William Shakespeare und G.R.R. Martin tun es dauernd: Hier erkläre ich einen Kniff, der Geschichten wie Titanic oder Romeo & Julia unvergesslich macht: Ein Protagonist stirbt. Fünf Gründe, warum Figuren sterben können, sollen und dürfen.

You will stay in my heart and my heart will go on

(Celine Dion, My Heart will go on)

 

1. Dramatisch kommt von Drama

Die griechische Ur-Bedeutung von „Drama“ bedeutet eigentlich schlicht „Handlung“ und beschreibt zunächst jede Art der Erzählung. Allerdings verwenden wir heute den Begriff „Drama“ häufig synonym mit der „Tragödie“, einer traurigen und/oder konfliktreichen Erzählung.

Was ist denn dramatischer als der Tod einer liebgewonnenen Figur, sei es Albus Dumbledore oder Jack Dawson? Ist das nicht Erzählung in ihrer reinsten und vollkommensten Art und Weise? Sind es nicht gerade die Geschichten, die kein gutes Ende nehmen, die uns zutiefst berühren, die uns noch lange über das Film- oder Leseerlebnis hinaus begleiten?

 

Manche Leute sagen: „Happy End ist das Wahre! Denn am Ende wird alles gut. Und ist es noch nicht gut, ist es noch nicht das Ende.“
Und, obwohl ich hoffnungslos romantisch bin, sage ich: „Es gibt kein Happy End. Denn eine Geschichte mit glücklichem Ende ist einfach noch nicht zu Ende erzählt.“

Nach so vielen Traumhochzeiten kommt die Scheidung, nach dem Sieg irgendwann eine Niederlage. Nach dem Hoch kommt unweigerlich ein Tief.
Ich bin der Meinung, eine Geschichte ist erst dann perfekt, wenn sie zu Ende erzählt ist. Und, weil nichts endgültiger ist als der Tod, ist er da nicht ein hervorragendes Ende?

 

2. Tränen sind der stärkste Ausdruck von Gefühlen

Wir sehen Filme und lesen Bücher, um unsere Gedanken auf Reisen zu schicken, um uns durch Gefühlslagen zu tragen. Lesen ist Träumen durch fremde Hand. Himmelschreiendes Unrecht an unseren geliebten Figuren bringt uns vor Wut zum Kochen, allumfassende Liebe oder unumstößliche Hoffnung in dunkelster Stunde lässt unser Herz vor Freude überquillen.

Geschichten machen uns glücklich und traurig, sie bringen uns zum Lachen – oder eben zum Weinen. Wir weinen vor Schmerz und Trauer, aber manchmal auch vor Freude. Wir können auch vor Lachen weinen, oder bei körperlichen Schmerzen. Ich weine manchmal vor Erschöpfung, oder vor Frustration. Manchmal weine ich auch, wenn ich mich an etwas erinnere, Schönes wie Trauriges gleichermaßen.

Ich glaube, dass wir weinen, wenn unser Körper und unsere Seele kein anderes Ventil mehr findet, um unsere Emotionen auszudrücken. Wir weinen, wenn die größtmögliche Fülle an Gefühlen auf einmal erreicht ist. Wenn es also jemand oder etwas, ein Film, ein Buch oder auch eine Melodie, schafft, uns zum Weinen zu bringen, dann ist das etwas ganz Besonderes. Denn dann berührt uns dieses Etwas zutiefst.

 

3. Unsterblich im Tod

— Achtung: Spoiler möglich —

Jack Dawson. Sirius Black. Maximus Decimus. Boromir. Bambis Mutter. Mufasa. Eddard Stark. William WallaceCapt. Danny Walker. Bené. Rachel Dawes. Harry Stamper. Marion Crane.

Ich könnte ewig so weiter machen. Alle diese Figuren sind gestorben. Und wir werden sie trotzdem – und gerade deswegen – für immer in Erinnerung behalten.
Der Tod kann einer Figur so viel mehr Leben einhauchen, der Tod kann sie unsterblich machen.

Kann denn irgendetwas noch mehr Emotionen wecken? Ich denke noch heute daran, wie Josh Hartnett seinen besten Freund Ben Affleck bittet, Danny nicht mit drei N auf seinem Grabstein zu schreiben. Ich sehe immer noch, wie Boromir den Knauf seines Schwerts umfasst und Aragorn schwört, dass er ihm überall hingefolgt wäre. Mein Bruder. Mein König.

 

4. Kein nerviges Sequel

Jetzt wird manch einer erstmal lachen. Aber stell dir doch mal vor, was James Cameron veranstaltet hätte, wenn Jack überlebt hätte!

Andersherum: Wenn Jack Sparrow und Will Turner am Ende von Teil 1 gestorben wären, würden wir Fluch der Karibik als den grandiosen Film in Erinnerung behalten, der er ist – und müssten uns nicht mit der Abwärtsspirale von Sequel 2-x herumschlagen.

Seltsamerweise funktioniert das jedoch weder bei Saw noch bei Game of Thrones

 

5. Game of Thrones

… womit wir beim letzten Punkt wären – meiner großen Hassliebe in Bild und Prosa. Als Zuschauer finde ich es zwar nicht toll, dass Mufasa, Boromir und Maximus Decimus sterben, aber als Geschichten-Liebhaberin und nicht zuletzt als Autorin verehre ich diese mutigen Schritte.

Was keineswegs einen massenmordenden George R. R. Martin betrifft, der seine Figuren wie die Fliegen sterben lässt – ohne Konsequenz für die weitere Handlung oder die anderen Figuren, ohne Motivation, einfach sinnlos. Manchmal kommt es mir so vor, als bräuchte Das Lied von Eis und Feuer bzw. insbesondere der Serien-Ableger Game of Thrones regelmäßig Sexszenen und Figurentode, damit der Leser bzw. Zuschauer am Ball bleibt.

Aber andererseits – zeigt die Tatsache, dass ich mich so sehr darüber aufrege, nicht doch, dass er irgendetwas richtig macht?

Und dann wieder … Mal ehrlich, wir waren alle außer uns über #RedWedding. Aber waren wir wirklich tief traurig, wie bei Dumbledore und Braveheart? Ich jedenfalls nicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon emotional von den Figuren distanziert, um zu verhindern, dass ich zu sehr leide – ist das nicht das Schlimmste, was einem Geschichtenerzähler passieren kann?

Aber genug an dieser Stelle dazu. Ich schließe hier mit dem Fazit: Figuren sterben lassen ist hart, aber oft gut. Figuren-Massensterben ist böse. Immer.

Rowling Martin Meme: You're Adorable. (c)Meme (dramaturgia)

Rowling Martin Meme: You’re Adorable. (c)Meme (dramaturgia)

Martin Meme: Favorite Character. (c)Meme (dramaturgia)

Martin Meme: Favorite Character. (c)Meme (dramaturgia)