dafür. Oder sein Tattoo hat einen.“

Wir verfolgen also weiter, wie (und vor allem warum?) dieser unysmpathische Scofield seinen ebenso unsympathischen Bruder aus dem Gefängnis befreien will. Aber hier beginnt die Sache, einen großen Haken zu haben, der auch den Machern aufgefallen ist: Michael Scofield ist übermächtig. Er wird so intelligent, so überlegen eingeführt, dass wir uns überhaupt keine Sorgen machen, dass sein Plan (oder der Plan für Plan B) nicht funktionieren könnte.

Um es mit Lincolns Worten zu sagen (Staffel 2):

„You don’t even take a piss without a plan!“

Und deswegen fiebern wir (leider) nicht mit, selbst wenn eine Situation mal brenzlig wird. Denn wir wissen, Michael (oder sein Tattoo) wird es schon irgendwie fixen. Das ist schade. Aber hey, wenigstens fühlen wir uns alle dabei klug, denn dieser selbstgefällige Mistkerl erklärt es ja immer schön:

 

3. Nackte Plot Points statt Story

  • [Staffel 1] „Ich weiß sowieso schon wie es endet. Also können wir eure Pseudo-Probleme nicht einfach überspringen und mit der Geschichte weitermachen?“

Als direkte Folge an Problem #2 schließt sich das Storytelling an. Ich nenne es kopflastig.

Prison Break erzählt eine gute Geschichte, eine großartige, durchdachte Geschichte. Aber es erzählt sie mit dem Kopf und nicht mit dem Herz. Es lässt seine Figuren nicht leben und interagieren (siehe #5), sondern hetzt sie von Plot Point zu Plot Point. Und zwar so mechanisch und abrupt, dass es einfach nur schade ist. So viel Potenzial geht verloren, weil so viel Zeit damit verbracht wird, Michael eine Schwäche zu geben (hauptsächlich in der ersten Staffel, denn ab der zweiten funktionieren seine Selbstzweifel „Was überwiegt? Die guten oder die schlechten Taten“ sehr gut) und immer wieder Hindernisse einzubauen, die die Truppe zurückwerfen. Das ist grundsätzlich okay!

Aber wenn innerhalb von einer Folge Fernando Sucres Verrücktheit nach Maricruz etabliert wird, wegen der er unbedingt mit ausbrechen will, er aber in derselben Folge kalte Füße kriegt und sich in eine andere Zelle verlegen lässt, nur damit er zwanzig Minuten (Serien-Zeit) später erfährt, dass sie einen anderen heiraten wird, um sich wieder ins Team voten zu lassen und als Scofield’s Best Buddy zurückkehrt – dann ist mir das einfach zu wenig Screen Time für zu viel Entwicklung.

Ich hoffe, du verstehst, was ich hier meine. Es  geht nicht darum, dass die Story schlecht ist, denn sie ist gut. Es geht darum, dass die Story zu schnell, zu emotionslos und zu linear erzählt wird. Sie orientiert sich immer nur an den Plot Points – wie ein Busfahrer an den Haltestellen. Aber nie an den Charakteren, die, wenn man sie lassen würde, wunderbare Entwicklungen in die Story bringen würden (und trotzdem zu denselben Haltestellen kommen würden!). Ehrlich, ich meine es nur gut! Friends again?

 

4. Schlechtes Storytelling und Timing

  • „[ab Mitte Staffel 1]: WIE GUT IST DAS DENN?! UND DAMIT KOMMT IHR JETZT ERST?“

So! Hier kommen wir langsam an den Punkt, an dem ich beginne die Serie zu lieben. Und zwar exakt in Folge 1.16 „Brother’s Keeper“. (16 Folgen musste ich mich durchkämpfen!) Und hier geschehen gleich zwei wundersame Dinge:

1. DIE FIGUREN WERDEN LEBENDIG: 16 Folgen lang sehen wir diesen Gefangenen zu, ohne richtig warm mit ihnen zu werden. Wir haben uns halt an sie gewöhnt. Aber in unser Herz geschlossen haben wir sie noch nicht. (Außer T-Bag, der von Anfang an der konsistenteste, ausgearbeitetste Charakter von allen war – und bis zum Ende bleibt. Er ist großartig :D).

Lincoln übrigens habe ich in Folge 1.06 „Riots, Drills and the Devil“ lieben gelernt, als er – damals noch der finstere, bullige Typ, der entgegen aller Behauptungen wohl anscheinend doch den Vizepräsidentinnen-Bruder getötet hat – den ängstlichen Wärter Bob Hudson belehrt (sinngemäß): „Hör auf, dich dauernd zu entschuldigen. Das lässt dich schwach aussehen.“ und ihn danach vor T-Bag und seinen Jungs beschützt. Jetzt hat der Charakter Tiefe, jetzt will ich, dass Scofield ihn raus holt! (Aber eben auch 6 Folgen zu spät …)
Und spätestens mit dieser Folge (1.16) sind auch alle anderen Figuren lebendig, haben eine Vergangenheit und eine Zukunft. Und ein Ziel und ein Need. Und mein Dramaturgie-Herz ist glücklich.

2. SARA UND MICHAEL: Schon in Folge 1.10 „Sleight of Hand“ (Saras Geburtstag) war ich ganz fasziniert von der liebevollen, sanften, manchmal scheuen Dynamik zwischen den beiden – wunderbar gecastet. Und ich freue mich richtig darauf, dieser zart erblühenden Liebesbeziehung weiter zuzusehen.

MICHAEL: You kept it.

SARA: Kept what?

MICHAEL: The flower.

SARA: Well, I’m a packrat. I never throw anything out.

MICHAEL [looks around the spotless infirmary]: Yeah, well this clutter. It’s … overwhelming.

SARA: You should see my appartment.

MICHAEL: We haven’t even had our first date yet and you’re already inviting me in. I thought you were a nice girl.

SARA: Oh Michael, we all know nice girls finish last. [motions for Michael to lift up his shirt]

MICHAEL: So, where do you finish?

SARA: Depends on where I start. Deep breath. [uses stethoscope to listen to Michael’s heartbeat and looks up to him. Michael gives her the blue steel and forgets to continue breathing deeply.]

Prison Break, you got me! Aber warum, verdammt, hat es so lange gedauert? Warum ist eure Erzählweise so kopflastig und lässt solchen emotionalen Episoden erst im letzten Drittel der Staffel Raum?

In der zweiten Staffel lasst ihr euch viel mehr Zeit mit den Plot Points, lasst Zuschauer und Figuren sie verarbeiten. Das ist gut, großartig sogar. Aber auch dort balle ich immer wieder die Fäuste, weil manche Events einfach so plot-getrieben sind. Was mich zum nächsten (und letzten) Kritikpunkt bringt.

 

5. Figuren ohne Beziehungen und gleichgeschaltete Antagonisten

  • [hpts. Staffel 2] „Wer bist du denn jetzt, wo kommst du her und warum haben deine Handlungen keine Konsequenzen?“

1. DAS CAST: Enter William Fichtner (Agent Alexander Mahone). Awesome! Von dessen Acting können sich einige aus dem Cast eine große Scheibe abschneiden: Natürlich, von innen heraus, lebendig.

Während ich mich mit der Zeit an Wentworth Millers „Blue Steel Stare“ (kein Witz, das hab ich nicht erfunden) gewöhnt, ja es sogar irgendwie zu mögen gelernt habe, und auf wundersame Weise Paul Adelsteins (Secret Service Agent Paul Kellerman) Acting seit seinem Überlauf zu den Brüdern (Folge 2.13 „The Killing Box“) einfach mal zehn Level übersprungen hat (in Staffel 1 hatte er definitiv den Titel „Worst Actor“), ist dieser Titel in Staffel 2 ohne Konkurrenz an den chronisch sinnlos lächelnden Asiaten Bill Kim (Reggie Lee) gegangen.
Ehrlich, das hat nichts mit Hass auf die Figur zu tun, ich nehme die Figur nicht einmal ernst, weil ich Anfälle kriege, sobald ich nur diese Visage sehe. Wer hat den bitte gecastet? Und was sind das für dämliche Regie-Anweisungen? „Vergiss nicht zu lächeln, Kim!“ ?

Aber das hat nur indirekt etwas mit meinem Kritikpunkt zu tun:

2. FIGUREN HABEN KEINE BEZIEHUNG ZUEINANDER. Klar, jetzt sagst du: Moment! Haben sie wohl. Aber hier spreche ich nicht von Lincoln und Michael, von Michael und Sara, von Mahone und Michael. Sondern von all dem Rest. Wäre die Serie das echte Leben (und die Figuren sind durchaus so angelegt), dann hätte ausnahmslos jede Figur zu jeder anderen Figur, mit der sie je in näheren Kontakt genommen ist, eine Beziehung und würde auf diese reagieren, wenn sie im Raum steht. Bei Prison Break ist das nicht der Fall. Beispiel gefällig? Gerne!

  • Lincoln. Hat so ziemlich zu niemandem eine Beziehung, obwohl er so ziemlich mit allen Figuren verknüpft ist. Michael und Sara im selben Raum: Linc steht nur rum. Michael und Kellerman streiten sich: Linc geht dazwischen, steht dann wieder rum. Hey, sogar während die „Fox River 8“ ihren Tunnel graben, „funktioniert“ er nur, ohne wirklich Beziehungen aufzubauen. Lincoln hat leider die undankbare Rolle, nur Katalysator für Michael zu sein. Das ist dramaturgisch leider schlecht.
  • Sara versucht Kellerman im Zug zu erdrosseln. Lincoln und Michael gehen dazwischen. Danach verliert niemand mehr ein Wort darüber, ja, Michael lässt sogar zuerst sie und wenig später ihn durch dieselbe Tür zur Toilette gehen! (Die Beziehung geht nur zwischen Sara und Kellerman weiter).
  • Nach Beschaffung des USB-Sticks mit der Message knallt Sara die Autotür zu, bevor Kellerman einsteigen kann, das Auto fährt los. Keiner der Brüder reagiert auch nur darauf?!

Die Liste könnte beliebig erweitert werden, weil nur einzelne Figuren wirkliche Beziehungen zueinander haben – und weil die meisten Beziehungen kurzfristig nur auf den jeweiligen Plot Point ausgelegt sind (vgl. #3) und danach wieder verschwinden (wie fruchtbar wäre diese kurze Zwischensequenz gewesen, die eine Beinahe-Beziehung von Veronica und Michael angedeutet hat? – Wird nie wieder thematisiert. Da Fuq!)

 

3. ANTAGONISTEN TEILEN SICH EIN GEHIRN. Letzter Kritikpunkt, versprochen. Staffel 2. Enter Agent Mahone. AWESOME! Ein Antagonist, wie er im Buche steht. Ein Charakter, den man respektieren kann. Ein Gegenspieler, der Michael würdig ist. Ich freue mich (und ärgere mich gleichermaßen), dass er Michaels Pläne Schritt für Schritt nachvollziehen kann und ihm auf die Schliche kommt. Genial.

Aber wieso stehen dann plötzlich auch alle anderen Antagonisten mit auf der Matte? Zu Beginn der Staffel haben wir vier verschiedene Organisationen: FBI (Mahone), Secret Service / President (Kellerman), teilweise verbunden mit der Company (Bill Kim) und die Gefängniswärter (Bellick). Die lokalen Polizeistationen mal außen vor, denn die sind für die Serie ja immer nur interessant und werden „reaktiviert“, wenn sie für Plot Points gebraucht werden.

Zu Beginn, bevor sie anfangen sich abzusprechen und einander zu erpressen und einzuspannen, sind das vier getrennte Köpfe mit vier eigenen Gehirnen. Aber dauernd habe ich das Gefühl, ich spiele das Brettspiel „Auf der Jagd nach Mr. X“ mit vier Polizisten auf dem Feld, deren Karten aber alle von demselben (Gegen-)Spieler gehalten werden. Ich kann mir vorstellen, dass das die „omnipräsente Bedrohung der Flüchtlinge von allen Seiten“ darstellen soll – aber schön für die Story und die Figuren wäre es trotzdem, wenn sie alle ihre eigenen Köpfe, somit auch ihre eigenen Ziele und ihren eigenen Wissensstand hätten. Dann würden sich auch mehr solcher Situationen wie Kellerman vs. Burrows/Scofield vs. Mahone ergeben, in denen keiner der drei weiß, wer auf welcher Seite steht.

Klar soweit?

 

 

So! That being said: I love Prison Break!

Und bald gibt es hier auch den Dramaturgia-Check, warum :)
(Ja, da kannst du ruhig grinsen, Scofield. Dein Plan hat funktioniert!)