The Witcher 3: Wild Hunt ist da! Bevor ich mich auf unbestimmte Dauer in die Welt des Hexers verabschiede, hier noch eine Liebeserklärung an Andrzej Sapkowski, Geralt von Riva und CD Project RED— Spoilerfrei! —

Ein Hexer! Versteckt die Frauen!

(The Witcher)

 

Dass du diesen Artikel liest, hat vermutlich einen von zwei Gründen:
Erstens: Du bist absoluter Witcher-Fanatiker und klickst wild auf jeden Link, den Google und deine sozialen Netzwerke zu dem Thema ausspucken. (Aber dann bist du vermutlich auch erst einmal die nächsten Wochen durchgehend im Tunnel …)
Zweitens: Du stalkst meinen Blog regelmäßig (Fettes Küsschen dafür!!! ^^) und bist also insgesamt Fans von packenden Geschichten, lebendigen Figuren und dichter Atmosphäre begeistert.

In jedem der beiden Fälle solltest du definitiv das größte Kulturgut Polens unter die Lupe nehmen (kein Witz, der polnische Premierminister hat US-Präsident Barack Obama eine Kopie von The Witcher 2 geschenkt zur Erinnerung an polnische künstlerische Wertschöpfung) – die Videospielreihe The Witcher von CD Project RED, basierend auf der gleichnamigen Dark Fantasy-Romanreihe des „Hexer-Zyklus“ von Andrzej Sapkowski, das dem Hexer Geralt von Riva in einer düsteren, korrupten und gesellschaftlich zerrütteten Welt voller bestialischer Menschen und menschlichen Bestien folgt.

Hier fünf Gründe für The Witcher (sowohl als Roman als auch, insbesondere, als Videospiel, von dem heute mit Wild Hunt der dritte Teil erschienen ist):

 

1. Atemberaubendes Fantasy-Rollenspiel Erlebnis

Als der erste Teil von The Witcher im Jahr 2007 herauskam, brachte er ein bahnbrechendes Rollenspiel-Erlebnis mit sich. Nicht nur als eines der ersten Videospiele mit dynamischem Wetter und Tag/Nacht-Wechsel (und Bewohnern, die darauf reagiert haben, sich beispielsweise bei Regen fluchend unterstellen oder bei Dämmerung in ihre Häuser zurückkehren).

Sondern auch mit einem völlig neuen, dynamischen Kampfsystem abseits vom „Hack & Slay“-Klickwahn oder rundenbasierten D&D-Strategiekampf: Weil Hexer professionelle Monster-Schlächter sind, hat der Spieler nicht nur die Wahl zwischen zwei Schwertern (Silber für Monster, Stahl für Menschen), sondern auch zwischen drei unterschiedlichen Kampfstilen: ‚Schnell‘ für flinke Gegner, ‚Langsam‘ für schwerfällige Gegner und ‚Gruppe‘ für – natürlich – mehrere Gegner. Mit aufwändig (und wunderschön anzusehen) choreografierten Kampfabfolgen erreicht man durch geschicktes und vor allem zeitlich abgestimmtes Klicken Kombinationen, die nicht nur dem Kampffortschritt frönen, sondern vor allem das ästhetische Auge beglücken.

Daneben bietet das Spiel eine so dichte, lebendige und authentische Atmosphäre, dass man beinahe glaubt, den Duft von frischem Heu oder die Asche auf dem Schlachtfeld riechen zu können.
NPC Figuren, die auf einen reagieren und sich auch je nach unserem Verhalten und unseren Entscheidungen ändern – oder gar sterben. Städte mit beengten Gassen voller Ratten, Unrat und zwielichtiger Gestalten, um die man besser einen großen Bogen macht (esseidenn man ist ein Hexer und lebt von so etwas ;-)). Sonenndurchflutete Kornfelder mit arbeitenden Bauern, Gänse jagenden Kindern und verlegen kichernden Mädchen mit Blumenkranz im Haar.

Einfach: Eine so schaurig-schöne, beklemmend-befreiende, vertraut-befremdliche Welt, dass man gar nicht genug davon erkunden kann.

The Witcher 3 Wild Hunt: Novigrad Hafen (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Novigrad Hafen (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

The Witcher 3 Wild Hunt: Concept Art (c)CD Project RED (dramaturgia)

 

 

2. Ambivalente Figuren mit Tiefe und Charakter

The Witcher (und auch bereits die Romanvorlage) ist voll von absolut menschlichen Figuren – mit all ihren hellen und dunklen Seiten, mit ihren Ängsten, Hoffnungen, Leidenschaften und Hassgefühlen. Die fiktive Welt ist geprägt von einer zerrütteten Gesellschaft aus Menschen, Elfen, Zwergen und anderen Geschöpfen am Rande des öffentlichen Wohlmeinens. Eine Zweiklassengesellschaft, in der keiner dem anderen die Butter auf dem Brot gönnt und jeder die anderen (meist die ohnehin Ausgestoßenen) für seine eigene Misere verantwortlich macht.

Hexer selbst (eigentlich ein missverständlicher Ausdruck, denn der Gebrauch von Magie steht ihnen nur sehr begrenzt zur Verfügung, vielmehr zeichnen sie sich durch übermenschliche Stärke und Immunität gegenüber gefährlichen Ingredenzien aus, indem sie schon als Kinder gezielt trainiert und mit Giften quasi zu Mutanten gezüchtet wurden) sind ebenfalls solche Ausgestoßene und gleichsam Sinnbild für die bigotte Gesellschaft: Man verabscheut sie, aber um den Ghul im Keller oder die Moorleichen im Wald zu töten, sind sie gerade recht und sogar Geld wert.

Im gesamtem Hexer-Universum gibt es keine einzige Figur, die stereotyp oder eindimensional ist. Keinen abgrundtief bösen Herrscher, keine unschuldig fromme Jungfrau. Ja, es gibt noch nicht einmal typisch „schöne“ oder „hässliche“ Figuren. Selbst die schönen Zauberinnen (in Sapkowskis Welt übrigens Frauen mit magischen Fähigkeiten, die aber gerade dafür häufig nicht mit Schönheit gesegnet sind und darum wieder Zauberkraft anwenden (müssen), um sich selbst „optisch aufzuwerten“) wie Triss Merigold haben deutlich sichtbare Pockennarben. Selbst die schöne Königstochter Ciri entstellt eine Narbe im Gesicht.

Triss Merigold (The Witcher) (c)CD Project RED (dramaturgia)

Triss Merigold (The Witcher) (c)CD Project RED (dramaturgia)

Ciri (The Witcher) (c)CD Project RED (dramaturgia)

Ciri (The Witcher) (c)CD Project RED (dramaturgia)

Kurz: Jeder Geschichtenschreiber sollte sich eine Scheibe von Sapkowskis (und CD Project RED’s, for that matter!) Figuren abschneiden. Und jeder, der Figuren und Geschichten liebt, sollte sie einmal erleben.

 

3. Harte Entscheidungen jenseits von Gut und Böse

Eben diesen vielschichtigen Figuren ist es zum Teil geschuldet, dass man in The Witcher (wie auch Geralt im Buch) sehr harte und sehr konsequenzreiche Entscheidungen treffen muss. Ähnlich wie auch in EA’s Dragon Age oder Mass Effect geht es hierbei nicht nur um ein paar ausbügelbare Ansehenspunkte rauf oder runter – oder um die verpasste Chance auf ein erotisches Abenteuer – sondern gut und gerne auch mal um Leben oder Sterben einer wichtigen Nebenfigur, vielleicht sogar eines Stammes oder einer ganzen Stadt.

Was diese Welt und irgendwie auch Geralts Schicksal dabei immer auszeichnet: Es gibt keine „richtige“ Entscheidung. Es gibt immer nur das kleinere Übel. Und selbst das entpuppt sich oft zwei Akte später als fatale Fehlentscheidung. Letztendlich entscheidet oft ein Gefühl oder auch nur eine Laune für uns:

Was soll man von dir halten – ein Hexer, der jeden zweiten Tag ein einträgliches Angebot ausschlägt? Die Hirikka tötest du nicht, weil die am Aussterben sind, den Streitling nicht, weil er unschädlich ist, die Nächtin nicht, weil sie nett ist, den Drachen nicht, weil’s der Kodex verbietet …

 

4. Herzblut und Hingabe bis ins kleinste Detail

CD Project RED ist ein vergleichsweise kleines und vergleichsweise unabhängiges Entwicklerstudio in und aus Polen. Entsprechend stark emotional sind sie an ihr „Baby“ gebunden, und das spürt man in allem, was sie tun – von der Kommunikation auf Facebook über die Give-Aways auf der Gamescom bis zur liebevollen Bestückung ihrer Spieleboxen.

(An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich für diesen Blog-Artikel kein Geld oder anderweitiges Sponsoring von CD Project RED bekommen habe, sondern ihn aus tiefstem Herzen als loyaler Fan schreibe, der ebenso verliebt in dieses Produkt ist wie die Entwickler selbst.)

Aber was soll man auch anderes sagen, wenn man morgens sein Postpaket öffnet und DAS ALLES HIER findet? Die handbemalte, ungewöhnlich große Statue von Geralt und einem Greifen. Das detailgetreue Hexer-Medaillon. Der Soundtrack! Das Artbook – SO DICK! Das Special Edition Steelbook mit exklusivem Art Design! Und mein absoluter Favorit: Die Unterschriften der Entwickler auf dem Karton, wie cool ist das denn bitte? CD Project RED, ihr seid die Größten!

The Witcher 3: Wild Hunt (Collector's Edition) (dramaturgia)

The Witcher 3: Wild Hunt (Collector’s Edition) (dramaturgia)

The Witcher 3: Wild Hunt (Collector's Edition) (dramaturgia)

The Witcher 3: Wild Hunt (Collector’s Edition) (dramaturgia)

The Witcher 3: Wild Hunt (Collector's Edition) (dramaturgia)

The Witcher 3: Wild Hunt (Collector’s Edition) (dramaturgia)

Ganz abgesehen übrigens davon, dass hier ein Spiel mit mehr als 100 Stunden Spielzeit und kostenlosen DLCs daher kommt, in das so viel Liebe und Arbeit gesteckt wurde, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

 

5. *CENSORED*

Hm, ja, okay! So ganz unbedeutend ist die erotische Komponente in The Witcher auch nicht. Im ersten Teil war es für mich integraler Bestandteil, alle Sex-Karten zu sammeln und im zweiten Teil war ein großer Teil meiner emotionalen Bindung an Geralts Love Interest dieser Sexualität geschuldet.

 

Aber auch abgesehen davon gehört Sexualität ganz einfach zu einer Gesellschaft dazu, und ich habe das Gefühl, je tiefer man in den Untergrund kommt, desto offensichtlicher und roher wird sie. Das ist in der Welt des Hexers nicht anders als in unserer. Aber das Tolle daran ist: Die Figuren leben damit und sie werden davon beeinflusst. Das zeigt, wie gut die Dynamik dieser fiktiven Welt funktioniert.

Und – ganz nebenbei – macht es wirklich Spaß und ist ein nicht zu verachtender Anreiz. Ganz, wie „Clueless Gamer“ und Anti-Videospieler Conan O’Brien sehr schnell selbst erkennt:

Yennefer?! That’s not a name. It’s Jennifer, we’re in America. […] Okayyy … If she’s naked, I’ll call her whatever she wants.“

 

Fazit

Geh los und spiel The Witcher, The Witcher 2: Assassins of Kings und The Witcher 3: Wild Hunt! Ich bin jetzt erstmal raus. Falls du also längere Zeit nichts mehr von mir hörst: du weißt warum ;-)